Basel

22. November 2019 18:01; Akt: 22.11.2019 18:22 Print

«Verletzt verliess ich das Vorstellungsgespräch»

Bei einem Bewerbungsgespräch um eine Stelle an der Uni Basel ging es entgegen der Erwartungen nicht um die Qualifikationen der jungen Frau, sondern um ihre Familienplanung.

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«Wie lange wären Sie abwesend, wenn Sie erneut schwanger würden? Würden Sie zusätzlich zum gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz noch unbezahlten Urlaub beziehen wollen? Passt diese Stelle überhaupt in Ihre Familiensituation?» Mit diesen Fragen wurde Céline K. vor drei Monaten bei einem Bewerbungsgespräch an der Universität Basel konfrontiert.

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Wurden Sie bei einem Vorstellungsgespräch auch schon Mal zu Ihrer Familiensituation befragt?

Dabei hatte die 29-Jährige «grosse Hoffnungen den Job zu bekommen», erzählt sie der «bz Basel». Nach dem Bewerbungsgespräch für die 50-Prozent-Stelle und nachdem ihre Arbeitsprobe von der Geschäftsführerin als «ausgezeichnet» belobt wurde, sei sie für ein zweites Vorstellungsgespräch an einem Departement der Universität eingeladen worden. Beim dreissigminütigen Treffen sollte es um das Kennenlernen von Céline K. und dem Departementsleiter gehen.

«Warum konnte ich mich im Gespräch nicht wehren?»

Die Master-Abgängerin ging zuversichtlich ans Gespräch, denn auf die typischen Fragen zu ihren Qualifikationen, Lohnvorstellungen oder den Arbeitszeiten war sie vorbereitet. Doch die Vorbereitung war vergeblich, viel mehr musste sich die Mutter eines zweijährigen Sohnes den persönlichen Fragen zu ihrer Familiensituation stellen. Ungläubig, überfordert und verletzt habe Céline K. das Gespräch verlassen. Sie fragt sich bis heute: «Warum konnte ich mich im Gespräch nicht wehren?»

Lügen ist das «richtige» Vorgehen

Für Roger Rudolph, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich, ist klar: Das Gleichstellungsgesetz untersagt jede Art von geschlechterspezifischer Diskriminierung. Gegenüber der Lokalzeitung sagt er: «Fragen zur Familienplanung oder allfälligen Schwangerschaften sind ganz grundsätzlich unzulässig.» Auch wenn solche Fragen gar nicht erst beantwortet werden müssten, sei das Problem, dass eine Antwortsverweigerung auch eine Antwort sei und somit den Arbeitgebenden verärgern dürfte.

Dies wiederum könne dann die Anstellungschancen schmälern. Was ist also das «richtige» Vorgehen bei solchen Fragen? «Lügen», sagt Rudolph. Denn: «Eine mit einer unzulässigen Frage konfrontierte Person darf eine unwahre Antwort geben», sagt er. Fliege diese Lüge später auf, dürfe einer Person deswegen nicht gekündigt werden.

Am Tag nach dem Bewerbungsgespräch schickte Céline K. dem Departementsleiter und der Geschäftsführerin eine E-Mail, die der Zeitung vorliegt. Darin schreibt sie: «Es hat mich irritiert, dass Sie mit mir über potenzielle Abwesenheiten diskutierten. Ich sehe nicht ein, warum meine Familiensituation in einem Bewerbungsverfahren so viel Platz einnehmen muss.»

Universität sagt, Fragen zur Familiensituation seien erlaubt

Auf die Mail antworteten die Leitungspersonen, ihnen sei ein «offener und vertrauensvoller Umgang zwischen Leitung und Mitarbeitenden wichtig». «Dies im Sinne einer konstruktiven und planvollen Arbeit, die im Management, wo alles stets ‹am Schnürchen laufen muss›, unabdingbar ist.» Fragen zur Familiensituation seien dabei erlaubt, «müssen aber nicht beantwortet werden».

Von der «bz» auf die intimen Fragen am Bewerbungsgespräch angesprochen, schreibt der Departementsleiter: «Wir führen regelmässig und seit vielen Jahren Bewerbungsgespräche. Eine derartige Rückmeldung haben wir bislang nicht annähernd erhalten.» Er und die Geschäftsführerin hätten einen «guten Gesamteindruck» vom Gespräch gehabt. Sprecher Matthias Geering sagt, die betroffene Person solle sich mit ihren Schilderungen bei der Fachstelle für persönliche Integrität melden.

(mhu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom am 22.11.2019 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommt davon, wenn man...

    ...nicht mehr als Personal gilt, sondern als Ressource. Darum den coolen Namen HR abschaffen und durch Personalabteilung ersetzen. Menschen wieder als Personen und nicht als Ressource betrachten!

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  • Benno Friedrich am 22.11.2019 18:34 Report Diesen Beitrag melden

    Als HR-Chef erlebe ich immer wieder ...

    dass eine Fachabteilung für ganz bestimmte Projekte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sucht. Bei Bewerbungsgesprächen muss ich dann ganz einfach die persönliche Situation hinterfragen. Finden sie das toll, wenn ich eine Lügnerin einstelle, die nach 2 Monaten dem Team den Schuh gibt und sich mittels Arztzeugnis für viele Monate abmeldet? Und für die ich anderen Bewerberinnen abgesagt habe? Alles schon erlebt und ich versichere ihnen, dass der diesbezügliche Frust enorm ist.

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  • Pesche am 22.11.2019 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    Na und?

    Und? Die Fragen sind absolut legitim. Mein Chef fragte mich auch persönliche Dinge wie, ob ich in nächster Zeit länger weggehen möchte oder wie meine familiäre Situation ist. Der Arbeitgeber entscheidet nunmal, wen er anstellt. Ob das fair ist oder nicht, ist grundsätzlich egal, denn er bietet den Job ja an...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Melanie ä am 23.11.2019 23:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss man sich leisten können...

    So eine Einstellung kann man sich vielleicht in einer 08/15 Firma leisten.. im Pflegeberuf vo Extrempersonalmangel an der Tagesordnung ist und 98% nur Frauen arbeiten sollten die Arbeitgeber heilfroh sein, wenn Sie gut ausgebildete Frauen haben, die nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten möchten. Und da sollten Fragen zur Familienplanu ng gar nicht erst gestellt werden. Den bei allem Verständniss: Es ist nicht erlaubt solche Fragen zu stellen, Ergo müssen Sie auch nicht beantwortet werden. Punkt!

  • Stefan Ferdinand am 23.11.2019 22:59 Report Diesen Beitrag melden

    HR vs Personal

    Ja und? Meistens, so meine Erfahrung, sind MitarbeiterInnen, welche vom Arbeitgeber in anspruchsvollen Lebenssituationen unterstützt werden, anschliessend deutlich loyaler,motivierter und einsatzbereiter. Es kann ja auch mal eine schwierige, familiäre Situation sein (Pflegefall). Aber eben sie sind HR-Chef (Ressource), ich arbeite in der Personalabteilung (Personal=Mensch)...

  • Marilena am 23.11.2019 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    Mimose

    Was gibt es denn da zu jammern? Sie hat es ja schliesslich bis zum zweiten Vorstellungsgespräch geschafft. Die meisten Stellensuchenden schaffen es nicht einmal vorstellig zu werden! Und wenn ein "Professor" für Arbeitsrecht behauptet, nach einer Notlüge darf einer Person nicht gekündigt werden, täuscht er sich aber gewaltig: Dann wird so einer Person nämlich unter einem anderen Vorwand der blaue Brief unter die Nase geschoben!

  • Enot17 am 23.11.2019 22:16 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr schlechte Licht für Uni Basel

    Wieso würde man noch überhaupt bei Firmen arbeiten wollen, wo solche Fragen erlaubt sind? Das zeigt auch dass Arbeitsklima bei dieser Arbeitgeber nicht gesund ist. N.B.: In einige Länder wäre so eine Frage nicht legal und sehr teuer. Bei grosse gesunde internationale Firmen kennen alle Mitarbeiter welche fragen während Vorstellungsgespräch Tabu sind. Diese steht ganz oben auf der Liste.

  • komet am 23.11.2019 20:30 Report Diesen Beitrag melden

    Ich würde antworten

    ich lebe im jetzt, was morgen ist, weiss ich nicht. Dann würde ich auch nicht Angestellt werden. Zudem ist die Frage müssig. Viele wollen ein 2tes Kind. Damit warten die wenigsten 20 Jahre...