Berufung angemeldet

14. August 2014 11:56; Akt: 14.08.2014 18:04 Print

«HIV-Heiler» zieht vor Bundesgericht

von Sonja Mühlemann - Der Musiklehrer, der 16 Menschen vorsätzlich mit dem HI-Virus angesteckt hat, will vor dem Bundesgericht eine geringere Strafe erreichen.

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Am 14. August geht der «Heiler von Bern» an die Offentlichkeit. In der SRF-Sendung «Schweizer Verbrechen im Visier» streitet er die ihm angelasteten Taten vor laufender Kamera ab. Am 22. März wird das erstinstanzliche Urteil bekanntgegeben: Der selbsternannte «Heiler von Bern» muss für 12 Jahre und 9 Monate in Sicherheitshaft. Er ist der schweren Körperverletzung und der Verbreitung von Krankheiten schuldig gesprochen worden. Der Heiler legt jedoch Berufung ein. Am Freitag, 15. März 2013, stürmte eine Sondereinheit der Polizei das Haus des «Heilers». Dieser hatte sich seit Donnerstag hier verbarrikadiert. Die Beamten nahmen ihn und eine weitere Person fest. Dabei handelte es sich um eine Cousine des «Heilers». Danach wurde der Angeklagte mit der Ambulanz zur ärztlichen Kontrolle ins Spital gebracht. Weil der «Heiler» am Donnerstag, 14. März 2013, nicht vor Gericht erschienen war, hätte ihn die Polizei abholen sollen. Doch der Angeklagte bedrohte die Beamten mit Waffen und verschanzte sich danach in seiner Wohnung. Und das war geschehen: Als sein Verteidiger dem Gericht mitteilte, der angeklagte X. könne wegen «akuter psychischer und physischer Erschöpfung» nicht vor den Richter treten, erliess das Gericht einen Vorführbefehl und bestellte den Heiler auf 14 Uhr ins Amtshaus. Als die Polizisten den Mann abholen wollten, stürmte X. mit Samuraischwertern bewaffnet aus seinem Haus. X. hatte ein Samuraischwert umgeschnallt und hielt in der rechten Hand ein Messer. Die rund 10 Einsatzkräfte schlugen Alarm, zückten Pistolen und Pfeffersprays und forderten den «Heiler» mehrmals auf, seine Waffen niederzulegen. Als sich dieser den Befehlen widersetzte und mit einem Säbel herumfuchtelte, setzte die Polizei Pfefferspray ein. Damit erwischten sie X. jedoch nicht. Der Angeklagte stürmte zurück zur Tür, betätigte die Klingel, redete in die Gegensprechanlage und trat ins Haus ein. Kurz darauf erhielten die Einsatzkräfte per Funkspruch die Warnung, der «Heiler» wolle schiessen. Sofort zogen sich die Polizisten zurück und sperrten das Gelände ab. Das Haus wurde von da an belagert, die Polizei stand immer wieder in Kontakt mit dem Angeklagten. Den ganzen Donnerstagabend und in der Nacht auf Freitag wurde das Haus von Einsatzkräften umstellt. Der Prozess gegen den als «Heiler von Bern» bekannt gewordenen X. läuft seit dem 6. März 2013. Das Gerichtsverfahren soll drei Wochen dauern. X. ist wegen schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten angeklagt. X. in seinem Haus. Der Mann, der auch als Heiler tätig war, wurde am 30. August 2012 von der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland angeklagt, zwischen 2001 und 2005 mindestens 16 Menschen absichtlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. X selbst ist nicht HIV-positiv. Er bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft vollumfänglich. Gemäss der Anklage kam rund die Hälfte seiner Opfer zu ihm, um in seiner unbewilligten Akupunkturpraxis von Leiden geheilt zu werden. Diese stach er offenbar mit infizierten Nadeln und übertrug so die Krankheit Aids. Auch Schüler sollen zu den Opfern gehört haben. Diese soll er unvermittelt mit einem Gegenstand gestochen haben. Ob er dabei eine Spritze verwendete oder mit einer Nadel stach, ist unklar, denn er stach sie von hinten zum Beispiel in den Rücken. «Die Opfer konnten es nicht sehen», so die Berner Staatsanwaltschaft. Im Jahr 2005 wurde X. angezeigt und kam zwischenzeitlich in Untersuchungshaft. Nach seiner Freilassung begann er aber offenbar wieder zu unterrichten. Gemäss Staatsanwaltschaft soll er sich seit der ersten Anzeige im Jahr 2005 klaglos verhalten haben. «Es gab nie mehr Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten und damit eine Wiederholungsgefahr», sagt Christof Scheurer, Sprecher der Berner Generalstaatsanwaltschaft gegenüber 20 Minuten Online.

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15 Jahre Haft für die vorsätzliche Ansteckung von 16 Menschen mit dem HI-Virus: Für den als «Heiler von Bern» bekannt gewordenen 55-Jährigen ist dieses Strafmass des Berner Obergerichts zu hoch. Deshalb zieht er nun vor Bundesgericht, wie die Berner Staatsanwaltschaft am Donnerstagmorgen gegenüber 20 Minuten bestätigte.

Opfer können nicht abschliessen

Der «Heiler» war im April vor dem Berner Obergericht gescheitert: Dieses hatte die Haftstrafe von 12 auf 15 Jahre erhöht. Es folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verschärfte das Urteil der ersten Instanz.
«Für die Staatsanwaltschaft wäre der Fall mit dem Urteil des Obergerichts eigentlich abgeschlossen gewesen – zumal das Gericht dem Antrag vollumfänglich entsprochen hat», sagt Christof Scheurer, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft, gegenüber 20 Minuten. Der Weiterzug sei am Mittwoch vom Bundesgericht mitgeteilt worden.

Der Pflichtverteidiger des Mannes wollte sich am Donnerstag nicht zum Weiterzug äussern. «Wir warten die schriftliche Zustellung an die Parteien ab», sagt Anwalt Ernst Reber zu 20 Minuten.

«Für die Opfer ist der erneute Weiterzug sehr schwierig zu verkraften – sie können mit dem Erlebten nicht abschliessen», sagt Pia Altorfer von der Opferhilfe Bern. Wenn überhaupt, gelinge dies erst, wenn der Mann rechtskräftig verurteilt sei. Die Medienberichterstattung wühle die Erinnerungen an die Tat immer wieder auf: «Bei jeder Instanz geht das Bangen wieder los, dass der Täter eine mildere Strafe erhält», so Altorfer weiter.

Wann das Bundesgericht den «Heiler»-Fall schriftlich behandeln wird, ist noch unklar.