Mütter ohne Ausbildung

06. September 2018 05:48; Akt: 06.09.2018 09:32 Print

«Entweder das Kind oder die Lehrstelle»

Für Mütter ist es oft schwer, eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle zu finden. Zahlreiche Betroffene meldeten sich bei 20 Minuten zum Thema. Doch es werden auch Gegenstimmen laut.

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Die Geschichte von Saskia Müller ist kein Einzelfall. Zahlreiche junge Mütter meldeten sich, nachdem sie von der vierfachen Mutter gelesen haben, die grosse Probleme bei der Lehrstellensuche hat. Viele von ihnen fühlen sich von Arbeitgebern diskriminiert.

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«Für Väter geht der Arbeitsalltag genau so weiter, wie es vor der Geburt eines Kindes war», empört sich eine Mutter. Sie habe selbst ihren Job verloren, nachdem sie ihrem Arbeitgeber von ihrer Schwangerschaft erzählt habe. «Bevor wir über das zukünftige Arbeitspensum sprechen konnten, hat er mir eröffnet, dass er die Kündigung ‹im gegenseitigen Einvernehmen› ausstellen würde», erzählt sie.

Tragische Fälle und Erfolgsgeschichten

Eine weitere Leserin wurde schwanger, kurz bevor sie eine Lehre zur Coiffeuse anfangen sollte. «Dann hiess es: entweder das Kind oder die Lehrstelle», sagt sie. Sie entschied sich für das Kind. Als dieses ein halbes Jahr alt war, habe sie wieder angefangen, Bewerbungen zu schreiben. Auf gegen 100 Ausbildungsstellen habe sie sich beworben und schliesslich eine Zusage bekommen. «Es war perfekt», so die Mutter. «Meine Schwiegermutter schaute jeden Tag auf die Kleine.» Sie habe nie bei der Arbeit gefehlt. Trotzdem habe die Chefin ihr im zweiten Lehrjahr gekündigt. «Weil sie dachte, ich sei sonst eine schlechte Mutter», sagt sie.

A. G.* hat es geschafft, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen. «Ich habe selbst erst als 30-Jährige und zweifache Mutter eine Ausbildung begonnen und dann erfolgreich abgeschlossen.» Mit mittlerweile 34 Jahren besuche sie nun sogar eine Höhere Fachschule: «Und das trotz Kindern.»

Fehlzeiten stören

Eine kinderlose Arbeitnehmerin hingegen stört sich an ständigen Abwesenheiten junger Mütter. Sie hat einen Vollzeitjob in einer Branche, in der viele Frauen arbeiten. «Genau diese Frauen sind es, die die Fehlzeiten der Mütter auffangen müssen», merkt sie an.

Auch ein Arbeitgeber meldete sich auf den Artikel. «Leider ist es in der Tat so, dass Mütter öfter fehlen als kinderlose Frauen», sagt er. Zudem seien sie unflexibel, was zu Problemen führe. «Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich stelle keine Mütter mit Kindern unter 14 Jahren mehr ein», sagt er.

«Meist liegt die Hauptverantwortung bei der Mutter»

Franziska Reinhard, Geschäftsleiterin des Vereins Amie, bestätigt, dass es Arbeitgeber gibt, die Vorbehalte haben. Die Organisation hilft jungen Müttern bei der Integration ins Arbeitsleben. «Es gibt aber auch immer wieder Arbeitgeber, die junge Mütter unterstützen», sagt sie. «Die grösste Hürde ist, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. Dann kommt die Organisation mit der Kinderbetreuung», so Reinhard.

Viele arbeitende Frauen seien enttäuscht, weil ihnen nichts anderes übrig bleibe, als «typische Frauenberufe» auszuüben. Dort werde oft in der Nacht oder samstags gearbeitet, wenn die Kitas geschlossen seien. Die jungen Väter seien häufig selber noch in der Ausbildung oder die Frauen lebten nicht in einer Partnerschaft. «Meist liegt die Hauptverantwortung bei der Mutter», so Reinhard.

Im Schnitt sind die Frauen, die zu Amie kommen, 21 bis 23 Jahre alt. «Wir stellen fest, dass es für über 26-Jährige schwieriger ist, eine Lehrstelle zu finden», sagt Reinhard. Viele Arbeitgeber bevorzugten junge Menschen. Dennoch: «Wir ermutigen die jungen Mütter, eine Ausbildung zu machen», weil dies ein besserer Schutz vor der Armutsfalle sei, als einfach irgendwo arbeiten zu gehen.

*Namen der Redaktion bekannt

(lb)