Wohnungsnot in Basel

17. September 2015 05:52; Akt: 17.09.2015 05:52 Print

Studenten wohnen bei fremden Grossmüttern

Es gibt noch freie WG-Zimmer in Basel – doch die sind teuer. Nun könnte das Schlummermutter-Modell für Studierende mit einem kleineren Budget Abhilfe schaffen.

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Eine schöne aber teure Variante. Das WG-Zimmer in der WG-H7 auf dem Dreispitz. (Bild: wg-h7)

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«Wir haben rund 150 Personen auf unserer Warteliste, von denen wir nicht wissen, ob und wie sie untergebracht sind», sagt Chaim Howald, Geschäftsführer von WoVe, dem Verein für studentisches Wohnen. In den letzten Jahren hat sich der Wohnungsmarkt in Basel stark verändert. Der Stadtkanton weist mit 0,3 Prozent eine der aktuelle tiefsten Leerstandsquoten der Schweiz aus. 361 Wohnungen waren im August in Basel noch frei. 2007 waren es zum selben Zeitpunkt fast fünf Mal so viel. Zu spüren bekommen die Wohnungsknappheit auch die Studenten.

Auf dem Internetportal wg-zimmer.ch gibt es zwar noch viele Angebote – die Monatsmieten übersteigen aber nicht selten 1000 Franken. Um auf den nationalen Durchschnitt an bezahlbaren Studentenzimmern zu kommen, fehlen in Basel aktuell rund 200 Zimmer. «In den letzten drei Jahren konnten wir von 330 auf 520 Zimmer aufstocken», so Howald. «Bis 2018 möchten wir aber den nationalen Durchschnitt von zirka 750 Zimmern erreichen.» Es sei in den letzten Jahren immer auch wieder vorgekommen, dass Leute bei der Studentischen Körperschaft (Skuba) auf dem Sofa schlafen mussten.

Zum Semesterstart immatrikulierten sich im September über 2000 neue Studenten an der Universität Basel. Diese verfügen laut Statistiken des Bundes im Durchschnitt über ein Budget von rund 2000 Franken pro Monat.

Luxus-WG oder Schlummermutter

Die neue Wohngemeinschaft des Architekturbüros Rolf Stalder auf dem Dreispitzareal ist für den Durschschnittstudenten eher nichts. Die WG-H7 preist sich zwar als günstige Wohnform für Liebhaber des «schönen Wohnens» an, kostet aber über 1200 Franken pro Monat und Zimmer. Das Konzept: Acht Suiten teilen sich eine gemeinsame Grossküche sowie zwei Wohnstuben. Jede Suite verfügt über ein eigenes Bad sowie einen Zugang zum Balkon.

Es gibt aber auch günstigere und altbewährte Möglichkeiten, zu einer Bleibe ausserhalb des Elternhauses zu gelangen. Zum Beispiel Schlummermütter. Dabei bieten meist ältere Menschen ihren ungenutzten Wohnraum zur Untermiete an. Und dieses Modell floriert. «In den letzten Tagen haben sich über zehn ältere Personen gemeldet, die Zimmer untervermieten möchten», so Howald. Er hofft, dass sich noch mehr Schlummermütter melden, damit so über 20 Studierende untergebracht werden können.

Schon 25 Untermieter

Sylvia Frey Werlen etwa vermietet seit mehr als 15 Jahren Zimmer an Studenten. «Ich hatte schon über 25 junge Menschen, die bei mir und meinem Mann gewohnt haben», so die 70-Jährige. Das Zusammenleben mit jungen Menschen habe sie stets belebt und auch jung gehalten.

Schlummermutter zu sein bedeute allerdings nicht, eine Mutter-Rolle zu übernehmen. «Zwei Jungen musste ich den Vertrag künden, da sie in mir einen Mutterersatz sahen.» Für ein gelungenes Zusammenleben in den eigenen vier Wänden sei es sehr wichtig, sein Territorium abzustecken. «Ich musste lernen, dass es besser funktioniert, wenn nicht alles geteilt wird.» Das Wohnzimmer ist für ihre Untermieter tabu, ausser Frey Werlen lädt sie ausdrücklich ein: «So entsteht ein angenehmes Nebeneinander.»

Die Menschen, die zu ihr kämen, wollten nicht alleine wohnen, aber auch nicht in eine WG ziehen. Es seien Menschen, die soziale Kontakte genauso wie Privatsphäre schätzen. «Ich denke, dieses Konzept ist eine Win-Win-Situation», so Frey Werlen.

(mak)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eine Meinung am 17.09.2015 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Gewinn für alle!

    Die Schlummermutter bzw. -grossmütter-Variante finde ich einen ausgezeichneten Ansatz, denn Studierende können so ihr Budget schonen, Wärme erleben, und mit Sozialkompetenz Älteren da & dort ein wenig zur Hand gehen, Ältere wiederum können ein Stück weit ihrer Einsamkeit entfliehen, weiterhin selbständig wohnen, und gleichzeitig Güte und Lebenserfahrung weitergeben. Das löst nicht nur die Wohnungsnot der Studierenden, sondern ist auch ein hilfreiches politisches Engagement angesichts der zunehmenden Überalterung, Isolation und Egozentrierung unserer Gesellschaft - exzellente Win-Win-Situation!

  • navalo am 17.09.2015 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso nicht in den Kanton Baselland...

    ziehen? nur schon mid 5min drämmlifahrt mehr kann man sehr schön und günstig wohnen. im kanton baselland hat man eine sehr hohe lebensqualität bei niedrigen preisen und die nähe zur stadt ist unschlagbar.

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  • max b. am 17.09.2015 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    niemals

    für 1200.- miete ich lieber eine 2,5zimmerwohnung neubau mit meiner eigenen Küche, Waschmaschine, Tumbler 10min Gehweg zum Bahnhof und 3Min auf die A1. mit n.K. 1400.-.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Susanne am 18.09.2015 07:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke:

    Diese Zimmer auf dem Dreispitz für monatlich 1'200.-Fr. sind eine Frechheit! Ich bin zwar ü50 Jahre alt und brauche KEIN WG-Zimmer und war noch NIE der Typ von Altbauwohnungen, aber da hört der Spass auf. Für viele Studenten würde es sich sicherlich lohnen ins Baselbiet zu ziehen und dafür einiges mehr an Wohnqualität zu erhalten. Bei Chüngel gibt's genaue Vorschriften, wie viel Platz sie haben müssen, bei Studenten scheinbar nicht!

  • Patrizia am 17.09.2015 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    old news

    Schlummermütter sind ja ein uraltes Modell! Ich hab mich auch schon gewundert, welche Studenten sich Zimmer für 1000-1300.- leisten können. Bei solchem Budget bekommt man ja eine 2 Zimmerwohnung oder zu dritt eine 4 Zimmerwohnung. Aber es muss auch jede einfache Wohnung so umgebaut werden, dass der Mietzins richtig hoch wird.

  • nichtneu am 17.09.2015 11:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alter Wein in neuen Schläuchen

    Schlummermütter gab es schon vor 40 Jahren

  • mamue am 17.09.2015 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Win-Win...

    Eine Meinung....Ja das wäre ein Gewinn für alle ! gute Argumente !

  • arwed am 17.09.2015 09:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ausverkaufte schweiz

    Fällt es immer noch niemandem auf, dass in der schweiz die vermieter schamlos abzocken bis an die schmerzgrenze? Was übrigens fehlt ist ein wohnmodell für einzelpersonen, welche keine eigene küche und kein eigenes bad brauchen (sharingökonomie). Solche häuser sollten viel mehr gebaut werden, aber sicher nicht für 1200.- pro zimmer!!