Exzessive Verhaltensweisen

21. Juli 2018 23:03; Akt: 22.07.2018 01:30 Print

Wer unter Sexsucht leidet, findet in Basel Hilfe

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel sind schweizweit die ersten mit einer Station für Verhaltenssüchte. Die Abteilung ist spezialisiert auf Glücksspiel-, Internet-, Sex- und Kaufsucht.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) luden am Freitag zu einer Medienkonferenz, um über die neue Abteilung zur stationären Behandlung von exzessiven Verhaltensweisen zu informieren. Der Leiter des Zentrums und ein Patient geben einen Einblick in das Krankheitsbild und die Therapie.

«Verhaltenssüchte sind mit Substanzabhängigkeiten zu vergleichen», so Gerhard Wiesbeck Leiter des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen (ZAE) in Basel. «Auch Verhaltenssüchtige reagieren mit Entzugserscheinungen», sagt er. Nicht nur die Abhängigkeit von Drogen oder anderen Substanzen könnten ein Leben aus der Bahn werfen, auch die Sucht nach Sex oder Internet kann zur Ursache von Problemen in der Beziehung und am Arbeitsplatz werden.

«Ich will wieder in den Spiegel schauen können»

«Manchmal muss man aus dem Alltag herausgerissen werden, um überhaupt wieder Licht zu sehen», so ein Patient, der aufgrund seiner Glücksspielsucht in Behandlung ist. «Wenn am 26. der Lohn kommt und am 1. das Konto schon leer ist, dann weiss man, dass man ein grosses Problem hat», erklärt er die Gründe für die Entscheidung, die sechswöchige stationäre Therapie zu machen.

«Ich will wieder in den Spiegel schauen können und ich wusste, dass eine ambulante Therapie nicht ausreichen würde», sagt er. Nach den ersten beiden Wochen in stationärer Behandlung gehe es ihm sehr gut.

19'000 Betroffene im Kanton Basel-Stadt

«Eine Verhaltensweise wird dann zur Sucht, wenn sie vom Betroffenen nicht mehr vollständig kontrolliert werden kann und sie mit negativen Konsequenzen einhergeht», erklärt Wiesbeck. Schätzungen zufolge würden drei Prozent der Bevölkerung unter Sexsucht leiden. Von Kaufsucht seien demnach fünf Prozent, von Glückspielsucht ein Prozent und von Internet beziehungsweise PC-Sucht zwei Prozent betroffen. Umgerechnet auf den Kanton Basel-Stadt mache dies etwa 19’000 betroffene Personen aus, informiert Wiesbeck.

80 Prozent der Patienten leiden unter einer zusätzlichen psychischen Erkrankung oder Substanzabhängigkeit, sagt er. «Man sitzt zum Beispiel Zuhause, kifft, surft im Internet, kifft weiter. Manche junge Menschen mit Internetabhängigkeit waren teils wochenlang nicht draussen», veranschaulicht Wiesbeck die Problematik der Begleiterkrankungen.

«Manche Süchte müssen stationär behandelt werden»

Solche Süchte könnten zu Schulden, sozialem Rückzug, Verwahrlosung bis hin zur Suizidgefährdung führen. «Eine therapeutische Behandlung kann dann nötig werden», sagt Wiesbeck. Deshalb gebe es schon seit 2010 eine Ambulanz für Verhaltenssüchte an den UPK. «Wir haben bemerkt, dass manche dieser Süchte stationär behandelt werden müssen», so Wiesbeck.

Aus diesem Grund habe das Zentrum nun eine Station mit zwölf Plätzen eigens für Verhaltenssüchte eröffnet. Auf der neuen Station werden derzeit sechs Patienten behandelt. Die stationäre Behandlung sei jeweils auf sechs Wochen angesetzt. Die Kosten übernehme in der Regel die Krankenkasse. «Einzel- und Gruppengespräche sind der Schwerpunkt der Therapie», so Wiesbeck.

Männer häufiger von Sucht betroffen als Frauen

Seit Anfang 2018 wurden 102 Patienten zur Behandlung von Verhaltenssüchten in den UPK angemeldet. Insgesamt seien 40 Personen wegen Glücksspiel-, 26 wegen Internet-, 21 wegen Kaufensucht und 15 aufgrund von Hypersexualität in Behandlung. «Männer sind generell häufiger von Sucht betroffen. Ausnahme ist die Kaufsucht», so der ärztliche Leiter des Suchtzentrums.

(lb)