Bewohner in Not

24. Juli 2014 13:00; Akt: 24.07.2014 16:02 Print

«Schatz, die Emme kommt wie eine Wand daher»

von S. Mühlemann/T.Bircher - Das Wasser steht ihnen buchstäblich bis zum Hals. In der Gemeinde Schangnau BE müssen Väter ihre Töchter in Sicherheit bringen und Ehemänner ihre Frauen vor der Flut warnen.

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Ein Jahr nach dem Hochwasser können Käthi und Fritz Stellter wieder in ihrem Haus wohnen und kochen. Auch der neue Stall wartet bereits auf die Hühnerschar, die im August einziehen wird. Diese Brücke wurde während der Überschwemmung vor einem Jahr unterspült. Nun wird sie angehoben. Die Arbeiten dauern immer noch an. Die Gemeinde Schangnau wurde am Donnerstagmorgen, 24. Juli 2014, von einem schlimmen Unwetter heimgesucht. Die Schäden sind immens. Die Gemeinde Schangnau hat hierfür ein Konto mit dem Vermerk «Unwetterschäden» eingerichtet. Das Careteam und die Sanität am 23. Juli 2014 auf dem Weg in den abgeschnittenen Kemmeriboden in Schangnau BE. Eine Flugaufnahme von Schangnau BE. Verschiedenste Höfe standen unter Wasser. Die Landwirte Lukas (links) und Fritz Stettler vor ihrem Hof. Das Hochwasser stand im Wohnzimmer und der Küche über einen Meter hoch. Die Emme und der Dorfbach traten über die Ufer. Hänge kamen ins Rutschen, Autos und eine ganze Brücke wurden weggespült, Personen mussten von der Rega evakuiert werden. Die Feuerwehr arbeitet unter Hochdruck. Das Ausmass des Schadens sei aber bereits immens, sagt der Gemeindepräsident von Schangnau, Ueli Gfeller. Die Bewohner warnen sich gegenseitig vor den Fluten. Ein Mann hat seine Frau per Handy angerufen: «Schatz, die Emme kommt wie eine Wand daher, du musst sofort aus dem Haus.» Auch Bäume wurden von den Fluten mitgerissen. Hier sieht man, wie die die Emme in Schangnau über die Ufer tritt. Auch im nahegelegenen Eggiwil BE strömt das Hochwasser auf die umliegenden Wiesen. Das Wasser floss ungehindert über die Äcker und ins Wohngebiet. Autos konnten die überfluteten Strassen kaum mehr befahren. «Einfach nur Wahnsinn», schreibt eine Leser-Reporterin, die dieses Bild vom Hochwasser geschossen hat. Überall strömte das Wasser auf die Strassen. Auch in Biberist im Kanton Solothurn herrschte Hochwasser. «Seit heute Mittag geht das so. Es ist unglaublich und noch nicht vorbei», schrieb eine Leser-Reporterin am 23. Juli 2014.

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In der Gemeinde Schangnau BE spielen sich derzeit dramatische Szenen ab. Die Gemeinde steht unter Wasser, Keller sind geflutet, Autos treiben im Wasser und eine Brücke wurde weggespült. Mehrere Personen mussten evakuiert werden. «Bei uns ist die Wasserleitung geborsten, wir haben kein fliessendes Wasser mehr», sagt der einheimische Leser-Reporter Ramon Haas. Doch bei vielen Personen sei die Situation weit schlimmer.

Einer von ihnen ist der Bauer Fritz Stettler. Er musste seine behinderte Tochter auf den Heustock tragen, um sie in Sicherheit zu bringen. Er hatte keine andere Wahl: «Bereits um acht Uhr sah ich, dass die Emme sehr hoch stand, innerhalb von einer Stunde ist das Wasser in mein Haus eingedrungen.» Der Landwirt wohnt keine 300 Meter vom Ufer der Emme entfernt.

(Video: Sonja Mühlemann)

Behinderte Tochter vor Flut gerettet

Das Wasser strömte in seine Stube und überschwemmte das ganze Haus – mehr als 1.30 Meter hoch sei es gestanden. Zuerst flüchtete der Bauer mit seiner Tochter in den ersten Stock – als ihn das Wasser auch dahin verfolgte, rettete er sich und das behinderte Mädchen auf den Heustock. Seine 80 Hühner konnte er nicht vor der Flut bewahren – alle wurden weggeschwemmt. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Stettler zu unserer Reporterin vor Ort. Sein Hof ist zerstört.

(Video: Sonja Mühlemann)

Die Bewohner von Schangnau warnen sich gegenseitig vor den Gefahren. So rief ein Mann seine Frau auf dem Handy an und sagte: «Schatz, die Emme kommt wie eine Wand daher, du musst sofort aus dem Haus!»

Hotel von Aussenwelt abgeschnitten

In Bumbach – jenem Dorf in Schangnau, das am meisten vom Unwetter betroffen ist – ist der Gasthof Rosegg von Wasser eingeschlossen. Das Hotel ist komplett von der Aussenwelt abgeschnitten.

«Die Brücke, die zu uns führt, wurde weggeschwemmt, niemand kann herkommen und niemand kann von weg von hier», sagt die Wirtin Irene Rüegsegger. Seit heute Morgen sitzen ein Dutzend Touristen im Rosegg fest und warten auf bessere Zeiten. Der Campingplatz ganz in der Nähe des Hotels wurde ebenfalls überflutet, die Familien mussten ihre Zelte abbrechen und mit ihren Kindern und Hunden ins Restaurant des Hotels flüchten. «Wir brauchen eine Notbrücke, damit die Umliegenden uns helfen können, hier aufzuräumen. Bis jetzt ist aber noch nichts passiert», so Rüegsegger.