«Hardly any tourists»

13. August 2019 04:46; Akt: 13.08.2019 18:26 Print

CNN preist Bern als touristenfreies Paradies an

Das Onlineportal von CNN lobt Bern als Ort «mit fast keinen Touristen». In der Bundesstadt sorgt man sich dagegen wegen der wachsenden Zahl der Sightseeing-Touristen.

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Berns beliebtestes Sujet: Touristen fotografieren den Stundenschlag des Zytgloggeturms. Im letzten Jahr verzeichnete die Stadt Bern rund 830'000 Hotel- und Hostelübernachtungen – 10,6 Prozent mehr als im Vorjahr und damit ein neuer Rekord. In einem Artikel empfiehlt das Reiseportal Destinationen, wo man sich nicht durch die Massen der Selfie-Touristen kämpfen müsse. Darunter finden sich Städte wie Antwerpen, Sarajevo, Aberdeen, Tiflis – und Bern! Bern Welcome freut sich zwar über Berns Aufnahme in die CNN-Liste der «beautiful european cities». Die jüngste Entwicklung im lokalen Tourismus sieht er aber auch mit Sorge: So sei eine Zunahme an Sightseeing-Touristen ohne Übernachtung zu beobachten, die vor allem die Untere Altstadt betreffe. «Reisen Gäste nur für ein Selfie vor dem Zytglogge an, ohne in der Stadt zu bleiben, sich zu verpflegen, einzukaufen oder zu übernachten, so ist dies sicherlich nicht in unserem Interesse» stellt Sven Gubler, Sven Gubler, CEO a.i. von Bern Welcome, klar. Nach Ansicht von Barbara Geiser, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste, passt Bern gut in die CNN-Liste: «Verglichen mit anderen europäischen Städten können sich Touristen hier sehr gut bewegen, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen.» Klar gebe es Hotspots wie den Bärenpark oder den Zytglogge, bei denen sich die Touristen tummeln würden. Solchen Orten könne man aber problemlos ausweichen, so Geiser. Wichtig sei, zwischen verschiedenen Formen des Tourismus zu unterscheiden, sagt Geiser: Hier der Individualtourist, der sich intensiv mit der Stadt auseinandersetzt. Dort die Massentouristen, die mit den Reisecars ankommen und zu Hunderten gleichzeitig in die Gassen gespült werden. «Diese nehmen vergleichsweise viel Platz ein, konsumieren in der Stadt aber herzlich wenig», so Geiser. «Dieses Phänomen müssen wir kritisch anschauen.»

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Venedig, Dubrovnik, Barcelona oder Amsterdam – immer mehr europäische Städte klagen über die Touristenmassen, von denen sie gerade in der Hauptsaison regelrecht überflutet werden. Gerade junge Reisende wollen dem sogenannten Overtourism jedoch vermehrt entfliehen und suchen daher nach weniger überfüllten Reisezielen.

Diesem Wunsch hat sich CNN Travel angenommen: In einem Artikel mit dem Titel «20 beautiful European cities with hardly any tourists» («20 wunderschöne europäische Städte mit fast keinen Touristen») empfiehlt das Reiseportal Destinationen, wo man sich nicht durch die Massen der Selfie-Touristen kämpfen müsse. Darunter finden sich Städte wie Antwerpen, Sarajevo, Aberdeen, Tiflis – und Bern.

Akzeptanz von Sightseeing-Touristen schwindet

Die Bundesstadt, so viel steht fest, ist kein zweites Venedig – aber eben auch keine touristenfreie Enklave. 2018 verzeichnete Bern rund eine halbe Million Gästeankünfte. Das ist ein Zuwachs von 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit klarer Rekord. Auch im Frühling dieses Jahres sind die Zahlen gegenüber dem Vorjahr leicht angestiegen. Die Berner Tourismus-Organisation Bern Welcome rechnet auch in der zweiten Jahreshälfte mit einer leichten Gästezunahme.

Sven Gubler, interimistischer Leiter von Bern Welcome, freut sich sowohl über die steigenden Logiernächte als auch über Berns Aufnahme in die CNN-Auswahl. Zugleich beobachtet er die jüngste Entwicklung mit Sorge: So sei eine Zunahme an Sightseeing-Touristen ohne Übernachtung zu beobachten, die vor allem die Untere Altstadt betreffe. «Reisen Gäste nur für ein Selfie vor dem Zytglogge an, ohne in der Stadt zu bleiben, sich zu verpflegen, einzukaufen oder zu übernachten, so ist dies sicherlich nicht in unserem Interesse», stellt Gubler klar. Diese Form von Tourismus bringe kaum Wertschöpfung und habe ein zunehmendes Akzeptanzproblem in der Bevölkerung.

«Phänomen müssen wir kritisch anschauen»

Dieser Ansicht ist auch Barbara Geiser, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste. Die Berner Altstadtleisten würden demnächst zusammenkommen und die aktuelle Situation besprechen. Wichtig sei, zwischen verschiedenen Formen des Tourismus zu unterscheiden: Hier der Individualtourist, der sich intensiv mit der Stadt auseinandersetzt, dort die Massentouristen, die mit den Reisecars ankommen und zu Hunderten gleichzeitig in die Gassen gespült werden. «Diese nehmen vergleichsweise viel Platz ein, konsumieren in der Stadt aber herzlich wenig», sagt Geiser. «Dieses Phänomen müssen wir kritisch anschauen.»

Grundsätzlich findet Geiser aber, dass Bern seinen Platz in der CNN-Liste redlich verdiene: «Verglichen mit anderen europäischen Städten können sich Touristen hier sehr gut bewegen, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen.»

Kein Geld für Influencer

Vieles, was die Beliebtheit einer Stadt steigern kann, entzieht sich laut Gubler dem Einfluss der Tourismusbüros. «Ein Artikel wie jener von CNN kann durchaus dazu führen, dass Leser Bern auf ihre Bucket-List setzen», sagt er. Auch der globale Trend hin zum Städtetourismus dürfte bei Berns wachsender Popularität eine Rolle spielen.

Schliesslich würden Beispiele wie die Schliessung des Berggasthauses Aescher zeigen, dass auch soziale Medien viel dazu beitragen könnten, dass ein Ort an Beliebtheit gewinne oder gar «gehypt» werde. Gubler: «Wir arbeiten aber bewusst nicht mit Influencern zusammen, die uns beispielsweise eine zahlende Partnerschaft vorschlagen.»

(sul)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Expat am 13.08.2019 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ob es am Preis liegt

    Logisch, dass die Tagestouristen in Bern nichts einkaufen, wenn schon ein Sandwich und ein Getränk 15 Fr kosten und eine Hotelübernachtung bei 120 Fr startet.

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  • Sonja am 13.08.2019 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sind wir nicht alle Touristen?

    Scheint fast so, als ob der Schweizer selbst NIE TOURIST ist und NIE verreist! Man alle die nur immer meckern... ihr seid in euren Reisezielen auch Touristen, also erst denken!!!!

  • Turi Keller am 13.08.2019 08:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wertschöpfend?

    Wie nachhaltig oder wertschöpfend diese Art von Massentourismus in der Schweiz ist, wird sich noch zeigen müssen. Bisher sahnen wenige ab, die Mehrheit muss Lärm, Verkehr und knapper werdenden Wohnraum durch Airbnb hinnehmen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roli am 14.08.2019 16:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich war in Bern

    Ich war einige Tage in Bern und war schockiert von der Stadt. Auf Plätzen und Strassen rund um das Bundeshaus wurde öffentlich gedealt. Weit und breit keine Polizei, ich konnte jeden Tag zusehen, wie Drogen den Besitzer wechselten. Auch auf allen Plätzen und Strassen roch es nach Gras. Verkommt Bern zur Drogenstadt? Auch habe ich keine Stadt gesehen, wo es auf solch einer kleinen Fläche so viel Italienische Restaurants gibt. Schweizer Kultur wo bist du? Früher oder später werden die Touristen Bern den Rücken kehren.

    • Expat am 15.08.2019 15:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roli

      Eine in allen Punkten zutreffende Analyse der Situation in der Bundeshauptstadt. Das ist eigentlich traurig.

    • Xeno72 am 18.08.2019 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roli

      Eine Folge der bizarren Drogenpolitik des Bundes.

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  • Maurizio am 14.08.2019 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Für was?

    Wir haben schon genügend Dauertouristen die aber kein Geld bringen! Ist halt Bern. So schön grün, versifft und link....

    • Xeno72 am 14.08.2019 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      interessant@Maurizio

      Das,Witzige ist, dass die Stadt Bern ökonomisch erfolgreich ist.

    • Gero F am 15.08.2019 08:24 Report Diesen Beitrag melden

      Ist dem so?

      Xeno72: Ist dem so? Oder wird da hintenrum gesponsert?

    • Xeno72 am 18.08.2019 22:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gero F

      Nein. Die Entschädigung des Bundes für Berns Funktion als Bundesstadt ist bescheiden. Wovon Bern immer etwas profitiert hat, ist, dass etliche Gutverdiener dort wohnen - manche aber natürlich auch woanders.

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  • Bärni am 14.08.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Bern ist schön!

    Bern ist schön! Das ist das, was man seit Jahrzehnten von Berns Tourismus Managern hört. Und, zumindest auf die Altstadt (das gesamte Stadzentrum) bezogen, mögen die Damen und Herren ja Recht haben. Aber Bern ist eben auch beengend und wenig einladend, das bäuerliche Image ist auch nicht unbedingt jedermanns Sache, und spektakulär im Sinne des touristischen Anspruchs ist nebst dem "Schön" in Bern eigentlich gar nichts, nicht mal der Bärengraben. Man könnte aber Bern die Situation durchaus verbessern, zum Beispiel indem man die viel zu hohen Preise senkt und geeignete Unterkünfte schafft!

    • Xeno72 am 14.08.2019 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Markt@Bärni

      Solange die Preise bezahlt werden, passiert das nicht.

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  • Mario am 14.08.2019 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Reisegruppen sind der Horror

    Normale Touristen stören mich kaum. Ich bin selbst ja auch oft unterwegs und lerne gerne neue Orte kennen, wieso sollen das andere nicht auch tun dürfen? Was mich aber stört, sind diese organisierten Reisegruppen. Die sogren nicht nur durch ihre Präsenz für verstopfte Strassen und Trottoirs, sondern fürhen auch indirekt dazu, dass nur noch auf Quantität statt Qualität gesetzt wird. Sieht man in Interlaken, wo mir ein Wirt gesagt hat, dass er sich nicht mehr um die Qualität seines Angebots sorgen müsse, denn die nächsten 150 Reisegruppen seien sowieso schon angemeldet.

    • Jean Gerber am 15.08.2019 10:29 Report Diesen Beitrag melden

      Qualität? Wozu?

      In Interlaken kann man erleben, wohin ungebremster Tourismus führt. Oberland Ost ist der Strassenstrich des Tourismus. Quantität ist alles, Qualität ist nichts.

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  • Berner Bär am 14.08.2019 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wen wundert das?

    Wer erwartet vom Clinton-Sender mehr? Vermutlich verorten diese Artikelschreiberlinge Bern auch gleich als Vorort von Gothenburg oder Stockholm.

    • Xeno72 am 19.08.2019 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      lach@Berner Bär

      Was hat den TeleBlocher zum Thema zusammengedichtet?

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