Psychische Belastung

07. Dezember 2019 19:11; Akt: 08.12.2019 11:25 Print

«Ich fürchte mich schon jetzt vor Weihnachten»

Für manche ist das Fest der Liebe ein Fest voller Stress und Leid. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern bieten deshalb erstmals ein kostenloses Seminar an.

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Nicht alle freuen sich auf die Festtage. Für manche bedeuten diese eine Stresssituation. So etwa für 20-Minuten-Leserin Francesca. «Ich fürchte, Weihnachten wird nie wieder dasselbe sein ohne meinen Bruder.» Die 28-Jährige hat vor mehreren Monaten ihren Bruder verloren. Sie fürchte sich schon jetzt vor Weihnachten. Die Lücke, die der Verstorbene hinterlassen habe, sei zu gross. Diese werde an Weihnachten allgegenwärtig sein. Sie habe sich schon überlegt, die Familienweihnachten auszusetzen und wegzufahren: «Aber ich kann meine Eltern nicht mit dem Schmerz allein lassen.» Laut Christian Burr, Pflegeexperte bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD), wird das Fest der Liebe oft auch als Belastung wahrgenommen. Das feierlich geschmückte Restaurant Bäche, aufgenommen am Dienstag, 16. Dezember 2014, in Wittenbach. (KEYSTONE/Ennio Leanza) Gerade für Menschen mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, aber auch für Autisten oder Menschen, die sich in einer Trauerbewältigung befinden, könne Weihnachten belastend sein, sagt der Experte. Die UPD wollen Betroffenen mit einem Gruppenseminar Hand bieten. Dieses findet am 19. Dezember unter dem Motto «Mit den Festtagen zurechtkommen» statt und ist kostenlos. Im Seminar werden neben Betroffenen und Fachpersonen auch Peermitarbeiter teilnehmen. Das sind Menschen, die selber betroffen waren und heute ihr Wissen und ihre Erfahrungen professionell weitergeben. «Es kann unglaublich wertvoll sein, im direkten persönlichen Austausch mit anderen Menschen zu merken, dass man nicht allein ist mit den Herausforderungen der Feiertage», sagt Peermitarbeiterin Sabine Heiniger. Das Ziel des Seminars sei es, individuelle Lösungsstrategien für Schwierigkeiten der einzelnen Teilnehmer zu erarbeiten.

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«Ich fürchte, Weihnachten wird nie wieder dasselbe sein ohne meinen Bruder.» Francesca (28) hat vor mehreren Monaten ihren Bruder verloren. Bei einem Verkehrsunfall verlor der damals 33-Jährige sein Leben. Die Familie habe sich seither etwas erholt: «Aber ich fürchte mich schon jetzt vor Weihnachten.» Das Fest der Liebe werde in ihrer Familie traditionell richtig zelebriert. Da würden Verwandte aus dem In- und Ausland kommen, teilweise für mehrere Tage bleiben: «Man verbringt viel Zeit miteinander, teilt Nähe. Alles, was ich früher daran so liebte, macht mir jetzt Angst.»

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Die Lücke, die ihr Bruder in der Familie hinterlassen habe, werde an Weihnachten allgegenwärtig sein: «Im Alltag lässt sich der Schmerz gut kaschieren, die Lücke mit Ablenkung füllen.» Sie habe sich gar schon überlegt, die Familienweihnachten auszusetzen, wegzufahren: «Aber ich kann meine Eltern nicht mit dem Schmerz allein lassen.»

Das Weihnachtsfest als Stress

Francesca ist nicht die Einzige, die sorgenvoll auf die Festtage blickt. Laut Christian Burr, Pflegeexperte bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD), wird das Fest der Liebe oft auch als Belastung wahrgenommen. Gerade für Menschen mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, aber auch für Autisten oder Menschen, die sich in einer Trauerbewältigung befinden, könne Weihnachten belastend sein.

Wenn die Familie zusammenkomme, könne das neben positiven Gefühlen auch negativen Stress auslösen, sagt Burr. «Erwartungen können enttäuscht werden. Plötzlich stehen schwierige Themen im Raum.» Die UPD will Betroffenen mit einem Gruppenseminar Hand bieten. Dieses findet am 19. Dezember unter dem Titel «Mit den Festtagen zurechtkommen» statt und ist kostenlos: «Es ist ein Seminar im Rahmen unseres neuen Projekts Recovery College. Wir wollen damit erste Erfahrungen sammeln.»

Ziel: Lerneffekt

Im Seminar werden neben Betroffenen und Fachpersonen auch sogenannte Peermitarbeiter teilnehmen. Das sind Menschen, die selber betroffen waren und heute ihr Wissen und ihre Erfahrungen professionell weitergeben. Sabine Heiniger vom Recovery College der UPD ist eine dieser Peermitarbeiter. Sie selber weiss, wie es ist, mit einer «psychischen Erschütterungserfahrung» durch die Zeit der Festtage zu gehen. «Es kann unglaublich wertvoll sein, im direkten persönlichen Austausch mit anderen Menschen zu merken, dass man nicht allein ist mit den Herausforderungen der Feiertage.»

Das Ziel des Seminars sei, individuelle Lösungsstrategien für Schwierigkeiten der einzelnen Teilnehmer zu erarbeiten. Es müsse niemand sprechen: «Manchmal hilft bereits das Zuhören.» Es sei wichtig zu erwähnen, dass das Seminar bewusst kein Therapieangebot biete, sondern ein Lernangebot für psychische Gesundheit und persönliche Weiterentwicklung. «Es geht um Bildung – nicht um Therapie», erklärt Heiniger. In Zukunft sollen am Recovery College vermehrt solche Angebote geschaffen werden.

20-Minuten-Leserin Francesca begrüsst dies. «Solche kleinen und niederschwelligen Hilfsangebote sind wichtig für Betroffene.» Sie überlege sich gar, am Seminar teilzunehmen.

(cho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • karma am 07.12.2019 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Feiert mit ihm!

    Vielleicht kann ich dir auf diesem Weg einen Rat geben: macht dieses Jahr aus dem Fest der Liebe ein Fest für deinen Bruder, lasst ihn zu in eurer Mitte, nicht indem ihr ihn totschweigt und euch ängstigt, sondern indem ihr ihm dieses Jahr Weihnachten ganz bewusst widmet! Lacht und weint zusammen, erinnert euch an ihn, kocht sein Lieblingsessen, schaut Fotos an etc. nur so könnt ihr ihn lebendig halten in eurer Mitte, statt euch vor Weihnachten zu fürchten! Rede mit deiner Familie, lasst ihn an Weihnachten mit euch sein, ich bin sicher, ihr werdet ein unvergesslich schönes Fest haben!

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  • Wolf am 07.12.2019 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frohe Weihnachten

    Ich bin alleine! Aber ich komm an Weihnachten gut zurecht. Ich hab neue Bluerays und Games. Ausserdem gutes Essen. Zwischen Weihnacht und Neujahr arbeite ich sowieso. Ich ziehe Weihnachten etwas vor. Immer Anfang Dezember besuche ich einen Weihnachtsmarkt. Dieses Jahr bin ich in Nürnberg. Man kann es auch alleine gut haben, wenn man sich richtig organisiert!

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  • Dörchen am 07.12.2019 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauertage

    Als ich mein geliebtes Kind und nur ein paar Monate später auch noch nach einander meine Eltern verloren habe, bin ich jedes Jahr so froh, wenn die Festtage jeweils wieder vorbei sind !!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • The Fiend am 08.12.2019 21:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach

    Das sind Tage ohne jegliche Bedeutung für mich. Ergo, Feiern tu ich diesen Überbewerten Kommerz schon lange nicht mehr!

  • Sotomajor am 08.12.2019 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Der Ungläubige

    Für mich heisst Weihnachten: Ruhe, 2 Wochen Ferien, Zeit für mich, Sport und Hobbies. Kein Familienessen, keine Geschenke kaufen, einfach nur Ruhe und Zeit für mich. Ich bin ein Ungläubiger, hab also keine Religion, glaube nur an die Naturgesetze.

  • Moritz am 08.12.2019 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ex Sanitäter

    Und das falsche Geheuchel. Dann noch Streit bis die Polizei kommen muss. Nein Danke. Ein freier Tag für mich ohne Stress usw.Die Leute haben ja bald das ganze Jahr eine Depri. Frusriert und unzufrieden mehr nicht.

  • sandra am 08.12.2019 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Gibt es eine Platform bei welcher sich fremde Menschen zu Weihnachten treffen können um gemeinsam zu feiern?

  • Heidi am 08.12.2019 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Familie feiert ohne mich

    Seit mein Vater verstorben ist, feiert meine Familie (Mutter, ihr Ehemann und meine Geschwister) zusammen Weihnachten. Ich bin nicht mehr eingeladen, da ich bei der Erbteilung nicht kampflos meinen Drittel des Erbes, zugunsten meiner Geschwister, aufgegeben habe. Meine Geschwister haben beide trotzdem mehreren Millionen erhalten und ich nur ein paar Hunderttausend. So ist das halt. Ich bin nun das schwarze Schaf und werde komplett ausgestoßen aus der Familie. Ich mache mir jedoch jedes Jahr schöne Weihnachten (Filme, gutes Essen, selbst gekaufte Geschenke, ect).