Demo in Bern

12. Dezember 2009 13:47; Akt: 13.12.2009 08:38 Print

«In keiner Religion haben Frauen mehr Rechte als im Islam»

von Adrian Müller, Bern - Gut 600 Muslime protestierten am Nachmittag vor dem Bundeshaus gegen die «Islamhetze». Die mit einem Grossaufgebot anwesende Polizei musste nur eine heikle Situation klären. Die angekündigte «Überraschung» des umstrittenen Islam-Predigers Pierre Vogel blieb aus.

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«Vielleicht bin ich körperlich nicht da, vielleicht bin ich da, ihr werdet eine schöne Überraschung erleben», kündigte Islam-Prediger Pierre Vogel am Samstagmorgen in einer Videobotschaft an. An der heutigen Kundgebung gegen «Islamhetze» auf dem Bundesplatz sorgten weder Vogel noch die zahlreichen Redner für böse Überraschungen.

«Die Schweizer wurden getäuscht»

Die schätzungsweise 500 bis 800 anwesenden muslimischen Demonstranten erlebten im Schneegestöber eine äusserst gesittete und moderate Kundgebung. Es gingen weder Schweizer Fahnen in Flammen auf noch kam es zu den befürchteten Zusammenstössen mit Rechtsextremen. «Wir sind doch keine Islamisten! Ich bin hier, um ein Zeichen gegen die Hetze gegen den Islam zu setzen. Pierre Vogel ist kein Hassprediger, sondern ein liebenswürdiger Mensch», sagte Demoteilnehmer Selim zu 20 Minuten Online.

Demo-Mitorganisator Nicholas Blancho stieg als erstes aufs improvisierte Rednerpult. Er sagte, dass er nicht glaube, dass alle derjenigen Schweizerinnen und Schweizer, die Ja zur Minarett-Initiative gesagt haben, Islamhasser seien. «Die Schweizer Bevölkerung wurde von der rechten Propaganda getäuscht», rief Blancho vom Rednerpult. Er wolle mit der Kundgebung insbesondere gegen die Desinformation ankämpfen. Der konvertierte Bieler Muslim, sonst eher als Heisssporn bekannt, gab sich erstaunlich moderat. Er rief die Kundgebungsteilnehmer auf, vermehrt Selbstkritik, etwa im Verhalten von gewalttätigen Jugendlichen, zu üben. Dann attackierte er die SVP: «Die Abstimmungskampagne war voller Lügen gegen den Islam.» Die Menge quittierte seinen Protest mit lautem Applaus. Zum Abschluss seiner Rede kritisierte er jene muslimischen Organisationen, welche nicht zur Teilnahme an der heutigen Demo aufgerufen hatten: «Ich bin sehr enttäuscht von diesen Leuten.»

Danach ergriff Melanie Muhaxheri, Präsidentin der Muslimischen Frauenorganisationen Schweiz, das Wort. «Wo sind die 499 000 Muslime? Sitzen sie etwa zu Hause in der Stube?,» kritisierte sie jene Muslime in der Schweiz, die nicht an der Demo teilnommen haben. Muhaxheri sagte in ihrer Rede, sie kenne keine Muslimin in der Schweiz, die das Kopftuch nicht freiwillig trage. Auch sie tue das. Die konvertierte Muslimin sagte weiter, dass Mädchenbeschneidungen und Zwangsheiraten nichts mit dem Islam zu tun hätten. «In keiner Religion haben Frauen mehr Rechte als im Islam», rief Muhaxheri in die Menge. Die vorwiegend männlichen Demonstranten wussten allerdings nicht so recht, ob sie applaudieren sollen.

Redner aus Deutschland angereist

Zwei Redner waren aus Deutschland angereist. Muhamed Ciftci, laut den Organisatoren Lehrer an einer islamischen Schule in Braunschweig, sagte, der Islam lehre die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Der Islam sei gegen Terrorismus, Ehrenmorde und Zwangsehen. Sven Lau alias Abu Adam, ebenfalls aus Deutschland, rief Nicht-Muslime auf, die Moscheen zu besuchen. «Leider ist die Scheu sehr gross.»

Behörden kappten Vogels Telefonschaltung

Die Stimmung war friedlich auf dem Bundesplatz. Von Aggressivität war nichts zu spüren. Der einzige Zwischenfall ereignete sich gegen 15 Uhr 30, als ein älterer Herr einen Redner beschimpfte und Demonstranten anpöbelte. Zwei Zivilpolizisten führten den Schweizer umgehend weg.

Nach gut eineinhalb Stunden beendete Blancho die Demo. «Vergesst nicht, den Abfall mitzunehmen», rief er den Leuten zu. Und was ist mit der «schönen Überraschung», die Pierre Vogel angekündigt hatte? Die Organisatoren erklärten nach der Demo gegenüber 20 Minuten Online, dass der Prediger via Telefonschaltung zum Publikum hätte sprechen sollen. «Auch das haben uns die Behörden untersagt, wir haben uns daran gehalten», sagt der am heutigen Tag lammfromme Blancho zum Abschluss.