Scientology-Gegner vor Gericht

13. Januar 2020 21:21; Akt: 15.01.2020 15:22 Print

«Er stiess wie ein Habicht dazwischen»

Der Aktivist Manfred Harrer (68) soll Scientologen über Jahre bei ihren Anwerbeaktionen drangsaliert haben. Zu schaffen machte den Parteien vor allem die lange Dauer des Verfahrens.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am Montag musste sich Manfred Harrer, seines Zeichens Anti-Scientology-Aktivist, vor dem Basler Strafgericht einfinden. Er hatte Einspruch gegen einen Strafbefehl erhoben, in dem er wegen Tätlichkeiten, übler Nachrede, Beschimpfungen, Drohung und Nötigung gegen Scientology-Mitglieder verurteilt wurde. Neben einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Franken hatte die Staatsanwaltschaft Harrer noch eine Busse von 300 Franken aufgebrummt.

Die Verhandlung begann damit, dass die Hälfte der Anklagepunkte direkt in den Papierkorb wanderte. Die Ehrverletzungsdelikte sind in der Zwischenzeit nämlich verjährt, der Vertreter der Kläger im Plädoyer als «totale Arbeitsverweigerung» und «Peinlichtkeit sondergleichen» anprangerte. Harrer soll die Taten zwischen 2015 und 2016 begangen haben, der Strafbefehl wurde aber erst im Januar 2019 ausgestellt, ist aber wegen der Einsprache noch nicht rechtskräftig. Das Gericht fand erst jetzt einen Termin für die Verhandlung.

Aktionen gestört

Dass Harrer die Scientologen beim Ansprechen von Passanten auf dem Claraplatz in Basel gestört hat, gibt der 68-jährige Aktivist zu. Die Frage ist, ob er sich strafbar gemacht hat. Während der Strafbefehl die Ereignisse nur sehr rudimentär zusammenfasst, äusserten sich bei der Befragung die Privatkläger gegen Harrer.

Sie werfen ihm vor, sich zwischen sie und die Passanten geworfen zu haben. «Er stiess mit der Vehemenz eines Habichts dazwischen», erinnerte sich einer der Kläger. Die Passanten seien durch seine «unglaubliche Aggressivität» erschrocken gewesen.

«Er wollte sich mit mir prügeln», gab ein anderer Kläger zu Protokoll. Harrer habe ihn bespuckt und ihm gedroht, seine Aktivitäten bei Scientology seinem Arbeitgeber zu melden, damit er den Job verliere. Auch soll Harrer ihm bei einem Zwischenfall das Namensschild abgerissen und ihm zwischen die Beine gefasst haben.

Verteidigerin forder Freispruch

Harrer will niemals handgreiflich geworden sein, beteuerte er vor Gericht. Er habe lediglich aus der Distanz mit dem Ruf «Achtung, gefährliche Sekte!» auf die Identität der Scientologen aufmerksam machen wollen. Diese würden ihren Auftraggeber bei ihren Aktivitäten nicht klar ersichtlich deklarieren, so Harrer. Die meisten Passanten seien für die Warnung dankbar.

Harrers Verteidigerin forderte einen vollumfänglichen und kostenlosen Freispruch für ihren Mandanten. In ihrem Plädoyer argumentierte sie, dass die Tatsachenbestände unzureichen – oder unzureichend belegt – seien, um eine Verurteilung zu rechtfertigen.

Zudem prangerte sie an, dass die Staatsanwaltschaft den Strafbefehl «teilweise wörtlich» von der schriftlich eingereichten Anzeige der Kläger übernommen habe. Auch stiess ihr sauer auf, dass im Rahmen des Verfahrens keine neutralen Zeugen befragt worden seien, obwohl sämtliche Vorfälle auf öffentlichem Boden stattgefunden hätten. Jahre später konnte sich niemand mehr genau erinnern und das Gericht muss nun ein Urteil basierend auf den bestenfalls bruchstückhaften Aussagen der Involvierten fällen.

«Unberechenbar»

Der Vertreter der Privatkläger zeichnete in seinen Ausführungen ein noch beunruhigenderes Bild von Harrer als seinen Mandanten. So bezeichnete er den Beschuldigten als «unberechenbar». Sein Klient habe bei den zahlreichen Begegnungen mit Harrer Panik gehabt – all das habe ein Trauma hinterlassen.

Er forderte eine Verurteilung gemäss Strafbefehl für jene Delikte, die noch nicht verjährt sind. Zudem bezifferte er eine Reihe an Schadensersatz- und Genugtuungsforderungen, mit denen die Verteidigung gar nicht einverstanden war. Die Urteilsverkündung ist für Freitag, 9 Uhr angesetzt.

(las)