Plötzlich obdachlos

24. November 2016 05:45; Akt: 24.11.2016 09:13 Print

Wie zwei Brüder im Pratteler Wald landeten

Zwei Brüder landen nach dem Wohnungsverlust in einem Biwak im Wald. Die Sozialen Dienste erfahren davon erst von der Gemeindepolizei. Wie konnte es soweit kommen?

In diesem Zelt Marke Eigenbau lebten die Brüder während sieben Tagen Anfang November. (Video: 20 Minuten/Lukas Hausendorf)
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Anfang November stiess der private Sicherheitsdienst, der für die Gemeinde Pratteln patrouilliert, auf den Hinweis eines Anwohners hin auf zwei Obdachlose. Am Boniweg, nahe der Zuglinie Richtung Frenkendorf, nächtigten die beiden in einem selbst gebauten Zelt. Die Patrouille meldete das der Gemeindepolizei, die dann die Sozialen Dienste informiert.

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Bei den beiden Männern Anfang 30 handelt es sich um zwei Brüder, die per Ende Oktober ihre Wohnung in Pratteln verloren hatten. J.B.*, der in Pratteln gemeldet ist, bezog von der Gemeinde Sozialhilfe. Der zweite Mann ist IV-Bezüger und wohnte bei seinem Bruder in Pratteln, nachdem er seine Wohnung in Stein verloren hatte. Die Liegenschaft, in der sie wohnten, wird abgerissen. Beide waren ohne Obdach.

Während sieben Tagen hausten sie in der Folge am Waldrand. Ihr Zelt aus Planen war dürftig mit Gratiszeitungen isoliert. Nur schlecht vor Kälte und Nässe geschützt froren sie dort durch die Nächte.

Sozialamt wusste nichts von Wohnungskündigung

Im Dorf weiss man wenig über sie. J.B.* arbeitete gelegentlich bei der Sozialfirma Convalere. Leute, die mit ihm gearbeitet haben, erzählen, dass er offenbar noch zwei Geschwister mehr habe. Es gebe aber keinen Kontakt mehr zu den Eltern. Scheinbar stammen die Brüder aus einer zerrütteten Familie. Der Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes, der die beiden im Wald aufgefunden hat, sagt, sie hätten einen überforderten Eindruck gemacht. «Die brauchen einen Beistand», sagt er.

Zum Einzelfall beziehen die Sozialen Dienste der Gemeinde Pratteln keine Stellung. Es sei allerdings so, dass Wohnungskündigungen mit den Klienten frühzeitig besprochen und nach Lösungen gesucht werde. «Dies bedingt aber auch, dass sie sich möglichst früh an die fallführende Person der Sozialen Dienste wenden», sagt deren Leiterin Corinne Graf auf Anfrage. Das ist im vorliegenden Fall nicht passiert.

Vom Wald in die Notschlafstelle

Für J.B. sei dann sofort eine Kostengutsprache für die Notschlafstelle verfügt worden. Die Soziale Wohnungsvermittlung sei beauftragt, bei der Suche einer neuen Wohnung zu helfen. Das Thema einer Beistandschaft wäre Sache der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde und würde laut Graf eine Gefährdung des Wohls der hilfsbedürftigen Person oder einen bestimmten Schwächezustand bedingen.

Während eine Unterbringung von J.B. vorerst gesichert scheint, ist über den Verbleib seines Bruders nichts bekannt. Die Gemeinde Pratteln ist für ihn nicht zuständig, da er im aargauischen Stein angemeldet ist.

* Name der Redaktion bekannt.

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. Gerner am 24.11.2016 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zuständig?

    Zitat: ...Während eine Unterbringung von J.B. vorerst gesichert scheint, ist über den Verbleib seines Bruders nichts bekannt. Die Gemeinde Pratteln ist für ihn nicht zuständig, da er im aargauischen Stein angemeldet ist... Zitatende Nicht zuständig? Kein Telefon, kein Internet, um sowas abzuklären? Armselig, im wahrsten Sinne des Wortes.

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  • Euer Gewissen am 24.11.2016 06:08 Report Diesen Beitrag melden

    Aber wir sind doch die Reichsten..

    Wie war das doch mit dem am 20.11. von 20 Min veroeffentlichten Artikel "Wir sind die Reichsten der Welt"?? Diese 2 sind ein Teil von Vielen, denen die Schweiz ausser dem Sozialamt nichts zu bieten hat. Ganz zu schweigen von Familien welche, noch ohne Schulden, den ganzen Lohn fuer ein Leben in Armut ausgeben mussen.

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  • Mr. Krabs am 24.11.2016 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    Mitleid

    Ich, selber Sozialhilfeempfänger, habe Mitleid mit solchen Menschen. Das könnte mir auch geschehen. Was läuft nur falsch, dass es solche Schicksale gibt in unserem reichen Land ? Ich verstehe das nicht mehr. Auf der einen Seite gibt es in der Schweiz so viele Millionäre und auf der anderen Seite immer mehr so arme Menschen, die nicht mal mehr ...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Donna M. am 24.11.2016 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt zu denken

    Das schlimme am ganzen ist, dass es uns alle treffen kann. Jobverlust, Arbeitsamt, Ausgesteuert. Was dabei rauskommt können wir im Beitrag lesen. Dies in der ach so Reichen Schweiz..

  • Rg am 24.11.2016 08:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wohnungsküdigung für Vermieter erschweren

    Wenn die Leute der Sozialbehörde nicht selber mitteilen, dass ihnen gekündigt wurde, kann die nichts davon wissen. Das ist schon so. Um solche Situationen zu vermeiden sollten die Sozialbehörden die Mieten direkt (anonym) an den Vermieter bezahlen. Zweitens sollte man generell zugunsten der Mieter strenge Gesetze erlassen, damit ein Vermieter nicht kündigen darf. Bin immer wieder erstaunt wie da mir nichts dir nichts Wohnungen gekündigt werden. Der Vermieter sollte bei einer Kündigung haften, d.h. hat der Mieter keine bleibe, muss der Vermieter die Kosten (Hotel etc.) Mieter übernehmen.

  • H. Steiner am 24.11.2016 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nichts Neues

    nichts Neues. In 3250 Lyss gibt's einen Mann, der praktiziert das schon jahrelang.

  • Connie am 24.11.2016 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Tragisch das ganze! Und sicher kein Einzelfall. Junge Leute die von Zuhause ausziehen kommen oft in die Schuldenfalle. Nach der Schule finden viele keine Lehrstelle. Oder nach der Ausbildung keine Stelle weil die Erfahrung fehlt. Die Lehrbetriebe sollten verpflichtet werden die Lehrlinge nach Abschluss min. 3 Jahre zu behalten das sie die Erfahrungen sammeln können.

  • Der Geldadel v niederdorf am 24.11.2016 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Bankkonto Schweizer 500000.00?

    Da ja jeder Schweizer Fr.500000.00 auf der Bank hat ,frage ich mich ?lassen diese 2 Brüder ihre Million einfach auf der Bank so stehen .Mit ihrer Million auf der Bank +das Geld vom Sozialamt würde es sich doch gut Leben lassen ohne im Wald zu Campieren.