Strafgericht BL

03. Mai 2019 05:01; Akt: 03.05.2019 08:15 Print

Missbrauchte Freund der Eltern ihre Kinder?

Ein 35-Jähriger soll einem fünfjährigen Buben mit dem Bösewicht eines Films Angst gemacht haben, um sich dann an ihm zu vergehen. Auch an der Schwester (6) soll er sich vergriffen haben.

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Es ist die Horrorvorstellung aller Eltern: Sie vertrauen ihre Kinder jemandem an, und die Person missbraucht diese. Genau das soll sich in einer Baselbieter Gemeinde ereignet haben. Der Beschuldigte, ein heute 55-jähriger Schweizer, soll sich Ende der Neunziger Jahre an einem damals sechsjährigen Mädchen und einem fünfjährigen Buben vergangen haben.

Laut Anklageschrift gab der Beschuldigte, der die Kinder immer wieder hütete, dem Mädchen eine Ganzkörpermassage. Als sie sich entfernen wollte, soll der damals 35-Jährige zu ihr gesagt haben: «Wir sind noch nicht fertig». Dann habe er ihr unter die Kleider gegriffen sie im Intimbereich berührt. Dem Buben habe er immer wieder einen «James Bond»-Film gezeigt, dessen Bösewicht Beisser dem Opfer Angst eingejagte. Als der Mann den Fünfjährigen tröstete, soll es mehrfach zu Übergriffen gekommen sein.

Langes Schweigen

Jahrelang schwiegen die mutmasslichen Opfer. Auch in der Familie seien die Übergriffe nie gross zur Sprache gekommen. Als sie dem Mann als junge Erwachsene wieder begegneten, entschlossen sie sich, Anzeige zu erstatten. Das war 2016.

Für die Brigitte Greuter, Geschäftsführerin der Opferhilfe Basel, ist dieses tragische Muster nicht überraschend: «Viele Opfer von sexueller Gewalt fühlen sich mitschuldig an erlebter sexueller Gewalt – dies trifft nochmals verstärkt auf Kinder zu. Hinzu kommt, dass das Themen wie Körper und Sexualität oft schambesetzt sind», sagt sie auf Anfrage von 20 Minuten.

Zudem hätten sich die Täter zu dem Zeitpunkt, wenn sich die Opfer den Eltern anvertrauen, oft dermassen in das Familiengefüge «eingeschlichen», dass den Kindern entweder gar nicht geglaubt werde, oder die Vorfälle bagatellisiert würden, so Greuter.

Nach 20 Jahren vor Gericht

Am Donnerstag, 2. Mai 2019, 20 Jahre nach den angeklagten Taten, musste sich der 55-Jährige wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Antworten lieferte er aber keine. Auf die Fragen des Gerichts reagierte er meist mit Schweigen und Kopfschütteln. Wenn er doch etwas sagte, war es «Ich kann mich nicht erinnern».

Wer sprach, waren die mutmasslichen Opfer. Beide sind heute Mitte Zwanzig und wirkten vor Gericht sichtlich belastet. Sie beschrieben die Handlungen des Mannes, wie es in der Anklageschrift zu lesen ist. «Ich habe mich geschämt. Niemand in der Familie ging darauf ein», sagte etwa die Frau. Das Gesicht des Mannes werde sie aber nie mehr vergessen.

«Er liess mich immer wieder den gleichen Film schauen, weil er genau wusste, dass ich Angst bekommen würde», sagte ihr Bruder aus. Dann sei es zu den Übergriffen gekommen. Es sei «immer der gleiche Ablauf» gewesen. Beide Geschwister waren sich einig: Ihr Peiniger dürfe nicht weiter frei herumlaufen.

Abschluss vertagt

Zum Abschluss, den sich die Geschwister vom Verfahren erhofft hatten, kam es aber nicht. Die Staatsanwaltschaft beantragte am Ende des Beweisverfahrens eine Vertagung, weil ihr das eigenartige Aussageverhalten des Beschuldigten zu denken gab.

Das Gericht ging schlussendlich darauf ein. Ein psychiatrisches Gutachten hatte dem Mann zwar verminderte Intelligenz, auffällig schlechtes Erinnerungsvermögen und Pädophilie attestiert. Doch konnte sich das Gericht die klaffenden Erinnerungslücken des Beschuldigten damit nicht erklären.

Um festzustellen, ob der Mann möglicherweise an Demenz erkrankt ist, wie gross die Rückfallgefahr ist und welche therapeutischen Massnahmen überhaupt sinnvoll wären, wurde ein weiteres Gutachten beantragt. Bis dahin wird die Verhandlung vertagt.

(las)