«Tauften ihn Philip»

11. Juni 2019 17:22; Akt: 11.06.2019 18:54 Print

«Lassen Sie unbedingt die Finger von diesem Tier»

Leser-Reporter fanden in der Birs bei Reinach (BL) einen Krebs und gingen davon aus, dass es sich um einen Hummer handelt. Dem ist jedoch nicht so.

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Dieses Tier haben Leser-Reporter in der Birs gefunden. Sie dachten, es handle sich um einen Hummer. Es ist jedoch ein invasiver Signalkrebs. Ein Experte warnt davor, die Tiere zu verschleppen: Sie gefährden die heimischen Krebsarten. Signalkrebse können die Krebspest übertragen. Die landesweit wichtigste Population des seltenen Dohlenkrebses (im Bild) wurde durch diese Krankheit ausgelöscht: In der Lützel bei Laufen wurden 2013 Hunderte von toten Tiere gefunden. Beim Signalkrebs handelt es sich nicht um die einzige gebietsfremde Art in der Schweiz. In der Bilderstrecke sind einige Pflanzen und Tiere aufgelistet, die ursprünglich von anderen Kontinenten kommen und hiesige Lebewesen verdrängen. Wetten, dass einige Arten Sie überraschen werden, weil sie nicht schon immer Teil der Schweizer Flora und Fauna waren? Fangen wir mit dem Sommerflieder an, der in vielen Schweizer Gärten anzutreffen ist. Ursprünglich stammt er aus China und dem Tibet. Er lockt zahlreiche Schmetterlinge an. Dies sind in der Regel nur häufige Arten. Der Sommerflieder kann durch seinen grossen Bestand andere wertvolle Pflanzen verdrängen. Dadurch fehlen die Futterpflanzen der Raupen von seltenen Schmetterlingen. Den Kirschlorbeer gibt es bei Detailhändlern zu kaufen, obwohl er als invasive Problempflanze gilt. Auch die Goldrute ist ein invasiver Neophyt. In verschiedenen Gemeinden gibt es Aktionen, bei denen diese Pflanzen ausgerissen und anschliessend vernichtet werden. Wer diese Pflanze sieht, sollte sie unter keinen Umständen anfassen. Der Riesen-Bärenklau kann starke Verbrennungen hervorrufen. Im Neophyten-Feldbuch der Stiftung Info Flora ist die Verbreitung des Riesen-Bärenklaus zu sehen. Rot markiert: Bestand der Pflanze. Grün: Erfolgreiche Ausrottung. Grosser Bestand von Hanfpalmen in einem Wald bei Locarno: Basler Forscher haben die exotische Baumart auch in Basler Wäldern nachgewiesen. In der Landwirtschaft kann die Ambrosie erhebliche Schäden verursachen, da sie einheimische Pflanzen konkurrenziert die Ernte erschweren kann. Viel gravierender sind jedoch die gesundheitlichen Aspekte.Der Blütenstaub kann bei empfindlichen Personen schwere Asthmaanfälle auslösen. Nicht zu verwecheln mit dem Gemeinen Beifuss (links im Bild), der hierzulande wächst. Der Japanische Staudenknöterich ist heute in vielen europäischen Ländern, 42 US-Bundesstaaten sowie sechs kanadischen Provinzen verbreitet und kann dort in starkem Masse andere Arten verdrängen und so die Biodiversität gefährden. Gehört zu den Invasiven Arten, vor denen gewarnt wird: das drüsige Springkraut. Neophyten wie dieser Götterbaum verbreiten sich rasend schnell in der Schweiz.Der Kanton Luzern startete 2015 eine Offensive gegen den Götterbaum. Die Herkulesstaude zählt in Europa zu den problematischen Neophyten. Die Dickstielige Wasserhyazinthe ist eine ausdauernde und freischwimmende Wasserpflanze. Ohne Fressfeinde vermehrt sich die Schwimmpflanze massenhaft und wuchert sämtliche Binnengewässer zu. Die Nutria stammt aus Pelztierzuchten und siedelte sich in der Natur an Flüssen und Seen an. Hier sehen sie keine Nutria, sondern eine Bisamratte. Ursprünglich gab es sie ausschliesslich in Nordamerika. Ausgehend von Böhmen und später Frankreich breitete sie sich über fast ganz Europa und Asien aus. Die Bezeichnung Bisamratte ist irreführend, denn zoologisch ist die Bisamratte keine Rattenart. Auch der Waschbär entkam aus Pelztierfarmen oder wurde angesiedelt, um «die heimische Fauna zu bereichern». Das Centre Suisse de Cartographie de la Faune führt eine Karte mit allen gemeldeten Sichtungen von Waschbären. Rot die Sichtungen seit 2010, orange diejenigen vor 2010. Sieht ein bisschen wie ein Waschbär aus, ist aber keiner. Der Marderhund ist eine Art aus der Familie der Hunde. Mit dem Waschbär ist er nicht näher verwandt. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet umfasst das östliche Sibirien, das nordöstliche China und Japan. In Europa ist er ein Neubürger, der ursprünglich ausgesetzt wurde, um das Marderhundfell wirtschaftlich zu nutzen. Das Pallashörnchen hat seine Heimat im zentralen und östlichen Südchina und grossen Teilen des südostasiatischen Festlandes von Vietnam bis nach Bangladesch und Nordindien. Durch den Menschen wurde das Pallashörnchen inzwischen auch in Frankreich und Belgien verbreitet. Die Glanzkrähe ist eine Vogelart der Gattung Raben und Krähen. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt auf dem Indischen Subkontinent und in Westindochina. Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie vom Menschen auf Schiffen nach Afrika, Arabien, Europa, Japan und Australien verschleppt, wo sie sich zeitweise oder dauerhaft etablieren konnte. Ein Leser-Reporter fotografierte Ende März eine Nilgans in einem Storchenhorst in Riehen (BS). Der ursprüngliche natürliche Lebensraum der Tiere ist Afrika. Mittlerweile leben die Vögel jedoch auch in Europa, weil sie als Haustiere gehalten und in der Wildnis ausgesetzt wurden oder ausgebüxt sind. Die Schwarzkopfruderente ist ein Gefangenschaftsflüchtling. Alle in Kontinentaleuropa verbreiteten Exemplare stammen von wenigen Pärchen ab. Was viele nicht wissen: Auch der Schwan war ursprünglich ein invasives Tier. Heute haben wir uns jedoch an den Anblick längst gewöhnt. Die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte gilt in Europa seit dem 13. Juli 2016 als invasiv. Halter haben die Tiere ausgesetzt, weil sie ihnen entweder zu gross oder zu lästig geworden sind. Eingeführte Populationen gibt es unter anderem in Kalifornien, Frankreich, Südafrika, Bahrain, Japan, Südkorea, Guam und Thailand. Ursprünglich kommt der Ochsenfrosch aus dem östlichen und mittleren Nordamerika. Die Art wurde vom Menschen als Neozoon eingeführt, so auf Kuba, Puerto Rico, Jamaika, Hawaii, in Japan, China und Taiwan. Auch nach Europa wurde der große Frosch gebracht. Besonders In Italien konnte sich der Ochsenfrosch seit den 1930er-Jahren dauerhaft und grösserflächig etablieren. Der Marmorkrebs vermehrt sich ungeschlechtlich. Der Krebs breitet sich weltweit aus, gilt als Überträger der Krebspest und verdrängt heimische Arten. Im asiatischen Raum, wo die Körbchenmuschel herkommt, nennt man sie «Muschel des Glücks» – in Schweizer Seen richtet sie dagegen Unheil an. Das natürliche Vorkommen der Amur-Schläfergrundel liegt im Amurbecken im Fernen Osten Russlands und im nordöstlichen China sowie im nördlichen Korea. 1912 wurden erstmals einige Exemplare zur Aquarienhaltung nach Sankt Petersburg gebracht und vier Jahre später in Fischteichen ausgesetzt. Der Fisch ist 2016 in die Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung für die Europäische Union aufgenommen worden. Vespa velutina ist eine in Südostasien heimische Hornissenart. Sie wurde erstmals 2004 auch in Südwestfrankreich nachgewiesen und breitet sich seither invasiv in Europa aus. Die wegen der Übertragung von Dengue-Fieber und Zika gefürchtete Asiatische Tigermücke hat sich mittlerweile in vielen Regionen Europas angesiedelt.

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Am Wochenende wähnten sich Leser-Reporter im Glück, weil sie in der Birs einen vermeintlich seltenen Fund gemacht haben. «Diesen Hummer fanden wir im Fluss. Wir haben ihn auf den Namen Phillipp getauft», schreiben sie. Das Tier ist jedoch keineswegs ein Hummer, der sich kaum freiwillig im Süsswasser aufhalten würde, sondern ein gefährlicher Eindringling: ein Signalkrebs aus der Familie der Grosskrebse.

«Der Signalkrebs ist ein grosswüchsiger Flusskrebs. Männchen können bis 16 cm Körperlänge erreichen, Weibchen bleiben mit 12 cm kleiner. Die Scheren sind besonders beim Männchen breit und gross», heisst es in einer Broschüre über Neophyten und Neozoen des Amts für Umweltkoordination und Energie des Kantons Bern.

Seltene Krebsart bei Laufen ausgelöscht

Seine Grösse sei es auch, die den einheimischen Krebsen zum Verhängnis werde, sagt Daniel Zopfi vom Jagd- und Fischereiwesen Basel-Landschaft. Begegnet ihm ein einheimischer Dohlenkrebs, ist der Signalkrebs diesem «wesentlich überlegen», so Zopfi. In Gewässern, in denen der Signalkrebs vorkommt, sterben die einheimischen Krebse aus und können kaum mehr angesiedelt werden.

Ein weiteres Übel, dass der ursprünglich aus Nordamerika stammende Krebs mit sich bringt: Er überträgt die Krebspest. Seit rund zehn Jahren treibt das Neozoon in der Region sein Unwesen. 2013 löschte diese tödliche Pilzkrankheit in der Lützel bei Laufen die Dohlenkrebse bereits komplett aus. Es handelte sich um die landesweit wichtigste Population des seltenen Krebses.

Krebse mit Absicht nach Europa eingeführt

Die Krebspest in den 1960er-Jahren war auch dafür ausschlaggebend, dass der Signalkrebs seinen Weg nach Europa fand. Nachdem die Krankheit die Bestände des heimischen Edelkrebses stark dezimiert hatte, wurde der Signalkrebs mit voller Absicht nach Europa eingeführt. Damit bezweckte man einerseits, die fehlenden Erträge beim Edelkrebs auszugleichen, anderseits wollte man die «Lücke» im Ökosystem füllen.

Hunderte Signalkrebse würden jährlich aus der Birs und dem Birsig gefischt, so Zopfi. «Mit Reusenfang versuchen wir die Verbreitung zu verhindern. Mehr kann man heute leider nicht machen», sagt er.

Kann man die Signalkrebse essen?

Obwohl der Krebs zum Verzehr geeignet ist, werden die Tiere vom zuständigen Amt fachgerecht getötet und anschliessend entsorgt. «Getötet werden müssen die Krebse laut Tierschutz, indem man sie der Länge nach teilt», erklärt Zopfi. Danach sei vom Krebs nicht mehr viel übrig, dass man essen könnte. In der Gastronomie würden Krebse fachgerecht betäubt, ehe sie im Kochtopf landen. «Mit dem passenden Betäubungs- und Tötungsgerät wäre es durchaus denkbar, dass die Signalkrebse aus der Region schon bald auf dem Teller landen», weiss Zopfi.

Doch was tun, wenn man in einem Fluss auf einen Signalkrebs trifft? «Einfach die Finger von dem Krebs lassen und auf keinen Fall in ein anderes Gewässer transportieren», warnt Zopfi. Im schmimmsten Fall helfe man sonst der Art dabei, sich weiter auszubreiten.

(jd)