Strafgericht Baselland

25. April 2019 18:24; Akt: 25.04.2019 19:07 Print

Er crashte in Stau und machte Bub zum Invaliden

Mit 109 Kilometern pro Stunde fuhr ein heute 37-Jähriger auf einen Personenwagen auf. Unter den Verletzten war ein Fünfjähriger, der sich nie mehr von dem Unfall erholen wird.

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Am 27. Februar 2017 fuhr ein Lieferwagen mit 109 Kilometern pro Stunde ungebremst in das Stauende auf der A2 in Arisdorf BL. Die drei Insassen des direkt getroffenen Mazda wurden alle verletzt. Mit Abstand am schlimmsten erwischte es den Sohn der Lenkerin: Der damals fünfjährige Bub erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und schwebte tagelang in akuter Lebensgefahr. Bis heute leidet er an den Folgen der Verletzungen am Gehirn und muss betreut werden. Auch seine Mutter, die nun an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, sass im Auto.

Am Donnerstag, 25. April 2019 musste sich der Unfallfahrer, ein heute 37-jähriger, in der Schweiz wohnhafter Kosovare, vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Er wurde unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten verurteilt.

Wieso fuhr er in den Stau?

Für die Staatsanwältin war klar: «Er muss komplett abgelenkt gewesen sein». Es sei die einzige Erklärung, wie der Beschuldigte bei guten Sicherverhältnissen einen signalisierten Stau habe übersehen können. Bei einer Untersuchung der Verbindungsdaten sei weder ein Telefongespräch noch der Versand von SMS festgestellt worden. Dennoch könne nicht ausgeschlossen werden, dass er auf sein Handy geschaut habe.

«Er verhielt sich krass rücksichtslos», sagte die Staatsanwältin. Wäre er seiner Pflicht als Autofahrer nachgekommen und hätte er auf die Fahrbahn geachtet, hätten der Unfall und seine schweren Folgen vermieden werden können, plädierte sie.

Der Beschuldigte ist zudem mehrfach einschlägig wegen Verkehrsdelikten, unter anderem Nötigung im Verkehr, vorbestraft. Bereits sechsmal soll ihm der Führerausweis entzogen worden sein. «Er ist offenbar nicht gewillt, sich an die Verkehrsregeln zu halten», so die Staatsanwältin. Sie forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 27 Monaten für den Mann, um ihn am «Verüben weiterer Delikte zu hindern».

Frage nach medizinischem Problem bleibt offen

Der Beschuldigte beantwortete vor Gericht keine Fragen. Er verlas lediglich eine Erklärung. «Es war der schlimmste Tag meines Lebens», hiess es darin. An den Unfall habe er aber keinerlei Erinnerungen.

Sein Verteidiger argumentierte, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass sein Mandant ein medizinisches Problem hatte und darum ungebremst in das stehende Auto fuhr. Eine medizinische Untersuchung sei nie durchgeführt worden. «Stattdessen wurde er blutüberströmt verhaftet und in eine Zelle gesteckt», kritisierte der Verteidiger.

Er forderte Freisprüche in allen Anklagepunkten im Bezug auf den Unfall vom Februar 2017. Für ein anderes Verkehrsdelikt und eine nicht mit dem schweren Vorfall zusammenhängenden Übertretung des Betäubungmittelgesetzes sollte eine Busse ausgesprochen werden.

Gericht blieb hart

Das Dreiertribunal liess sich nicht auf die Argumentation der Verteidigung ein. Auf den Aufnahmen einer Verkehrskamera, die das Unfallauto kurz vor dem Zusammenstoss filmte, seien keine Anzeichen für ein medizinisches Problem zu erkennen, so die Gerichtspräsidentin. «Es sind keine Schlangenlinien zu erkennen, der Spurwechsel war normal, die Kurve wurde sauber ausgefahren und er hat geblinkt», hielt sie fest.

Auch wenn man nicht genau feststellen könne, worin die Ablenkung bestand, sei der Unfall die Folge einer «krassen Verletzung der Sorgfaltspflicht» seitens des Beschuldigten, sagte die Richterin. «Es war ein tragischer Unfall mit einem schwer verletzten Kind, das ein Leben lang unter den Folgen leiden wird», betonte sie.

Wegen der zahlreichen einschlägigen Vorstrafen und der «Unbelehrbarkeit» des Beschuldigten entschied sich das Gericht gegen einen bedingten Vollzug. Auf eine Ausschaffung wurde aber verzichtet, weil der 37-jährige Kosovare seit 26 Jahren in der Schweiz lebt, einer Arbeit nachgeht und verheiratet ist.

(las)