Chlamydien-Infektionen

30. Oktober 2018 05:50; Akt: 30.10.2018 05:50 Print

«Betroffene merken nicht, dass sie angesteckt sind»

Die Zahl der Chlamydien-Fälle nimmt in der Schweiz zu. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun? Eine Expertin beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Chlamydien sind derzeit die häufigste Geschlechtskrankheit in Europa. In der Schweiz wurden 2016 über 11'000 Fälle gezählt – mehr als doppelt so viele wie 2007. Eine internationale Studie, bei der vier australische Universitäten und die Universität Bern beteiligt waren, kommt zum Schluss, dass bisherige Präventionsmassnahmen zu wenig greifen. Vielmehr müssten die diagnostizierten Fälle besser behandelt werden.

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20 Minuten sprach mit Daniela Enzler von Sexuelle Gesundheit Schweiz über die Gründe des Anstiegs, das Bewusstsein bei Jugendlichen und die Tücken einer Chlamydien- Infektion.

Frau Enzler, in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Chlamydien-Fälle in der Schweiz verdoppelt. Warum?
Zum einen lassen sich immer mehr Menschen testen. Wird mehr getestet, steigt auch die Zahl der diagnostizierten Infektionen. Zum anderen zeigen sich die Anstiege vor allem in den Metropolitanregionen Zürich und Genf und bei der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen. Das ist altersbedingt eine sexuell aktive Phase, die auch mehrere Partner umfasst. Je mehr Partner, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von sexuell übertragbaren Krankheiten (STI), also auch Chlamydien.

Schützen sich junge Leute heute schlechter gegen Geschlechtskrankheiten?
Nein. Jugendliche sind generell eher gut aufgeklärt. Auch was STI anbelangt, steigt ihr Wissen. Kondome werden in dieser Altersgruppe gut genutzt. Nur bieten sie gegen Chlamydien keinen hundertprozentigen Schutz, da die Krankheit beispielsweise auch bei Oralverkehr übertragen werden kann. Der Zugang zu verlässlichen Informationen und den entsprechenden Tests ist jedoch nicht für alle gleichermassen gewährleistet.

Eine neue Studie kommt zum Schluss, dass die bisherigen Präventionsmassnahmen zu wenig greifen. Wo besteht noch Luft nach oben?
Die Zugänglichkeit der Tests muss erhöht und finanzielle Hürden, wie sie zum Beispiel für Jugendliche mit geringem Budget bestehen können, müssen abgebaut werden. Jugendliche sollten nicht auf die Tests verzichten, weil sie sich diese nicht leisten können. Lässt man sich gleich auf mehrere Geschlechtskrankheiten testen, kann das mehrere hundert Franken kosten.

Und wie kann man die Behandlung gegen Chlamydien verbessern?
Die Partnerinformation ist auch ein wesentlicher Teil der Präventionspolitik in der Schweiz. Ihr sollte unbedingt noch mehr Gewicht zugemessen werden, um Betroffene behandeln zu können und die Infektionsübertragungen zu stoppen. Wird nur der Betroffene behandelt, kann dieser sich immer wieder von Neuem beim Partner anstecken.

Was macht Chlamydien so tückisch?
Die Krankheit verläuft in den meisten Fällen ohne Symptome. Die Betroffenen fühlen sich nicht krank und merken oft nicht, dass sie sich angesteckt haben. Man sollte sich also regelmässig präventiv untersuchen lassen, wenn man mehrere Sexualpartner hat. Eine Ansteckung kann schwere Spätkomplikationen mitbringen und die Fruchtbarkeit der Frau mindern.

(sul)