Lehrstellen-Abbrecher

09. April 2015 05:55; Akt: 09.04.2015 05:55 Print

«Gesellschaft als Selbstbedienungsladen»

von Sonja Mühlemann - Jugendliche brechen ihre zweijährige Lehre häufig ab, weil sie sich nicht an Regeln halten. Jugendpsychologe Allan Guggenbühl spricht von einem Wohlstandsproblem.

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Ein Lehrling bei der Arbeit. (Bild: Keystone/Keystone)

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Oftmals brechen Jugendliche eine An- oder Kurzlehre ab (siehe Box), weil sie im Betrieb nicht zurechtkommen. Wieso?

Allan Guggenbühl*: Es gibt viele Gründe. Viele Schulen setzen auf selbstständiges Lernen und Individualisierung. Jugendliche werden dadurch autonomer. Einzelne sind jedoch bei diesem System überfordert, sie müssten strenger geführt werden. Kommen sie dann in einen Lehrbetrieb, wo sie genaue Vorgaben unter Zeitdruck zu erfüllen haben, haben sie Mühe. Sie realisieren nicht, dass sie sich anpassen müssen und es nicht um Selbstverwirklichung geht.

Wozu führt dies?

Sie können sich in ein bestehendes System wie einen Lehrbetrieb nicht integrieren; können etwa nicht vollziehen, weshalb sie jeden Tag pünktlich zu erscheinen haben. Statt Strukturen anzuerkennen und sich ihnen anzupassen, wollen sie diese zu ihren Gunsten abändern, ihre Auffassungen einbringen. Sie glauben mit dem Lehrmeister verhandeln zu können. Viele leben in ihrer eigenen Welt und haben nicht gelernt, dass Arbeit nicht unbedingt Selbstverwirklichung bedeutet. Diese Jugendlichen können nicht nachvollziehen, dass man zuerst etwas leisten muss, bevor man etwas bekommt.

Also ist die Gesellschaft schuld?

Schuld ist niemand, es handelt sich um eine gesellschaftliche Entwicklung. Diese Jugendlichen nehmen die Gesellschaft als Selbstbedienungsladen wahr. Die Erwachsenen sollen liefern und sie können wählen. Oft bleiben auch Lehrabbrüche ohne Konsequenzen. Ihr persönliches Leben verändert sich nicht, sie gehen weiterhin in den Ausgang oder können es sich bei den Eltern wohl ergehen lassen.

Wo sollte man ansetzen?

Wichtig sind es Klassenlehrer, die sich für Jugendlichen verantwortlich fühlen und sie vorbereiten. Einige Lehrbetriebe haben bereits reagiert: In den ersten Wochen versuchen den Lehrlingen zu klar zu kommunizieren, dass Pünktlichkeit, eine motivierte Einstellung, angemessene Kleidung usw. unabdingbar sind.

Aber nicht alle Betriebe haben die Zeit und Ressourcen dazu.

Gerade Kleinbetriebe stossen hierbei an ihre Grenzen. Sie investieren viel Zeit und Energie in die Lehrlinge. Nicht motivierte Lehrlinge sind für sie ein Problem. Wenn sich dann ein Maurerlehrling weigert, draussen zu arbeiten, weil es ihm zu heiss ist oder wegen leichtem Kopfweh tagelang nicht zur Arbeit erscheint, überlegen es sich die Lehrmeister zweimal, ob sie wieder einen Lehrling ausbilden wollen.

*Allan Guggenbühl ist Jugendpsychologe und leitet in Bern an der kantonalen Erziehungsberatung und am IKM Zürich die Gruppen «Chance», in denen Jugendliche beim Lehreinstieg begleitet werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Therapeut am 09.04.2015 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern verwöhnen zu sehr

    Die Klassenlehrer sollen das Problem lösen? Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland, sagt ein altes Sprichwort. Es gibt Dinge, die muss man den Kindern schon als Kleinkind beibringen und nicht erst dann, wenn sie schon in der Schule hocken.

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  • Lynn am 09.04.2015 06:35 Report Diesen Beitrag melden

    verantwortliche Eltern

    Das sind alles Auswüchse schlechter Erziehung. Können die Eltern nie nein sagen, sind die Jugendlichen nicht in der Lage Anweisungen auszuführen und Befehle entgegen zu nehmen. Hängen die Eltern bereits am Sozialentropf, ist der Lehrabbruch vorprogrammiert. Es lässt sich auch ohne Arbeit gut auskommen. Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Viel Vergnügen mit der Kita-Generation.

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  • Wadi am 09.04.2015 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kuschelpädagogik

    Rusultat von 9 Jahren Kuschelpädagogik. Alles wird den Schülern pfannenfertig hingelegt, ist für die Lehrer eifacher als individuelle Förderung. Leistung wird erst gar nicht etwartet und gefordert von "Problemschülern". Dann in Lehre und Berufschule weht plötzlich ein anderer Wind und niemand hätschelt und tätschelt die Armen. Und sie können noch nicht mal etwas dafür.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ernst am 10.04.2015 22:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lehrlinge müssen

    eben ein Pflichten Heft haben welches sie und ihre Eltern unterschreiben müssen. Dazu eine Probezeit. Sollte es nicht klappen, wird der Lehrvertrag aufgelöst, basta. Es bringt wirklich nichts unmotivierte Jugendliche zu ihrem Glück zu zwingen. Dann sollen halt ihre Eltern sie weiter finanzieren bis zum Grab. Sie haben die Kinder ja bis zum geht nicht mehr geschont und ihnen alles ermöglicht, Ferien im Ausland, elektronisches Spielzeug, helfen müssen sie zu Hause auch nicht mehr, also warum sollen sich Lehrmeister um die Nach Erziehung der faulen Brut kümmern? Nein sollen die Eltern das ausfres

  • Zuspät am 10.04.2015 16:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Bei manchen Jugendlichen steht das Leben auf dem Kopf. Bis zum Schulschluss im Altersheim( von Mama gehegt und gepflegt ) Dann ein Leben wie ein AHVlern(Leben geniessen.)Und plötzlich auf die Welt kommen weil man merkt nichts hat und nichts kann.

  • Michellr am 09.04.2015 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    9 % !!!

    9 % brechen die Lehre ab, das kommt vor. Falsche Berufswahl mit 15 Jahren ist schliesslich möglich. Der Eine oder Andere ist da eventuell überfordert. Das bedeutet aber auch, 91% schliessen die Lehre ab. Also, wo ist das Problem?

  • Ma Mi am 09.04.2015 15:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fordern und Fördern

    Heißen die Zauberwörter. Ich bin mit A. Guggenbühl nicht einverstanden, dass niemand Schuld sei. Schuld sind die Eltern, die es versäumt haben, die Kinder zu erziehen.

    • Bestraft Das Leben am 09.04.2015 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wer Zuspät kommt

      Ich gebe Herrn Guggenbühl recht . Wir Eltern müssen ihnen Grundregeln mit geben dazu gehört auch Pünktlichkeit .

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  • Primarschullehrer am 09.04.2015 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lehrplan 21 nein danke

    Und mit den Inhalten des Lehrplan 21 wird es noch schlimmer. Keine Führung, keine Strukturen, keine Kontrolle, selbstgesteuerte und Kinder die auf sich Allein gestellt sind.

    • Roland am 09.04.2015 15:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Freiheit

      ...und auf sich alleine gestellt, bringt Freiheit in unsere Gesellschaft. Freiheit führt zu Glückseeligkeit und ist der einzige Weg zur Selbstverwirklichung, welche wiederum zu Erfolg führt. Wieso denken die Erwachsenen stehts, auf dem richtigen Weg zu sein und ignorieren chronisch die Ansichten von unbelasteten Menschen. Ich hätte mir als Kind gewünscht, etwas über Emotionen, Seele und Geist, Gefühle und dem grössten Gut, das Denken zu lernen.

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