Erzwungene Abtreibung

17. Januar 2019 18:27; Akt: 17.01.2019 21:20 Print

Gynäkologen verlangen unabhängige Dolmetscher

Der Fall eines Kosovaren, der das Kind seiner Frau ohne deren Wissen abtreiben liess, wirft ein Schlaglicht auf Sprachbarrieren im Gesundheitswesen und Mängel bei der Integration.

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Das Basler Strafgericht muss im Februar einen Fall von strafbarem Schwangerschaftsabbruch beurteilen: Ein Kosovare hatte seine Frau zur Abtreibung gezwungen, diese wusste aber nicht einmal von der Schwangerschaft. Laut Anklage hatte der gewalttätige Mann seine Frau eingeschüchtert und mit seiner Mutter ein Komplott zur Abtreibung geschmiedet, als diese den Verdacht äusserte, dass ihre Schwiegertochter schwanger geworden sei. Der Ehemann machte mit einer Urinprobe seiner Frau heimlich den Schwangerschaftstest. Vor ihr verheimlichte er die Schwangerschaft. Der Ultraschall bei der Gynäkologin bestätigte die Schwangerschaft schliesslich. Der Ehemann trat bei den Konsultationen stets als Dolmetscher seiner Frau auf und machte ihr weis, dass es sich um eine Routineuntersuchung handle. Die Frauenärztin gab der ahnungslosen Schwangeren schliesslich das Medikament Cytotec, das zum Abbruch der Schwangerschaft führte. Die Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe fordert, dass unabhängige Übersetzungen bei Themenbereichen wie Schwangerschaftsabbruch, Verhütung und sexuelle Gewalt zwingend zwingend werden. «In der Praxis sind Ärzte oft auf den Goodwill und die Ehrlichkeit der übersetzenden Person angewiesen», sagt Thomas Eggimann, Generalsekretär der SGGG. Für Isabel Garcia, die Präsidentin der Migrantenorganisation Secondas Zürich, zeigt der Fall auch Versäumnisse auf mehreren Ebenen auf: zum einen bei der Integration von erwachsenen Migranten, aber auch bei Sprachbarrieren und interkulturellen Hürden im Gesundheitswesen.

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«Der Fall hat mich erschüttert», sagt Isabel Garcia, Präsidentin der Migranten-Organisation Secondas Zürich. Ein Kosovare aus Basel, der bei seiner Frau eine Abtreibung hatte vornehmen lassen, ohne dass sie überhaupt von ihrer Schwangerschaft wusste, muss sich Anfang Februar wegen strafbarem Schwangerschaftsabbruch vor dem Basler Strafgericht verantworten. Seine Frau, die kaum ein Wort Deutsch sprach, war dem 26-Jährigen praktisch ausgeliefert. Er war es auch, der die Gespräche mit der Frauenärztin führte, der er vorlog, seiner Frau alles wahrheitsgetreu zu übersetzen.

Dass Migranten im Gesundheitswesen sprachlich überfordert sind, kommt regelmässig vor. «Ich höre das immer wieder», sagt Garcia. Allerdings betreffe das vor allem Migranten, die nicht in der Schweiz aufgewachsen seien. Für Garcia ist klar: «Der Zugang zu Dolmetschern im Gesundheitswesen wurde bislang vernachlässigt.»

Gynäkologen-Verband fordert bessere Standards

Die Basler Frauenärztin, die die Kosovarin behandelte, vertraute darauf, dass der Ehemann korrekt übersetzte und im Interesse seiner Frau handelte. Damit hat sie von Gesetzes wegen alles richtig gemacht. Die Vorschriften sind aber nicht ausreichend, findet die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) und fordert, dass eine unabhängige Übersetzung bei den Themen Verhütung, Abbruch und sexuelle Gewalt zwingend sein müsste. «Bei dieser Geschichte läuft einem der kalte Schauer den Rücken runter, ich hoffe, dass dies ein trauriger Einzelfall ist und bleibt», so SGGG-Generalsekretär Thomas Eggimann.

Garcia lobt die Praxis des Universitätsspitals. Private Arztpraxen hätten aber nicht die gleichen Ressourcen, gibt sie zu bedenken. «In der Praxis sind Ärzte oft auf den Goodwill und die Ehrlichkeit der übersetzenden Person angewiesen», sagt auch Eggimann. Dolmetscherdienste sind da noch nicht institutionalisiert. Obschon es sie gibt in der Schweiz. In der Region Basel bieten das Hilfswerk Heks und der Ausländerdienst Baselland solche Dienste an. Die schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen Interpret führt eine Liste mit regionalen Vermittlungsstellen.

Versäumnisse bei der Integration von Erwachsenen

Der Fall der Kosovarin wirft für Isabel Garcia allerdings Fragen in Bezug auf die Integration von Erwachsenen auf. Die junge Frau kam ohne Deutschkenntnisse, aber auch ohne Wissen über ihre Rechte in die Schweiz, wo sie von ihrem Mann und der Schwiegermutter de facto wie eine Gefangene gehalten wurde. Hier wäre seitens der Behörden mehr Verbindlichkeit gefragt, sagt Garcia. «Nur mit Freiwilligkeit erreicht man da nichts.»

(lha)