Heikle Ermittlungen

25. Oktober 2017 06:54; Akt: 25.10.2017 06:54 Print

«Im Notfall verschweisse ich meine Särge»

Rechtsmediziner wollen Leichen vor der Kremierung untersuchen – auch ohne Einwilligung der Hinterbliebenen. Dagegen laufen viele Berner Bestatter Sturm.

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Die Bestatter im Kanton Bern schlagen Alarm. Der Grund: Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern (IRM) beabsichtigt, in Zukunft Leichen vor der Kremierung in Bern untersuchen zu dürfen. Damit soll die Ziffer unentdeckter Tötungsdelikte verringert werden. Die Untersuchungen werden mit dem Segen der kantonalen Ethikkommission erfolgen – die Hinterbliebenen haben hier jedoch nichts zu melden.

Für viele Bestatter im Kanton Bern ein absolutes No-Go: «Sie wollen Ihre Studie also selbst gegen den ausdrücklichen Willen der Angehörigen durchführen. Das empfinden wir als ziemlich dreist», heisst es in einem offenen Brief an das IRM und das Krematorium Bern. Gyan Härri und Kurt Nägeli vom Bestattungsunternehmen Aurora verschickten diesen am Dienstag.

Totenruhe mit Schweissnaht versiegeln

Mit ihren Argumenten stehen sie nicht alleine da. «Wenn die Forensiker eine solche Untersuchung durchführen wollen, muss diese in jedem Fall vor dem Einsargen stattfinden», findet auch Bestatter Beni Hochuli. Viele würden nicht verstehen, wie sich das abspiele, wenn ein Toter aus dem Sarg genommen werden müsse: «Dem Leichnam werden fast die Arme herausgerissen. Er muss praktisch aus dem Sarg herausgezerrt werden.»

Für Hochuli ist klar, dass er dies auf jeden Fall verhindern will: «Im Notfall verschweisse ich meine Särge in Zukunft.» Das geplante Vorgehen sei für ihn ein massiver Einschnitt in die Totenruhe und Menschenwürde. Hinterbliebene müssten auf jeden Fall das letzte Wort haben und sich gegen eine Untersuchung wehren dürfen. Mehrere Bestatter haben sich nun zusammengetan und wollen gegen das geplante Forschungsprojekt vorgehen.

Angst vor Vertuschung

Beim IRM und dem Berner Krematorium ist man sich dennoch sicher, die geplante Datenerhebung sei richtig und wichtig: «Bei der ärztlichen Leichenschau wurden erhebliche Mängel festgestellt», sagt IRM-Direktor Christian Jackowski. Er geht davon aus, dass in der Schweiz mindestens jedes zweite Tötungsdelikt unerkannt bleibt. Daher werde das Projekt auch rechtlich wie ethisch breit abgestützt.

Das explizite Einholen des Einverständnisses bei den Angehörigen würde dem Studienzweck zuwiderlaufen, sagt Silvana Pletscher-Bächtold, Direktorin Krematorium Bern. Da über den wahren Hintergrund der Ablehnung nur spekuliert werden könne, sei per se das Risiko erhöht, dass mit dem Leichnam etwas nicht stimme. Pletscher-Bächtold: «Sollten die Angehörigen, aus welchen Gründen auch immer, dezidiert keinen Einblick in den Sarg gewähren möchten, steht es ihnen frei, die Feuerbestattung in einem anderen Krematorium vornehmen zu lassen.»

Gegen Leichentransport

Auch wenn in Thun, Burgdorf oder Biel ebenfalls Krematorien stehen, sei die Sache nicht so einfach, sagt Bestatter Hochuli: «Wenn die Aufbahrung in Bern ist, muss die Feuerbestattung ebenfalls dort stattfinden. Die Verstorbenen hin und her zu kutschieren ist eine Anmassung für die Hinterbliebenen und verursacht unnötige Mehrkosten.» Die Haltung von Pletscher-Bächtold erstaune ihn. Er habe die Arbeit des Krematoriums bisher als ethisch ausgezeichnet eingeschätzt.

(cho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Samuel R. am 25.10.2017 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Vor dem einsargen

    Dann muss das institut die Leichen eben vor dem einsargen untersuchen. So viel flexibilität erwarte ich von forschern.

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  • Ueli Pächter am 25.10.2017 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wer hat Angst?

    Derartige Untersuchungen gab es scho und es wurde auch ein Buch darüber geschrieben ("Tote haben keine Lobby" wenn ich mich richtig erinnere). Spannend und auch erschreckend, was alles unentdeckt bleibt.

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  • Agnostiker am 25.10.2017 07:04 Report Diesen Beitrag melden

    spürt nichts mehr

    wir sollten vielleicht mal anfangen, eine Leiche als solche zu sehen: eine leere Hülle, die nichts mehr spürt, nichts mehr fühlt. Wenn diese Hülle aber Aufschluss über ein Verbrechen geben kann, warum sollte man sie nicht untersuchen dürfen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gruss aus Bern am 26.10.2017 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Hände weg von meiner Leiche,

    auch mein toter Körper steht nicht zur Disposition des IRM, selbst auf das Risiko hin, dass da jemand ungestraft davonkommen könnte, der meinen Abgang allenfalls ungefragt beschleunigt hat. Denn lebendig werde ich auch dann nicht wieder, wenn ich gegangen worden sein sollte. Respektiert gefälligst meinen - im Vollbesitz meiner Urteilsfähigkeit - geäusserten Willen. Danke!

  • Jean Bernois am 25.10.2017 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sonst noch Wünsche dieser Helden in weiss?

    Im Kanton Bern wird jeder nicht ganz klare Todesfall bereits durch die Polizei und dem IRM untersucht. Einzige Bedingung ist, dass der Pikettarzt eine unklare Todesursache attestiert, was häufig pasdiert. Was wollen denn diese Wissenschaftler machen, wenn nach drei oder vier Tagen eine Fremdeinwirkung festgestelt wird. Dann viel Spass für die Polizei bei den Ermittlungen, die Spuren sind dann garantiert weg... Das nennt man Beschäftigungstherapie!

  • Walter Störchlin am 25.10.2017 20:29 Report Diesen Beitrag melden

    So fängt es an!

    Das ist eben die neue Weltordnung. Jeder ist schuldig bis er seine Unschuld beweist. Früher war Jeder unschuldig bis ihm die Schuld nach gewiesen werden konnte. Da geht die Menschlichkeit im Kapitalismus den Bach hinunter. Und Macht hat wer Geld hat. Und der Staat hat immer mehr Geld als normale Menschen. Also macht euch auf etwas gefasst ihr die im Frust stimmen geht und immer nur für die Jungen wählt ohne die Folgen zu bedenken!

  • Sandra am 25.10.2017 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    kein Problem, solange öffentlich Ausgesc

    da brauchen wohl wieder ein paar Staatsangestellte ein Beschäftigung in ihrer geschützten Werkstatt und ein Argument für mehr Geld (vom Steuerzahler natürlich) oder sind die "Forensiker" einverstanden damit dass eine private Firma die Leichenschau macht und der Auftrag öffentlich ausgeschrieben wird?

  • Herr Max Bünzlig am 25.10.2017 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    da haben die Schweißer, aber wieder gut Arbeit