Brisantes Gutachten

20. Juni 2019 15:30; Akt: 21.06.2019 11:59 Print

Neues Trendquartier auf verseuchtem Boden?

Auf den ehemaligen Produktionsstätten der Basler Chemie soll auf 160 Hektaren das Quartier der Zukunft entstehen. Ein neues Gutachten, wirft Fragen zur Belastung des Bodens auf.

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Einst sollen auf dem Areal im Basler Klybeck-Quartier rund 20'000 Menschen wohnen und 30'000 Arbeitsplätze angiesedelt werden. Unter dem Namen «Klybeckplus» wird seit über zwei Jahren an der Umnutzung des 160 Hektare grossen Areals gearbeitet. Der Boden ist aber durch über 150 Jahre Industrienutzung durch die BASF und die Novartis stark mit hochgiftigen Substanzen belastet, wie ein am Donnerstag veröffentlichter Bericht der Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz (Aefu) aufdeckt.

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Sollen die BASF und die Novartis für die Sanierung aufkommen?

Darunter könnten auch chemische Kampfstoffe wie Senfgas sein. «Bis heute weiss niemand genau, wie der Chemiemüll zusammengesetzt ist. Jetzt würde ich dort nicht wohnen wollen», sagt Aefu-Gutachter Martin Forter.

Das Aefu-Gutachten liegt 20 Minuten vor. Seit 1864 ist auf dem Gelände mit giftigen Stoffen hantiert worden, heisst es darin. «Durch die Lagerung in undichten Tanks, geborstene Behälter oder undichte Abwasserleitungen» seien die Chemikalien teilweise «in grossen Mengen» in die Umwelt gelangt.

Mangelhafte Suche nach Giften

Forter prangert an, dass die BASF und die Novartis bei der Bodenanalyse unzureichend gearbeitet hätten, um dem Ausmass der Schadstoffbelastung gerecht zu werden. Laut dem Bericht traten beispielsweise sogenannte Toluidine von 1998 bis 1999 aus der undichten Kanalisation unter dem Areal aus. Dazu gehört auch o-Toluidin, eine krebserregende Substanz, die für die Herstellung von Farbstoffen und Unkrautvertilgern verwendet wird. Obwohl der Austritt des Stoffs bekannt war, hätten die Unternehmen nie per Einzelstoffanalyse danach gesucht.

Insgesamt könnten über 2000 verschiedene gefährliche Chemikalien im Boden unter dem geplanten Wohn- und Gewerbeareal lauern – Menge und Konzentration unbekannt.

Wer soll den Boden bewohnbar machen?

Der Chemiemüll auf den Industriearealen und auf öffentlichem Grund sei bisher nicht gründlich untersucht worden. Darum sei unklar, ob und wie viele Verschmutzungsherde es gibt, die saniert werden müssten. «Wir wollen wissen, wo welcher Chemiemüll liegt und welche Konsequenzen er für Mensch und Umwelt hat», sagt Forter. Gebaut werden solle erst, nachdem auf Kosten der Verursacher aufgeräumt wurde.

Doch wer muss die Sanierungskosten übernehmen? Der Kanton Basel-Stadt wollte das Areal nicht. Stattdessen kaufte die Central Real Estate AG am 22. Mai das 160'000 Quadratmeter grosse Grundsück von der Novartis. Hinter der Immbobilien-Beteiligungsgesellschaft stehen nach eigenen Angaben unter anderem die Baloise, die Credit Suisse Anlagestiftung sowie diverse Schweizer Pensionskassen.

Das Unternehmen verweist im Bezug auf den Sanierungsbedarf auf die Behörden. Diese würden das Areal gegenwärtig nur als überwachungsbedürftig einstufen.

Das sagt die Novartis

«Es besteht keine Notwendigkeit für Sanierungen ausserhalb eines konkreten Bauvorhabens», sagt Novartis-Sprecher Daniel Zehnder auf Anfrage von 20 Minuten. Gemäss durchgeführten Untersuchungen bestehe keine Gefahr für Mensch und Umwelt.

«Die Planung und Durchführung der Bauprojekte und damit verbunden der Aushub- und Entsorgungsmassnahmen obliegen der Käuferin», fügt er an. Das wäre wiederum die Central Real Estate AG. Diese ist laut Zehnder «im Detail» über die Belastungen informiert.

Das sagt die BASF

BASF-Sprecher Franz Kuntz hebt hervor, dass Untersuchungen ergeben hätten, dass keine Chemieabfälle bewusst im Untergrund gelagert wurden. Auch laut ihm obliegen etwaige Sanierungen den Investoren, also der Central Real Estate AG.

Kuntz weist jedoch darauf hin, dass die Baubewilligung nur dann erteilt werde, wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Kostendeckung für zu erwartende Massnahmen gegeben ist.

(las)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Massimo am 20.06.2019 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Im falschen Film!

    Wie ist es möglich, dass Chemiekonzerne sich selbst überprüfen? Da braucht es doch eine unabhängige und gründliche Untersuchung Seitens der Behörden. Aber leider wollen diese auch nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, zu tief graben, stecken sie doch auch mit drin...

  • ä Bebbi am 20.06.2019 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer träumt denn da...

    20'000 Menschen sollen da mal wohnen? 30'000 da arbeiten? Wer soll das sein? Und wer schafft all die Arbeitsplätze? Novartis vielleicht? Ist ja im Moment eher die andere Richtung angesagt...

  • Puschek am 20.06.2019 16:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chemie Abfall

    Die Chemie Unternehmer wollen mal wieder nichts wissen und laden den ganzen Aufwand wieder anderen zu. Sie haben ja die ganze Zeit kein Geld erwirtschaftet sondern nur Verlust gemacht (Milliarden). Hoffentlich müssen sie bezahlen

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • steph am 20.06.2019 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    be...issen

    aber wichtig ist das die autos zwangsweise aus städten verbannt werden sollen. unsere nation ist ein schlechter witz

  • Justsaying am 20.06.2019 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Brisanter

    Chemische Kampfstoffe auf und in unserer Nahrung.

  • Durin am 20.06.2019 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Melkkuh

    Die Chemieriesen werden gut verdient haben und ihre Hinterlassenschaften werden dann wieder einmal die Steuerzahler übernehmen dürfen... das gab's doch schon mal irgendwo.

  • Roland am 20.06.2019 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Rechnen ist Glücksache

    Rechnen ist Glücksache:160'000 m2 sind 16 Hektaren und nicht 160 wie im Text erwähnt.........

  • Fridolin am 20.06.2019 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung

    So viel zur Eigenverantwortung von Unternehmen, die sich immer wieder über starke UnterstützerInnen im Parlament erfolgreich gegen Auflagen und Regulatorien wehren.