Basel

06. Juli 2018 11:02; Akt: 06.07.2018 13:02 Print

Täter tötete Obdachlosen in religiösem Wahn

Die Anklageschrift zum Mord des Obdachlosen Georg C. von der Dreirosenbrücke liegt vor. Der mutmassliche Täter sei ein religiöser Fanatiker und werde als schuldunfähig eingestuft.

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Der mutmassliche Mörder des Obdachlosen Georg C.* soll in die Psychiatrie eingewiesen werden. Das geht aus der Anklageschrift der Basler Staatsanwaltschaft hervor, die jetzt der «Basellandschaftlichen Zeitung» (bz) vorliegt. Weil der 22-jährige Brasilianer V.* eine Psychose habe, werde er als schuldunfähig eingestuft. Die Staatsanwaltschaft beantrage daher die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie.

Nicht einmal 24 Stunden nach der Tat wurde V. von der Polizei verhaftet, nachdem er den Mord angeblich einem Freund gestanden hatte. Sein Opfer, der 60-jährige Obdachlose, lebte seit 15 Jahren unter der Dreirosenbrücke und war im Quartier vor allem bei Kindern sehr beliebt.

Bereits in frühen Jahren sehr religiös

V. sei in Brasilien bei seinen Grosseltern aufgewachsen, die aber verstarben, als er elf Jahre alt war, wie die Zeitung berichtet. Laut der Mutter, zu der er nur selten Kontakt hatte, wuchs er sehr religiös auf. Mit den Jahren sei er aber immer fanatischer geworden. So habe er sich eingebildet, er erhalte von Gott Aufträge beziehungsweise sei selbst Gott.

Ermittler hätten in seiner Wohnung zwei aus einer Bibel herausgerissene Seiten aus dem Buch Ezechiel gefunden. Dieser Prophet sei für detaillierte Vernichtungsfantasien bekannt. So heisst es in Kapitel neun über Nichtgläubige: «Schreitet durch die Stadt (...) und schlagt zu! Kalt sollen eure Augen blicken, und ihr sollt kein Mitleid haben! Greise, junge Männer und junge Frauen und Kinder und Frauen – bringt sie um, vernichtet sie!», zitiert die «Basellandschaftliche Zeitung».

Opfer sollte bekehrt werden

Da V. auf der Dreirosenanlage regelmässig Kampfsport trainierte, kam ihm Georg C. wohl ins Visier. Der ruhige Obdachlose, der laut Marc Moresi von der Freizeithalle Dreirosen viel Wert auf seine Privatsphäre gelegt habe, sei von V. mit religiösen Bekehrungsversuchen traktiert worden, gegen die er sich verbal gewehrt habe.

Kurz vor der Tat habe V., der sich neben dem Mord noch wegen weiterer Delikte und Körperverletzungen verantworten muss, wohl einen erneuten psychotischen Schub gehabt und sich eingebildet, Gott hätte ihn beauftragt, Georg C. zu töten, sollte dieser sich nicht bekehren lassen. Mit einem Küchenmesser bewaffnet, habe er sich auf den Weg zum Obdachlosen gemacht, sei dann aber wieder umgekehrt, weil er Zweifel gehabt habe.

Erster Messerstich tödlich

Eine Stunde später, gegen 1 Uhr am 21. Dezember 2017, sei er dann zurückgekehrt. Laut Anklage soll er Georg C. beschimpft und bedroht haben. Ohne Vorwarnung habe er ihm mit der Faust an den Kopf geschlagen und dem wehrlosen 60-Jährigen das Messer mit einer solchen Heftigkeit in die Brust gerammt, dass die Klinge abbrach.

Dabei sei die Hauptschlagader vom Herz getrennt worden. V. habe im Wahn noch mehrmals auf den leblosen Körper eingestochen – und das Messer dann in den Rhein geworfen. Er sei über die Dreirosenbrücke in seine Wohnung geflüchtet, wo er in der Bibel gelesen und gebetet habe. Die Tat habe er noch am selben Tag einem Freund gestanden. Nur wenige Stunden später konnte ihn die Polizei festnehmen.

Wegen seiner psychischen Störungen sei V. unter anderem in den Universitären Psychiatrischen Kliniken behandelt worden, auch mit Medikamenten. Die Therapie sei jedoch nicht konsequent gewesen. Erschwerend komme hinzu, dass er lange Zeit beträchtliche Mengen an Marihuana konsumierte habe.

Der Fall wird voraussichtlich im November vor dem Strafgericht verhandelt.

*Namen der Redaktion bekannt

(sis)