So wird 20 Minuten ausgetragen

08. Februar 2019 05:52; Akt: 08.02.2019 15:49 Print

«Es ist harte Arbeit, aber ich mache sie sehr gern»

von Raphael Casablanca - Kiflay Solomon (44) verteilt mit 150 anderen Mitarbeitern die 20-Minuten-Ausgaben in der Schweiz. Wir haben ihn bei seiner Arbeit begleitet.

In tiefster Nacht eilt Kiflay Solomon (44) von einer 20-Minuten-Box zur nächsten. (Video: rc)
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«Du fuuli Moore, mach mau vorwärts!»: Mit solchen und weiteren aggressiv vorgebrachten Worten wurde unlängst ein 20-Minuten-Verträger in Laupen von einem ungeduldigen Leser empfangen. Eine Leser-Reporterin hat die Szene kurz vor 6 Uhr beobachtet: «Ich war schockiert. Es hatte geschneit und der Verträger hat sich sichtlich Mühe gegeben, vorwärts zu machen.»

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Es ist 3 Uhr morgens, als beim Druckzentrum Bern nahe dem Stadtrand die frisch gedruckten Ausgaben zur Auslieferung bereit stehen. Es ist kalt und neblig, die Strassen menschenleer. Nur im und um das Druckzentrum am Zentweg herrscht reger Betrieb: Die Maschinen laufen auf Hochtouren, Zeitungen werden gestapelt und die Fahrer befüllen ihre Fahrzeuge. Unter ihnen ist auch Kiflay Solomon, der heute die Tour nach Laupen fährt.

6.30 Uhr ist Deadline

Solomon ist mit 22 anderen Chauffeuren dafür verantwortlich, dass die 20-Minuten-Ausgaben der Region Bern rechtzeitig und vor dem Pendleransturm in den Boxen liegen: Spätestens um 6.30 Uhr sollen die letzten Ausgaben aufliegen. Allein an diesem Donnerstagmorgen werden über 99'000 deutschsprachige Ausgaben für die Kantone Bern, Freiburg und Solothurn verteilt. Der Zeitplan ist straff, die Abfahrtszeit genau bestimmt.

«Pro Station brauche ich zwischen zwei und fünf Minuten.»

Die Tour des stets freundlich lächelnden 41-Jährigen, der aus Eritrea stammt, umfasst gegen 20 Stationen. «Pro Station brauche ich zwischen zwei und fünf Minuten. Es kommt immer drauf an, wo sich die Box befindet», erzählt Solomon, der während des Jobs eine Leuchtweste trägt. Jeder Standort ist anders, manchmal stehen die Boxen direkt am Perron, ein andermal muss er den Lift nehmen. Obschon er zeitlich enorm unter Druck steht, verliert Solomon seine Leichtigkeit nicht. Sobald eine Station abgehakt ist, muss er dies im System eintragen. Zeit für eine Zigarette hat er nicht.

«Es ist harte Arbeit, aber ich mache sie sehr gern»

Keine Zeit für einen Schwatz

Die Strecke führt den Chauffeur von Düdingen über Freiburg nach Murten und Laupen. Neben den 19 Boxen, die es zu befüllen gibt, erhalten auch Bäckereien oder Restaurants Zeitungen. Es ist eine anstrengende Aufgabe: 330 Kilo Zeitungen gilt es für ihn von Hand auszuliefern. Manchmal muss der in Bern wohnhafte Solomon mit mehreren Bündeln unter den Armen erhebliche Strecken laufen: «Es ist harte Arbeit, aber ich mache sie sehr gern», sagt er und lächelt. Erst seit drei Monaten ist er im Job: «Mein Traumberuf wäre Lastwagenchauffeur.»

Es ist mittlerweile kurz vor 5 Uhr morgens – Autos sind kaum auf den Strassen unterwegs. Am Bahnhof in Freiburg trifft Solomon Gleichgesinnten: «Das ist der Lieferant von 20 minutes», erklärt er und zeigt auf den Lieferwagen vis-à-vis. Zeit für einen kurzen Schwatz mit dem Kollegen bleibt ihm aber nicht. Am zweisprachigen Bahnhof werden die deutsch- und französischsprachigen Ausgaben jeweils zeitgleich verteilt.

«Die meisten sind nett zu mir.»

Ungeduldige Pendler

Gegen 5.30 Uhr trifft Solomon beim Verteilen auf die ersten Personen, die bei den Perrons auf die Zeitungen warten. Manche grüssen freundlich und bedanken sich, andere stehen ungeduldig neben der Box und reissen Solomon die Zeitung fast aus der Hand. «Die meisten Menschen sind nett zu mir», so Solomon. Doch das sei leider nicht immer der Fall. Er hat vom Vorfall in Laupen erfahren: «Wenn die Zeitung zu spät kommt, ist der Kurier fast nie schuld», weiss er. Grund könnten etwa Verspätungen im Druckzentrum sein: «Das führt dann zu einer Kettenreaktion, die sich durch die ganze Schicht ziehen.» Die Reaktionen abbekommen würden meist aber die Chauffeure.

Es ist 5.45 Uhr, als Solomon beim Bahnhof Laupen eintrifft und eine der letzten Boxen auf seiner Tour befüllt. Kurz bevor die Pendler in den Zug nach Bern steigen, greifen sie in den blauen Kasten, um sich Lesestoff für die Fahrt zu beschaffen. «In gut einer Stunde habe ich auch Zeit, die Zeitung durchzublättern», sagt Solomun, der Vater von zwei Kindern ist. Zuerst müsse er jedoch zurück zur Zentrale, Papierkram erledigen und das Auto zurückstellen: «Zu Hause dauert es dann meist nicht lange, bis ich einschlafe.»