Strafgericht BL

18. Juli 2019 15:34; Akt: 18.07.2019 17:35 Print

Hat sich das Opfer die Geschichte zurechtgelegt?

Ein 55-Jähriger wurde am Donnerstag vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. Das Gericht zweifelte allerdings nicht daran, dass es zu sexuellen Handlungen kam.

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Die Aussagen der jungen Frau in der Ersteinvernahme durch die Staatsanwaltschaft seien «eindrücklich» gewesen, sagte Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli in der Urteilsbegründung. «Sie war kaum in der Lage, das zu erfinden.» So hatte das Gericht keine Zweifel, dass es zwischen dem heute 55-jährigen Deutschen und der 30 Jahre jüngere Privatklägerin zu sexuellen Handlungen gekommen ist.

Ihm wurde vorgeworfen, die junge Frau über Jahre zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Die Kontakte sollen während der Arbeit stattgefunden haben, beide arbeiteten im gleichen Betrieb. Die junge Frau aus zerrütteten Verhältnissen sehnte sich nach einer Ersatzfamilie, die sie bei ihm fand. Regelmässig verkehrte sie bei der Familie des Deutschen. Das soll er systematisch ausgenutzt haben. Die Anklage verlangte im Falle eines Schuldspruchs eine vierjährige Haftstrafe. Der Beschuldigte bestritt die Vorwürfe indes stets.

Von den Vorwürfen der mehrfachen sexuellen Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit Abhängigen und mehrfacher Ausnützung einer Notlage wurde der Beschuldigte aber freigesprochen. Für das Gericht war nicht erstellt, dass die Kontakte nicht einvernehmlich waren. Im Zweifel musste es davon ausgehen, dass der Beschuldigte zumindest nicht erkennen konnte, dass die junge Frau nicht einverstanden war.

Vier-Augen-Delikt und keine Beweise

Auch ein aussagepsychologisches Gutachten der Anklage taxierte das Gericht als methodisch mangelhaft. Noch bevor die junge Frau erstmals eine Aussage machte, war sie bereits in einer stationären Therapie. Dabei könne nicht ausgeschlossen werden, dass eine Suggestion stattgefunden habe. «Es besteht die Gefahr, dass in der Therapie eine Geschichte zurechtgelegt wurde, mit der sie das Erlebte besser verarbeiten kann», so Laeuchli.

Mangels Beweisen und im Zweifel für den Angeklagten, blieb dem Gericht gar nichts anderes als ein Freispruch übrig. «Es ist wie so oft ein Vier-Augen-Delikt», sagte die Präsidentin eingangs der Urteilsbegründung. Ausser den Beteiligten hat niemand etwas gesehen.

(lha)