Pädophilen-Prozess Olten

15. Juli 2018 13:07; Akt: 15.07.2018 13:07 Print

«Die Strafe ist nichts im Vergleich zu seinen Taten»

Das Gericht hat J.N.*, der sich über viele Jahre an Kindern aus seiner Verwandtschaft vergriffen hat, zu zwei Jahren bedingt verurteilt. Ein viel zu mildes Urteil, findet ein Opfer.

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Dem heute 70-jährigen J.N.* wurde am Mittwoch vor dem Richteramt Olten-Gösgen wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und Pornografie der Prozess gemacht: Er soll etliche Kinder aus der eigenen Familie missbraucht haben.

Zur Diskussion standen insgesamt elf Missbrauchsfälle von fünf Klägerinnen und Klägern, darunter Nichten und Neffen, die sich in einem Zeitraum von 15 Jahren ab 1998 zugetragen haben. Jüngstes Beispiel: 2013 berührte und streichelte N. durch die Hose mehrmals das Glied eines damals vierjährigen Enkelkindes.

Bedingte Freiheits- und Geldstrafe

Das Amtsgericht eröffnet sein schriftliches Urteil zwar erst am Montagmorgen. 20 Minuten erfuhr den Richterspruch aber vorgängig von der Anwältin der Privatklägerschaft: N. wurde schuldig gesprochen und zu einer bedingten zweijährigen Freiheitsstrafe bei einer Probezeit von fünf Jahren verurteilt. Zudem wurde eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 90 Franken verhängt.

«Ich bin zufrieden mit dem Urteil», sagt die Rechtsvertreterin der Privatkläger. «Die Richter sind zum grossen Teil dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt.» Lediglich in zwei Punkten habe es einen Freispruch gegeben.

«Leute wie er gehören weggesperrt»

Anders fällt die Reaktion bei den Opfern aus. Eine heute 28-jährige Nichte von N., die als Kind von ihm missbraucht wurde, deren Fall aber verjährt ist, sagt: «Die Strafe ist nichts verglichen mit dem, was mein Onkel mir und den anderen angetan hat. Leute wie er gehören weggesperrt – zumal das psychiatrische Gutachten von einer latenten Rückfallgefahr ausgeht.» Aufgrund der Forderung der Staatsanwaltschaft habe man allerdings mit dem Urteil rechnen müssen.

Neben dem Frust über das milde Verdikt verspürt die junge Frau aber auch Genugtuung. «Über vier Jahre hat sich das Verfahren hingezogen. Jetzt haben wir endlich ein Urteil und können sagen: Der Mann ist ein verurteilter Straftäter.»

Der Pflichtverteidiger von N. will sich zum Richterspruch nicht äussern. Er werde das Urteil mit seinem Mandanten in den nächsten Tagen analysieren und dann über das weitere Vorgehen befinden, sagt er auf Anfrage.

16 bis 20 Missbrauchsopfer

N. bestritt am Mittwoch vor Gericht die meisten ihm vorgeworfenen Übergriffe. Nur in zwei Fällen legte er ein Teilgeständnis ab. Oft verstrickte er sich in Widersprüche und gab sich unwissend. Das psychiatrische Gutachten stellte beim 70-Jährigen eine Pädophilie fest, vor allem in Bezug auf Knaben. Es bestehe eine latente Rückfallgefahr.

Der Fall umfasst weit mehr Jahre und Opfer aus dem Verwandtenkreis, als am Mittwoch vor dem Amtsgericht behandelt wurden. Viele Taten sind jedoch bereits verjährt. «Insgesamt sind es 16 bekannte Opfer, jedoch ist es möglich, dass es noch weitere Opfer gibt, teilweise auch von früher», sagt die Nichte. Sie gehe von bis zu 20 Missbrauchsopfern aus. Bereits in den 80er Jahren habe es gegen N. eine Anzeige wegen sexuellen Handlungen mit Kindern gegeben: «Leider ist damals nichts passiert», sagt die Frau.

(sul)