Ehemaliger Häftling erzählt

11. Oktober 2019 04:52; Akt: 11.10.2019 04:52 Print

«Ich hatte Angst vor meinen Erinnerungen»

Palmasola klingt wie ein Urlaubsort, ist aber der Name einer Gefängnisstadt in Bolivien. Ex-Häftling Jorge Arias bringt seine traumatischen Erlebnisse in Basel auf die Bühne.

Als Zuschauer checkt man in die Haftanstalt ein: Der Trailer zum experimentellen Dokutheaterstück Palmasola. (Video: Klara Theaterproduktionen)

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Im Rahmen eines Rechercheprojekts über die bolivianische Haftanstalt Palmasola entstand das gleichnamige Theaterstück. Der Regisseur Christoph Frick vom Basler Klara Theater reiste nach Bolivien und besuchte das Gefängnis. Frick und sein südamerikanisch-europäisches Team entwickelten «Palmasola» gemeinsam mit Häftlingen.

Einer der Schauspieler ist der 34-jährige Bolivianer Jorge Arias. Er war selbst zweimal Häftling in der Gefängnisstadt in Santa Cruz. Im Interview mit 20 Minuten erzählt er von den Verhältnisse in der Gefängnisstadt und wie er durch die Kunst den Weg aus der Kriminalität fand.

Wie würden Sie Ihre Zeit in Palmasola beschreiben?
Es gibt zwei Etappen. Wenn man zum ersten Mal reinkommt, ist es ein bisschen, wie am ersten Tag in der Universität. Man ist orientierungslos. Man leidet sehr, wenn man kein Geld mitbringt. Man muss schauen, wie man an Essen und Drogen kommt. Nach und nach macht man Kontakte, integriert sich. Wenn sie wissen, dass du bereit bist, für Geld alles zu machen, dann machst du Karriere.

Was ist das Schwerste für die Gefangenen in Palmasola?
Alles ist schwierig. Angefangen bei den Grundbedürfnissen. Woher bekomme ich mein Essen? Wo kann ich leben? Mit wem kann ich befreundet sein? Das sind Fragen, die man sich ständig stellt. Und dann natürlich die Misshandlungen und dass man seine Familie teilweise lange nicht sieht.

Sie beschreiben Palmasola wie ein Stadtviertel. Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es Geschäfte? Was ist mit Kindern von Gefangenen?
Es war wie ein normales Stadtviertel. Dort wohnten sogar Familien. Deren Kinder gingen draussen zur Schule. Die Schule in Palmasola ist nur für Gefangene, sie können dort ihren Schulabschluss machen. Es gibt dort Restaurants, Bars, Karaoke, eine Zweigstelle von Coca-Cola. Wie in jedem anderen Viertel auch.

Für die Vorbereitungen der Aufführungen in Basel haben Sie das Gefängnis in Lenzburg besucht. Wie haben Sie das erlebt?
Hierzulande bedeutet Gefängnis totaler Entzug der Freiheit. Das ist wirklich ein Gefängnis. Da wird einem alles vorgeschrieben. Von der Kleidung, die man trägt bis zur Arbeit, die man verrichtet. In Palmasola ist das nicht so. In Palmasola hat man viele Möglichkeiten in gewisser Weise frei zu sein. Wenn man mit viel Geld reinkommt, kann man die Zeit dort relativ gut verbringen.

Sie haben sich für die Mitarbeit am Theaterprojekt zu Palmasola beworben. Wie haben Sie reagiert, als die Zusage kam?
Ich war sehr froh, aber gleichzeitig auch sehr besorgt. Ich hatte Angst vor meinen Erinnerungen an Palmasola. Ich wusste nicht, ob ich dazu bereit bin, diese in der Öffentlichkeit preis zu geben. Ich habe mir Zeit genommen, darüber nachzudenken. Habe mit meiner Mutter gesprochen, weil meine Zeit in Haft auch Teil ihres Lebens ist.

Ihre persönlichen und teilweise traumatischen Erlebnisse werden durch das Stück sehr exponiert. Warum haben Sie sich dafür entschieden, mitzumachen?
Um gegen die Dämonen zu kämpfen. Um Abstand von der Kriminalität zu gewinnen. Ich wollte mit dieser Vergangenheit Schluss machen. Es war schwer, viele der Erinnerungen wieder hochzuwürgen. Im Stück verarbeiten wir viele meiner persönlichen Erinnerungen. Zum Beispiel den Besuchstag. Meine Mutter kam jeden Sonntag, um mir Essen zu bringen. Ich versuchte ihr immer vorzuspielen, dass es mir gut ging. Versteckte die Wunden von Misshandlungen unter der Kleidung und lächelte. Es war schwer für meine Mutter, als diese Dinge im Theater gezeigt wurden. Wir machten daraufhin gemeinsam viele Therapien.

Ist das Theater für Sie eine Art, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten?
Kunst generell war für mich der Weg aus der Kriminalität und der Sucht. Ich war es satt, ein Dieb zu sein. Ich konnte meine Mutter nicht mehr jeden Tag weinen sehen. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich fing mit Handwerkskunst an, weil ich bemerkte, dass man damit auch Geld machen kann. Irgendwann fand ich den Weg zur Musik und später studierte ich an der Escuela Nacional de Teatro. Ich genoss es sehr, mich nun über andere Dinge definieren zu können. Ich musste mich nicht mehr jeden Tag mit Freunden vergleichen: Wer hat am meisten geklaut heute? Wer hat die Taschen am vollsten?

(lb)