Gamesucht

28. Februar 2017 08:23; Akt: 28.02.2017 12:34 Print

«Ich habe nur noch im Spiel gelebt»

von Simon Ulrich - Die Klinik Selhofen in Burgdorf therapiert neu Online- und Mediensüchtige. Ein Betroffener, dessen Gamesucht ihn fast in den Suizid trieb, erzählt.

D.H. spricht über seine Gamesucht und deren Folgen.
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«Ich habe nur noch im Spiel gelebt», erinnert sich D.H.* Nach dem Bügle wurde sogleich die «Kiste» hochgefahren und bis um zwei, drei Uhr nachts gegamt. An den Wochenenden habe er solange gespielt, bis ihm buchstäblich die Augen zugefallen seien. In solchen Momenten habe er sich «hurdi» ein Nickerchen gegönnt – um danach fit fürs nächste Level zu sein. Der heute 29-Jährige musste erkennen: Er war gamesüchtig.

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Für Menschen wie H. gibt es in der Klinik Selhofen nun eine Anlaufstelle: Die Einrichtung mit Ambulatorien in Burgdorf, Bern und Biel therapiert seit diesem Jahr Online- und Mediensüchtige.

«Ich habe nur noch im Spiel gelebt»

Zwar sei die Klinik auf Süchte im Zusammenhang mit Substanzen spezialisiert, räumt die stellvertretende Geschäftsführerin Regine Gysin ein. «Wir haben aber immer wieder Drogen- und Alkoholabhängige, die gleichzeitig auch onlinesüchtig sind», begründet sie das neue Angebot. Zudem würden die Online- und insbesondere die Game-Sucht innerhalb der Verhaltenssüchte mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.

Depression und Suizidgedanken

Obwohl es die neue Behandlung erst seit zwei Monaten gibt, hätten sich schon etliche besorgte Eltern von jungen Gamern gemeldet. Dass zunächst einmal die Angehörigen Kontakt mit der Fachstelle aufnehmen, sei typisch. «Die Betroffenen selber nehmen ihre Sucht zu Beginn gar nicht als Problem wahr.»

Das war auch bei H. so: Das Gamen wurde zur Routine, der Konsum nahm schleichend zu. Irgendwann wandten sich die Kollegen von ihm ab, die Familie habe ihn nicht wiedererkannt. «Sie sagten mir: Du bist bleich und hockst nur noch vor deiner Kiste.»

Die Warnsignale aus dem Umfeld stiessen zunächst auf taube Ohren: H. gamte immer mehr und verlor seinen Job wegen zu vieler Absenzen. Schliesslich wurde er depressiv und hatte gar Suizidgedanken: «Ich hielt den Gedanken nicht mehr aus, im richtigen Leben zu versagen.»

Leerstellen füllen

Laut Gysin dauert es bei den meisten Süchten relativ lange, bis der Betroffene selber Handlungsbedarf sieht. «Zuerst muss der Leidensdruck steigen und das Umfeld zu bröckeln beginnen.» Das Spielen allein sei bei einem Gamesüchtigen noch kein Problem.

Oberstes Ziel der Therapie ist laut Gysin, die Betroffenen wieder im Alltag zu verankern. Dabei sei nicht nur wichtig, die Sucht des Patienten zu bekämpfen, sondern ihm auch Alternativen dazu aufzuzeigen, also quasi die entstehende Leerstelle auszufüllen.

H. ist es nach mehreren Therapien gelungen, seine Gamesucht weitgehend zu kontrollieren. Heute spielt er noch einmal pro Woche mit einem Kollegen. Daneben übt er sich vor allem in Schach und Geschicklichkeitsspielen. H.: «Ich versuche, meine Zeit in Tätigkeiten zu investieren, die mir auch etwas bringen.»

* Name der Redaktion bekannt

https://www.log-in.ch


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Windowsgamer For Life am 27.02.2017 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mac

    Game süchtiger auf einem Mac?? Ist dies überhaupt möglich;)

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  • G.V. am 27.02.2017 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viel Stress = Fliehen

    Egal ob Alkoholsucht, Kaufsucht oder eben Gamesucht; es geht immer um das selbe: Stress abbauen, nach Glücksmomenten suchen die man im Alltag nicht findet. Anstatt immer mehr Kliniken zu eröffnen sollte man sich lieber um die Ursachen dieser Phänomene kümmern. Es kann doch kein Zufall sein, dass Burnouts, Süchte, Depressionen und Angststörungen immer mehr zunehmen!

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  • GuyFawkes am 27.02.2017 19:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und weiter gehts

    Ich Game unter der Woche nach meiner Arbeit um runter zu fahren 1-2Stunde. Am Wochenende 6-8h. Unter der Woche treffe ich meine Freunde ab und zu aber am Wochenende immer. Bin ich nun süchtig oder kann ich wieder weiter zocken ;)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bedexx am 28.02.2017 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hör auf!

    Ich hatte das selbe erlebt. Ziemlich die gleiche Geschichte und das zwei Jahre lang ich hatte in dieser Zeit nach ner internen Statistik über 280 Tage im Spiel verbracht (280x24h). Auch bei mir war es der ausbleibende Erfolg im realen Leben, aber im Spiel gehörte ich zu der "oberen Liga." Bis zu dem Tag als ich es selbst erkannte. Ich bin aufgestanden hab das Game deinstalliert und über ein Jahr nicht mehr gezockt. Zwischenzeitlich spiele ich ab und zu wieder dies beschränkt sich aber auf max. 2-3 Stunden pro Woche.

  • Hotwith am 28.02.2017 09:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Netzt/game süchtig

    Gut bin ich weder game noch internet oder TV süchtig.nach was ich süchtig bin ist viel schöner,süchtig nach gemeinsamkeit,geborgenheit,sex,kuscheln,umarmung,küssen,ok zur zeit nicht möglich als single.lernt man eine kennen-gut,nur meistens nur das handy im kopf.

  • foxxy grin am 28.02.2017 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    facepalm

    Hauptsache man sieht wie das in der Bildstrecke ein Video ist. Ausserdem wer würde auf einem Mac zocken?!

  • digitalism am 28.02.2017 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nach vorne schauen und positiv denken

    Egal was im Leben auch passiert, versagt hast du dennoch nicht. Im Leben kann man nicht versagen. Es geht immer wieder aufwerts. Man muss sich nur dafür entscheiden den Schritt einmal zu machen, welcher die sehlichst erwünschte Veränderung auslösen wird. Viel Erfolg für die Zukunft

  • Igel am 28.02.2017 05:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Am billigsten

    Als Rentner habe ich Zeit bis geht nicht mehr zum Gamen. Da die AHV soo mickrig ist bleibt einem nicht mehr viel anderes übrig. K.K. Versicherungen, ( AHV Versteuern) u.s.w. Unterdurchschnittliche Lebenshaltungskosten lassen nicht mehr zu.