Bezahlbarer Wohnraum in Basel

30. Juli 2015 19:26; Akt: 30.07.2015 19:26 Print

Häuserkampf um vier Villen in der Innenstadt

von Matthias Kempf - Aus vier alten Villen soll ein Bürokomplex entstehen. Dagegen wehren sich der Mieterverband und die Bewohner. Sie werfen den Bauherren Trickserei vor.

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«Die Lage ist traumhaft», sagt Philipp Weidauer. Der 28-Jährige wohnt mit sieben Mitbewohnern in einer der alten Villen am Steinengraben oberhalb der Heuwaage. Die vier Herrenhäuser am Steinengraben 30 bis 36 gehören dem Versicherungskonzern Helvetia. Geht es nach dem Unternehmen, sollte an deren Stelle schon lange ein Bürokomplex stehen. Doch die Bewohner sind nicht bereit, ihr Zuhause an bester Lage in der Innenstadt bedingungslos zu räumen. Im Kampf um die Erhaltung der Villen erhalten sie Schützenhilfe vom Mieterverband.

«Wir wollen diese Häuser im Interesse der Stadt erhalten», sagt Beat Leuthardt, Leiter der Rechtsabteilung des Mieterverbands Basel. Seit 2010 kämpft der Verband zusammen mit den Bewohnern gegen den Abriss der Häuser. Der Vorwurf: Missachtung des geltenden Gesetzes und Trickserei. «In Basel muss bei Neubau-Projekten mindestens gleich viel Wohnfläche wie vorher entstehen», so Leuthardt. Dies hätten die Bauherren in ihren ersten Baugesuchen völlig ausser Acht gelassen. Um das Gebäude trotzdem auf ein rechtliches Fundament stützen zu können, hätten sie nun Wohnungen eingeplant, die eigentlich nicht zum Wohnen taugen würden.

Angst vor Verdrängung

Dem Mieterverband geht es in erster Linie um den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum. In den vier Häusern wohnen im Moment über 20 Personen. Die meisten sind jung und haben finanziell begrenzte Möglichkeiten. Es sind Studenten, junge Familien oder Freischaffende. Die neuen Wohnungen könnten sie sich kaum leisten, sagen sie. Deshalb versuchen sie die Bevölkerung für ihr Anliegen zu sensibilisieren.

«Wir haben bereits einen Verein gegründet und eine Petition lanciert», sagt Bewohner Philipp Weidauer. 250 Unterschriften haben sie schon gesammelt. «In den nächsten Tagen möchten wir die Petition online lancieren, um mehr Menschen auf unser Anliegen aufmerksam zu machen.»

Im Petitionsschreiben steht, es sei ein Büroneubau geplant, angereichert mit teuren Loftwohnungen. Es handle sich um einen spekulativen und profitorientierten Abriss: Zusätzlicher Platzbedarf an Büroräumlichkeiten für die Helvetia bestehe nicht.

Helvetia will Standort Basel ausbauen

Dieses Argument lässt man bei Helvetia nicht gelten. «Wir brauchen die Büroräumlichkeiten für uns und werden sie nicht vermieten», sagt Unternehmenssprecher Hansjörg Ryser. «Wir bauen im St. Alban einen Campus und möchten währenddessen unsere Angestellten am Steinengraben unterbringen.»

Er versteht die Aufregung rund um das Projekt nicht. «Nach der Fusion haben wir das Neubau-Projekt übernommen und verbessert. Eigentlich hätten wir nur zwölf Wohneinheiten bauen müssen. Nun bauen wir aber 18, nämlich je neun Zweineinhalb- und Dreieinhalbzimmer-Wohnungen», so Ryser. Von Luxus-Lofts könne somit keine Rede sein.

Er hat zwar Verständnis für die Anliegen der Bewohner, die dort zu einem sehr günstigen Mietzins leben können, macht aber klar: «Wir sind keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern eine Versicherung, die ihren Kunden dient.» Es sei immer klar gewesen, dass die Leute ausziehen müssten, sobald die Baubewilligung vorliegt.

Letzter Kampf steht bevor

Bis am 14. August haben Bewohner und Mietverband noch Zeit für erneute Einsprachen gegen den Neubau. Diese werden sie wahrnehmen. Beat Leuthardt gibt sich kämpferisch: «Bis im nächsten Jahr werden die Gebäude sicher nicht abgerissen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurt am 30.07.2015 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigentum

    Auch wenn mir persönlich alte Häuser gefallen, Fakt ist sie gehören Helvetia . Somit Tabu für Familien und Mittellose! Zudem sind sich viele nicht bewusst, dass bei alten Gemäuer Schäden entstehen und der Eigentümer die Verantwortung trägt. Ein altes Haus zu sanieren kostet nun einmal. Zudem ehrlich gesagt, wer verschenkt gerne sein Eigentum? Auch wenn Helvetia es sich leisten könnte!

  • wertlose am 30.07.2015 19:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Volk ist nichts mehr wert

    Stehen denn diese Villen nicht unter Heimatschutz? Wir haben schon genug von diesen Glaspalästen und Betonschachteln. Gehört eigentlich alles den Versicherungen und Banken?

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  • Nina am 30.07.2015 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Sinn für schöne alte Häuser...

    Vier wunderschöne alter Häuser. Renoviert sind sie ein Schmuckstück für die Stadt. Auch bei alten Häusern, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sollte es für die Eigentümer und die Behörden Ehrensache sein, diese zu erhalten. Büroneubauten kann man auch auf unbebauten Grundstücken errichten, dafür muss man nicht alte Häuser abreissen. Wie Schade, dass bei vielen Menschen heute der Sinn für die Schönheit alter Gebäude völlig fehlt und nur der Profit und das Moderne zählt. Unsere Städte sind schon gesichtslos und hässlich genug.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gerard Dirks am 31.07.2015 22:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn das Villen sind!

    Nicht das ich ein Abriss bevorwurte, aber Mann soll es nicht übertreiben! Das sind kein Villen sonder normalen Reihenhäuser aus Anfang/Mitte des letzte Jahrhundert! Wie soll Mann in Zukunft ein normale Villa benennen? Palast, Schloss? Gérard

  • Martin K. am 31.07.2015 21:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Jaja. Abreisen und büros bauen. Wie unnötig. Oder abreissen und total überteuerte bonzenwohnungen bauen die sich eine famillie in 100 jahren nicht leisten kann. Basel, mach dich noch mehr kaputt. So schade. Ich zieh weg.

  • Abbas Schumacher am 31.07.2015 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wer will da wohnen?

    Also bitte, an der Strasse wohnen? Da gibt es schönere Wohnlagen wo ruhiger sind. Zumal, sehen die Häuser auch nicht mehr schön aus und sind vermutlich auch kaum günstig auf den neuesten baulichen Stand zu bringen? Warum haben die Besitzer (falls Private) an eine Versicherung verkauft, da sollte man entern nachfragen, den so gehen viele Häuser von privatem Besitz in Besitz von Gesellschaften usw. und die bauen immer nach ihrer Rendite.

  • Philipp am 31.07.2015 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Scheinheilig

    Die Häuser wurden von den Bewohnern an die Helvetia verkauft - es war klar, dass sie abgerissen würden. Es ist nun mehr als scheinheilig, das Vorhaben zu kritisieren.

  • R.Sutter am 31.07.2015 07:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wär schade

    Kann man nicht wenigstens die Häuserfronten erhalten? So wie beim Hotel Engel in Liestal. Der ganze Charme dieser wunderschönen Stadt mit den alten Herrenhäusern geht durch die modernen Klötze und Glaspaläste völlig kaputt.

    • Züri am 01.08.2015 00:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Hööö?

      Wunderschöne Stadt? Ich dachte es geht um Basel?

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