Abzockfalle Probearbeit

24. Juli 2018 17:34; Akt: 24.07.2018 17:34 Print

So wurden Leser auf Stellensuche ausgenutzt

Probearbeiten ohne Lohn ist eigentlich illegal. Was der Baslerin U.N.* widerfuhr ist aber kein Einzelfall – viele Leser von 20 Minuten haben schon einschlägige Erfahrungen gemacht.

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«Jeden Tag eine neue Mitarbeiterin zur Probe. So kann man eine Stelle kostenlos besetzen. Gutes Geschäftsmodell», heisst es in einem ironischen Leserkommentar. Werden Bewerber teilweise systematisch ausgenutzt, um so Personalkosten zu sparen? Die Reaktionen auf den Bericht über das Schicksal von U. N.* lassen vermuten, dass in einzelnen Branchen kostenloses Probearbeiten keine Ausnahme ist.

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Können Sie den Ärger von U.N. verstehen?

Dabei ist die Gesetzeslage eindeutig: Probearbeiten muss vergütet werden, sofern nichts anderes in einem schriftlichen Vertrag festgehalten wurde. Dass Stellensuchende wie U.N. widerrechtlich ausgenützt werden, finden 89 Prozent von über 6200 Lesern, die an einer Umfrage von 20 Minuten teilgenommen haben, «eine absolute Frechheit».

«Sie waren erstaunt, wie viel Umsatz ich machte»

Besonders im Verkauf scheint es viele zu geben, die negative Erfahrungen mit Probearbeitstagen gemacht haben. Die Betroffene Rosmarie* schildert, dass sie zweimal in der gleichen Kleiderfirma zur Probe gearbeitet habe. «Das erste Mal kam ich für sechs Stunden und habe sehr viele Kleider verkauft. Die Verkäuferinnen waren erstaunt wieviel Umsatz ich gemacht habe, das alles gratis. Das zweite Mal vier Stunden. Ich habe danach einige T-Shirts für mich gekauft und bekam nicht einmal eine Ermässigung», berichtet sie.

Eine weitere Betroffene ärgert sich über unbezahltes Probearbeiten im Kino. Ein komplettes Wochenende hat Manuela* dort gearbeitet. «Mir wurden ebenfalls durchgehend Hoffnungen gemacht, die Stelle zu bekommen», sagt sie. Später habe man sich dann gemeldet, um ihr mitzuteilen, dass die Stelle an jemand anderen vergeben wurde. «Das ganze wurde als Schnuppern deklariert, jedoch wurde bereits von Anfang an erwartet, dass ich ebenfalls mitarbeite, um mich für die Stelle zu beweisen.»

«Jetzt fehlt mir das Geld»

Augenfällig: Vor allem Frauen haben auf einen Aufruf von 20 Minuten reagiert, aber nicht nur. Auch Logistiker Alex* wurde schon abgezockt. «Als gelernter Logistiker bekam ich eine Einladung zum Probearbeiten für die Stelle als Fräser», erzählt er. Der Vorgesetzte sei verwundert gewesen, wieso ein Logistiker für diese Stelle ausgewählt wurde. «Er war dennoch positiv begeistert von meiner geleisteten Arbeit», erzählt er. Für die Probearbeit sei er bisher nicht entlohnt worden. «Ich hatte währenddessen eine andere Arbeit als Logistiker, jedoch temporär und im Stundenlohn. Ich musste einen Tag frei machen. Jetzt fehlt mir das Geld», ärgert er sich.

Lehrabgänger kaum betroffen

Zurzeit sind viele Lehrabgänger auf Stellensuche. Probearbeit ist bei ihnen aber kaum ein Thema. «Bei Personen, die soeben eine Lehre erfolgreich abgeschlossen haben, kann man hingegen davon ausgehen, dass Sie den Job gut machen», sagt Rene Diesch, stv. Leiter Mittelschulen und Berufsbildung des Basler Erziehungsdepartments. Er vermutet, dass vor allem Erwachsene betroffen sind, bei denen die Ausbildung schon länger zurückliegt. «So kann man schauen, ob diese den Anforderungen des Jobs noch gewachsen ist.»

*Name der Redaktion bekannt.

(lb)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iniesta am 24.07.2018 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Welcher Laden?

    Ich würde gerne wissen, um welchen Kleiderladen es sich handelt.

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  • A. Kuster am 24.07.2018 08:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Super ! Jeden 3 Tag eine neue Mitarbeiterin zur Probe. So kann man eine Stelle kostenlos besetzen. Gutes Geschäftsmodel. ( Ironie off )

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  • Badener am 24.07.2018 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Machtspielchen

    "Deshalb verweise das AWA die Personen an das Zivilgericht, wo sie ihre Forderungen geltend machen können." - Genau, wenn man die Erwerbslosen zwingen kann etwas zu tun wird das getan, wenn sie jedoch Unterstützung bräuchten sollen sie sich doch gefälligst selbst darum kümmern...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ex-Arbeitnehmerin am 24.07.2018 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt's das immer noch? Ja keine Naivität

    Es gibt resp. es gab nicht nur Kleiderläden die sich auf die billige Tour Arbeitskräfte "suchen." Vor Jahren bewarb ich mich bei einem Studio für Gehörtherapie. Da wollte man mir kalt lächelnd, als Alleinerziehende 1000.-- brutto! "offerieren!" Dass eine solche Stelle für mich nicht in Frage kam lag wohl klar auf der Hand! Ganz junge, unerfahrene Leute fallen offenbar immer noch auf solche Missbräuche herein.

  • Barbara am 24.07.2018 19:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnötig

    Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Mist abschaffen! Schnupper- und Probetage sind genauso überflüssig wie die sogenannten Motivationsschreiben unnötige Schikane und man fragt sich ob Lebenslauf und Arbeitszeugnisse überhaupt noch gewichten. Offenbar nicht.......

  • A.D. am 24.07.2018 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Nie wieder

    Genau das ist meinem Schwiegersohn in Zug auch passiert. Er durfte Probearbeiten um zu sehen, ob er sich als Hörakustiker eignen würde. Nach 1 Woche arbeiten (selbständig Waren verkaufen) wurde ihm mitgeteilt, dass sie jemand anderen bevorzugen. Entschädigung: 0 Fr. Reine Abzocke

  • PROLLTRASH am 24.07.2018 19:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    simpel

    ich hätts durchgezogen und einsatz gezeigt. wenn ich dann bewiesen habe dass ich das nicht so interessante zeug auch anpacke und durchziehe klappts in der regel ohne probleme. wenn man schon bei sowas den bettel hinwirft bekommt man die stelle natürlich nicht. nicht spannende und schnöde sachen muss man in jedem beruf tätigen. merkt euch das!

  • Bea am 24.07.2018 19:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Sag ja schon lange, in der Schweiz müssen endlich die Arbeitgeber in die Schranken gewiesen werden. Dann hätten wir auch das traurige Dilemma mit ü 45 nicht.Geht nicht mehr lange trifft es diese Pseudochefs auch, denn auch die werden nicht jünger. Viel Glück den Arbeitsuchenden