Wegen Frauenstreik

10. Juli 2019 11:49; Akt: 10.07.2019 13:42 Print

Gekündigte Frauen wollen Job nicht zurück

Die beiden entlassenen Frauen aus dem Basler Kunstmuseum wollen ihre Stelle nicht zurück. Derweil rechtfertigt sich der Museumsdirektor.

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Das Kunstmuseum Basel hat zwei Mitarbeiterinnen entlassen. Museumsdirektor Josef Helfenstein (links) informierte, dass den beiden Frauen nach massivem öffentlichem Druck der Job wieder angeboten wurde. Die zwei hätten das Angebot aber abgelehnt. Helfenstein verteidigte im Schreiben den Kündigungsentscheid. Gleichzeitig schimpfte er gegen die Medien. Die beiden waren am Freitag, 14. Juni 2019, zur Arbeit erschienen. Um 15.24 wollten sie sich dann den Demonstranten des Frauenstreiks anschliessen. Ab dieser Zeit arbeiten Frauen kostenlos, wie Anne Fritz, Hauptorganisatorin des Streiks erklärte. In Basel hatten sich Tausende zum Streik versammelt. Doch nicht nur dort. Demonstration am Frauenstreik, hier in Zürich. Auch in Lausanne gingen Tausende auf die Strassen. Die Berner Innenstadt fest in der Hand der Demonstrantinnen. Streikende blockieren beim Zürcher Central den Verkehr. Auch die Rettungsfahrzeuge von Schutz und Rettung kamen nicht durch, wie die Stadtpolizei Zürich mitteilte. Die SP-Nationalraetinnen Nadine Masshardt, Yvonne Feri, Laurence Fehlmann Rielle, Priska Seiler Graf, Barbara Gysi, Mattea Meyer, und Jacqueline Badran, von links, während der Sommersession in Bern. Um 11 Uhr wurde die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrochen. Auch Bundesrätin Viola Amherd trug am Freitag Violett. Auch Mitarbeiterinnen einer Kita in Winterthur legten am Freitag ihre Arbeit nieder. In Bern hängten maskierte Aktivistinnen am Morgen Plakate auf. Der Theaterplatz in Luzern war voll besetzt. Zwei Frauen ziehen eine Klitoris-Skulptur über die Hardbrücke in Zürich. In St. Gallen haben sich ebenfalls zahlreiche Frauen zum Streik versammelt. In Sitten VS wollten die Frauen ins Rathaus. Die Polizei hinderte sie daran. Am Freitag dominierte in der Schweiz die Farbe Violett. (Bild aus Lausanne) Am frühen Freitagmorgen verbrannten Aktivistinnen BHs... ...und Schilder. Die Frauen versammelten sich um das Feuer. In Rumlingen BL wurde zum Streik aufgerufen. Der Aufruf hing am Viadukt. Die Gemeinde war damit nicht allein. In der Nacht auf Freitag und am frühen Morgen sind in Lausanne Frauen auf die Strasse gegangen. (13. Juni 2019) Bereits am Donnerstagabend leuchtete der Roche-Turm in Basel im Zeichen des Frauenstreiks. Auch das Konzert Theater Bern war bereit für den Frauenstreik. (13. Juni 2019) Erich Hess (SVP-BE) riss am 13. Juni 2019 vom Rednerpult des Berner Stadtparlaments ein Plakat, das zum Frauenstreik aufruft. Die SVP-Fraktion - die ausschliesslich aus Männern besteht - hatte im Vorfeld einstimmig beschlossen, das Plakat zu tolerieren. Doch Hess sah durch das Plakat die politische Neutralität des Parlaments verletzt und entfernte es. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: 18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018. Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.» «Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen. 57 Prozent der Frauen fühlen sich diskriminiert, während 67 Prozent der Männer keine Benachteiligungen sehen. Für Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist die Notwendigkeit des Streiks ungebrochen, obwohl eine Mehrheit von 53 Prozent keine Diskriminierung der Frauen sieht. «Wir haben Fortschritte gemacht. Aber dass jede Vierte offenbar respektlosen Umgang erlebt, ist weiterhin alarmierend.» Dass zudem die Lohnungleichheit als grösstes Problem gesehen wird, erstaunt Trachsel nicht: «Das ist seit 20 Jahren das Topthema. Es ist objektiv messbar und bewegt daher am meisten.» Doch wie ist es zu erklären, dass 67 Prozent der Männer finden, Chancengleichheit sei gegeben oder gar sie selbst seien diskriminiert? «Männer müssen ins Militär und haben keinen Vaterschaftsurlaub. Sie können sich auch diskriminiert fühlen», sagt Trachsel. Da aber die Rechte der Frauen eher debattiert würden, wehrten sich die Männer, indem sie Frauen die Solidarität entzögen, so Trachsels Interpretation. «Im Vergleich zur Generation meiner Mutter sind wir privilegiert», sagt Claudine Esseiva von den FDP-Frauen. In den letzten Jahren habe man viel erreicht. Die Zahlen zeigten aber, dass es noch Nachholbedarf gebe – auch wenn die Hälfte der Befragten Frauen als nicht benachteiligt ansieht.

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Am 20. Juni erhielten zwei Mitarbeiterinnen des Kunstmuseums die Kündigung, weil sie am am Frauenstreik teilnahmen. Gemäss ihrer Vorgesetzten waren diese zu spät über die Streikteilnahme informiert worden. Zwar hatte das Museum die Kündigungen in der Zwischenzeit wieder zurückgezogen – die beiden Frauen haben aber angegeben, dort nicht mehr arbeiten zu wollen, wie die «bz Basel» berichtete.

Die Frauen waren am Morgen des 14. Juni, am Tag des nationalen Frauenstreiks, zur Arbeit erschienen. Jedoch erklärten sie ihrem Tagesverantwortlichen, dass sie um 15.24 Uhr gehen, um sich dem Demonstrationszug des Frauenstreiks anzuschliessen.

Auf die Kündigung folgte prompt eine Online-Petition, in der gefordert wurde, das die Kündigungen zurückgezogen werde. 3642 Menschen unterschrieben die aus Gewerkschaftskreisen lancierte Forderung. Nach vier Tagen widerrief das Museum in Absprache mit der Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann die Kündigung.

Museumsdirektor verteidigt Kündigung

Die Ablehnung des Wiedereinstellungs-Angebotes ist laut der «bz Basel» einem Schreiben zu entnehmen, das Museumsdirektor Josef Helfenstein an Donatoren, Kunstkommissionsmitglieder und Förderer des Kunstmuseums Basel richtete.

Durch den Brief lässt sich die Stimmung in der Institution nach dem Shitstorm erahnen: Helfenstein verteidigt erneut den Kündigungsentscheid, schliesslich hätten die Frauen eine Lücke im Sicherheitsdispositiv des Museums provoziert. Jedoch habe man die Emotionen in diesem speziellen Fall unterschätzt.

Ungeschickte Kommunikation

Helfenstein schimpft auch über die mediale Berichterstattung. Im populistischen Mainstream sei differenzierte Berichterstattung nicht gefragt. Verantwortung für fehlende Sorgfalt und Verzerrung werde nicht übernommen.

Mit seinen jetzt publik gewordenen Äusserungen zu dieser Angelegenheit wird sich Helfenstein allerdings nicht nur Freunde machen. «Seine Kommunikation ist ungeschickt», meint SP-Grossrätin und Gewerkschafterin Kerstin Wenk. Vielleicht liegt es daran, dass seine Kommunikationschefin in den Ferien ist.

(20 Minuten)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • roger miller am 10.07.2019 12:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    entlassen

    ich hätte sie auch ohne wenn und aber entlassen, auch nichts rückgängig gemacht, und fehlzeit abgezogen

    einklappen einklappen
  • Buebi Stansstad am 10.07.2019 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    so schauts aus!

    das einzig untragbare an der ganzen sache ist, dass der museumsdirektor einen rückzieher gemacht hat und den beiden ihren job zurückgeben wollte. sie blieben unrechtsmässig der arbeit fern und haben die kündigung verdient. egal für welches kasperletheater sie streiken gingen.

  • Sonnenfeld am 10.07.2019 13:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Druck der Politik

    Die Kündigungen sind völlig zu Recht erfolgt und nur unter Druck der Politik aufgehoben worden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mann am 10.07.2019 14:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ihr lebt JETZT also habt freude!

    Tja da wird gekündigt weil man an einer Demo teilnimmt und jetzt will mam die Personen zurück" ich als mann finde dass geil! soll der Cheff jemand anders finden viel spass".

  • maja s. am 10.07.2019 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    bitte, nicht entschuldigen Herr Direktor

    hätte als Chefin auch mit fristloser Kündigung reagiert. Es hiess sie dürfen nicht gehen und sie haben trotzdem den Arbeitsplatz verlassen. Nicht einhalten von interner Anweisung, Vertrauensbruch reicht zur Kündigung gleichwohl noch in der Probezeit. Hier gehts doch gar nicht mehr um ihre Kündigung. Den Feministinnen geht es (meiner Meinung nach) doch hauptsächlich darum zu zeigen, dass sie die Mächtigeren wären. Es ist längst kein Kampf um Gleichberechtigung mehr sondern mittlerweile ein Kampf Frau gegen Mann. Nicht "zu Kreuze kriechen". Sie haben in dem Fall keinen Fehler gemacht.

  • Chris am 10.07.2019 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erpressbarkeit

    Zu blöd. Er hat gezeigt, dass er epressbar ist. Offenbar ging es den Frauen um nichts anderes.

  • Philipp am 10.07.2019 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat recht

    Er hat recht. Das ist nunmal Fakt, und bessere Mitarbeiterinnen als die gibt es allemal.

  • Ar. Beiter am 10.07.2019 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Kündigung war richtig

    Ich als Unternehmer hätte den beiden auch gekündigt ohne wenn und aber! Diese Streiks und Aussagen zu den Löhnen schüren nur Verunsicherung und Unzufriedenheit bei den Frauen. Legt doch einfach mal klar offen wer wo unter gleichen Bedingungen wie viel verdient.