Seelsorgerin in Basel

12. April 2016 05:49; Akt: 12.04.2016 05:57 Print

Sie hört sich die Sorgen der Prostituierten an

Anne Burgmer ist seit 100 Tagen als Seelsorgerin für Prostituierte im Basler Milieu unterwegs. Erstmals äusserte sie sich über ihre Arbeit.

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Anne Burgmer ist als Seelsorgerin für die katholische Kirche ausschliesslich im Basler Rotlichtmilieu unterwegs. (Bild: 20 Minuten/lha)

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Mitten in der sogenannten Toleranzzone an der Webergasse 15 hat Anne Burgmer ihr Büro. Als katholische Seelsorgerin speziell für Prostituierte soll sie ihren Arbeitsplatz dort haben, wo ihre Kundschaft ist. Aber die 39-jährige ist kaum je im Büro anzutreffen: «Ich muss mich zu den Frauen bringen», sagt sie. Die Sexarbeiterinnen, die im Milieu ihr Geld verdienen, haben keine Zeit, eine Seelsorgerin aufzusuchen. «Wenn sie nicht arbeiten, ruhen sie sich aus, denn die Tätigkeit ist körperlich anstrengend.»

«Weltweit einmalig» soll die Stelle sein: das verkündeten die katholischen Landeskirchen beider Basel, als sie im vergangenen November die Seelsorge im Tabubereich Sita lancierten. Theologin Burgmer ist dafür mit der Missio des Bischofs ausgestattet. Nach 100 Tagen im Basler Milieu, wo sie zusammen mit einer langjährigen Mitarbeiterin der Rahab Basel von der Heilsarmee auch zahlreiche Salons besucht hat, ist Burgmer sicher: Sie wird hier gebraucht.

Die Theologin hat schon während des Studiums mit Randständigen gearbeitet. Dabei kam sie auch mit dem Sexgewerbe in Berührung: Dort, wo kaum jemand hinschaut, hat sie ihre Berufung gefunden. Aus christlicher Überzeugung, wie sie betont. Schon Jesus habe gesagt: «Kümmert euch um die, um die sich sonst niemand kümmert.»

Anschaffen für eine ganze Familie

«Ich frage mich, ob Gott glücklich ist über meinen Weg», sagte ihr kürzlich eine Brasilianerin. Eine Stunde habe sie mit ihr geredet, erzählt Burgmer. Die Frau sei glücklich gewesen, ihre Gastgeberin zu sein und einmal reden zu können. Zum Schluss habe sie mit ihr gebetet. Aber nicht immer ist die Theologin Burgmer gefragt: Häufiger besteht ihre seelsorgerische Arbeit aus Zuhören. Die Familie ist ein zentrales Thema. Viele Prostituierte seien alleinerziehend und gerade bei Frauen aus Lateinamerika und Asien hänge oft die ganze Familie an ihrem Einkommen.

Hier verwische auch die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit. «Eine Thailänderin erzählte mir, wie belastend ihre fordernde Familie sei.» Die Verpflichtung gegenüber Blutsverwandten sei ein zentraler Grund, weshalb die Frauen in der Prostitution landeten. Das schnelle Geld auf der Strasse ist in Basel aber längst zum harten Überlebenskampf geworden.

3000 Frauen im Gewerbe tätig

«Das Milieu ist in Bewegung», sagt Burgmer. «Viele Frauen, weniger Kunden, so lässt sich die Situation zusammenfassen.» Und die Arbeitsverhältnisse der Frauen sind prekär. Für ein Zimmer bezahlen sie bis zu 150 Franken am Tag, derweil erodieren die Preise immer weiter, solange die Ware Sex im Überangebot vorhanden ist. Fast 3000 Frauen waren 2015 im Basler Sexgewerbe tätig, davon kamen 931 aus Ungarn. In letzter Zeit seien aber spürbar mehr Lateinamerikanerinnen präsent, berichtet Viky Eberhard, Leiterin der Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe Aliena.

Die Latinas tauchen in der Statistik als Spanierinnen oder Portugiesinnen auf. «Die haben zuvor dort gearbeitet, oftmals im Gastgewerbe. Das sind Migrantinnen, die wurden von der Krise als erste getroffen», erklärt Eberhard. Der Weg in die Prostitution geht für sie auch mit einer sozialen Isolation einher. Gesellschaftliche Kontakte ausserhalb des Milieus werden rar.

«Ich spreche mit Menschen», sagt Burgmer deshalb. «Sie finden es schön, dass sich jemand mit ihnen auf Augenhöhe unterhält und nicht urteilt.»

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • giorgio m am 12.04.2016 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Landeskirchen vor dem bankrott

    Die Landeskirchen suchen neue Kundschaft. Hoffentlich kann diese dann auch zahlen.

  • Skeptiker am 12.04.2016 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Glaube

    Und warum muss dies ein Katholischer Sozialarbeiter sein und den Glauben ins Spiel bringen. Man sollte helfen auch ohne Bekehrung. Sozialarbeiter ist kein Pfarrer

  • Kerrigan am 12.04.2016 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll!

    Toll, dass es da jemanden gibt. Auch wenn ich persönlich nichts mit Religion am Hut habe, gibt es bestimmt auch im Milieu genug Frauen, die dieses Angebot sehr schätzen. Jeder Mensch braucht ein offenes Ohr, vor allem wenn man selbst kaum eine Stimme hat.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kerrigan am 12.04.2016 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll!

    Toll, dass es da jemanden gibt. Auch wenn ich persönlich nichts mit Religion am Hut habe, gibt es bestimmt auch im Milieu genug Frauen, die dieses Angebot sehr schätzen. Jeder Mensch braucht ein offenes Ohr, vor allem wenn man selbst kaum eine Stimme hat.

  • Mario Z am 12.04.2016 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Prostituierten sind auch Menschen

    Prostituierten sind auch Menschen. Ich finde es toll das sich auch Jemand um sie kümmert. Sie arbeiten und verdienen ihr eigenes Geld. Die Prostituierten sollte man schon respektieren

  • Mr. Popper am 12.04.2016 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    ich bin auch ein Experte

    ich spreche auch oft mit denn Prostituierten zu dennen ich gehe. Bin ich nun auch ein Experte ? Zudem, der Mix Ungarn und Südamerika, war schon immer. Also keine Neuheit.

  • Capone Alfonso am 12.04.2016 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Diskriminieren

    Wieso Frauen aus Lateinamerika und Asien nur? Was ist mit Frauen aus Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Rumänien, Ungarn, Slowenien, Polen und Russland? Schaffen die Viele Prostituierte aus Europa nur weil Spass macht?

  • Skeptiker am 12.04.2016 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Glaube

    Und warum muss dies ein Katholischer Sozialarbeiter sein und den Glauben ins Spiel bringen. Man sollte helfen auch ohne Bekehrung. Sozialarbeiter ist kein Pfarrer