37-mal mit Messer zugestochen

13. September 2016 18:02; Akt: 13.09.2016 19:23 Print

Prostituierte wegen Streit um Geld erstochen?

Ein Mann tötete im Mai 2015 eine Basler Prostituierte mit 37 Messerstichen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von 19 Jahren wegen Mordes.

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Jean Paul – unter diesem Pseudonym verkehrte der Angeklagte regelmässig im Basler Rotlichtmilieu – hatte am Morgen des 7. Mai 2015 bereits eine durchzechte Nacht mit befreundeten Prostituierten hinter sich. Sie hatten mit Alkohol und Kokain gefeiert, nur kam es nicht zum Sex. Das wollte Jean Paul nachholen und rief eine Bekannte, die ihm eine Prostituierte vermitteln sollte. Von der Arbeit meldete er sich wegen Rückenschmerzen ab. Gegen 10 Uhr kam Nathalie* in seine Wohnung an der Hegenheimerstrasse.

Warum das Schäferstündchen in einem Blutbad endete, ist bis heute nicht klar. Auch die Hauptverhandlung vor dem Basler Strafgericht lieferte kein klares Motiv, weshalb Nathalie mit 37 Messerstichen getötet wurde. Jean Paul behauptete, in Panik gehandelt zu haben. Nathalie habe nämlich während er badete einen Mann in die Wohnung gelassen. Dieser habe sich im Schrank versteckt und sei auf ihn losgegangen. «Ich hatte Angst, da sprang ich nach dem Messer, das auf meinem Nachttisch lag», erzählte er gestikulierende und mit aufgeregter Stimme dem Gerichtspräsidenten René Ernst.

Anklage glaubt nicht an denn Mann im Schrank

Ernst schien Jean Paul kein Wort zu glauben. Denn der Mann aus dem Schrank flüchtete laut Jean Paul sogleich aus der Wohnung. Nathalie habe eine Bettdecke über den Beschuldigten geworfen, der danach um sich gestochen habe. Nathalie wurde mit der 15 Zentimeter langen Klinge mehrmals praktisch durchbohrt und auf allen Seiten getroffen. «An ihrer Stelle würde ich das auch nicht glauben», erklärte Jean Paul dem skeptischen Präsidenten der Fünferkammer.

Die Anklage wollte von einem Mann im Schrank nichts wissen. Staatsanwältin Simone Lustenberger vermutete vielmehr, dass es Differenzen wegen der Entlöhnung der Liebesdienste oder fehlende sexuelle Befriedigung waren, die zum Streit führten. Dabei wurde die 43-jährige Kamerunerin mehrmals von Messerstichen getroffen und flüchtete zunächst ins Badezimmer, wo der Täter weiter auf sie einstach, bis die zweifache Mutter tot war.

Lustenberger beantragte wegen Mordes eine Freiheitsstrafe von 19 Jahren.

Stellte er sich wegen seines Gewissens?

Die Leiche versteckte Jean Paul nach der Tat unter dem Bett, wo sie am nächsten Morgen von seinem Untermieter gefunden wurde, der die Polizei alarmierte. Jean Paul hatte sich da schon nach Marokko abgesetzt, wo er einige Tage später die Basler Kriminalpolizei anrief, um sich zu stellen. Tat er das, weil ihn sein Gewissen plagte, wie er beteuerte? Auch hier hegte Ernst Zweifel. «Sie hätten sonst 30 Jahre lang nicht mehr nach Europa gekonnt. Jetzt tischen Sie uns eine Notwehrgeschichte auf, um eine geringe Strafe zu erhalten.»

Eine wesentlich tiefere Strafe von 4 Jahren und 9 Monaten wegen Totschlags forderte denn auch seine Verteidigerin. Ob diese Rechnung für den aus Angola stammenden portugiesischen Staatsbürger aufgeht, zeigt sich am Mittwoch, wenn das Urteil eröffnet wird.

*Name geändert

(lha/sda)