06. April 2005 08:49; Akt: 06.04.2005 08:49 Print

100 Tage neuer Berner Gemeinderat

Während Gemeinderätin Barbara Hayoz die ersten 100 Tage im Amt im Rampenlicht der Medien verbrachte, stieg Regula Rytz leise an Bord eines grossen Tankers.

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Und Alexander Tschäppät versucht sich in einer Flut von Begehrlichkeiten zurecht zu finden.

«Ich hatte einen steilen, aber guten Einstieg», bilanziert die Stadtberner Polizeidirektorin Barbara Hayoz (FDP) die Zeit von Anfang Januar bis am 10. April - ihre ersten 100 Tage im Amt. Mit den unbewilligten WEF-Aktionen im Januar und dem 6. antifaschistischen Abendspaziergang Mitte März war sie intern stark gefordert und stand im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

«Ich habe es gern, wenn es hektisch zu und her geht», so Hayoz. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Demonstrationsmanagement habe ihr die Möglichkeit geboten, den Einstieg in ihre neues Amt leicht und unverzüglich zu finden.

Dass die beiden als heikel eingestuften Kundgebungen friedlich verlaufen sind, zeige ihr, dass Behörden klar kommunizieren müssen: Das Demonstrationsrecht sei ein unbestrittenes Gut, das allerdings nur innerhalb klarer Regeln ausgeübt werden dürfe. «Sture Haltungen, egal auf welcher Seite, führen zu nichts», so Hayoz.

Eine positive Überraschung in ihrer Funktion als Gemeinderätin war für Hayoz, dass sie auf eine «gutdurchstrukturierte und effizient arbeitende Verwaltung» gestossen ist. Es stimme nicht, dass in der Verwaltung zu viele Leute mit zu wenigen Aufgaben betraut seien. In der Stadtverwaltung werde so effizient gearbeitet wie in der Privatwirtschaft, stellt Hayoz fest.

Ein grosser Tanker

Regula Rytz (GB), die als enge Beraterin von Alt-Gemeinderätin Therese Frösch seit Jahren Einblick in die Stadtverwaltung hatte, hat sich in ihrer neuen Aufgabe leicht zurecht gefunden.

Den Rollenwechsel von der Legislativ- zur Exekutivpolitikerin hatte sie sich schwieriger vorgestellt. Sie stellt aber fest, dass ihr Blick auf die Politik in der kurzen Zeit seit ihrem Amtsantritt wesentlich «umsetzungsorientierter» geworden ist.

Sie habe mit der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) einen grossen Tanker bestiegen, der sich eher langsam, aber nahe am Puls der Bevölkerung, vorwärts bewege. Die Käpitänin hat zudem ihr Kredo aus Gewerkschaftszeiten nach stark teamorientierten Arbeiten mit an Bord genommen.

Treu geblieben ist sie auch ihrem Fahrrad. Gemeinderätin Rytz fährt wie seit Jahr und Tag per Velo zur Arbeit.

Ganz so sicher im Sattel wie auf ihrem Velo sitzt sie bezüglich ihres Amtes aber (noch) nicht. Noch immer sind Wahlbeschwerden hängig, weil Rytz mit einem hauchdünnen Mehr von 19 Stimmen gegenüber dem GFL-Kandidaten gewählt worden ist.

Rytz hat keine Zeit, sich darüber Sorgen zu machen: Sie ist mit den Vorbereitungsarbeiten auf die Juni-Abstimmung «Umgestaltung Berner Bahnhofplatz» voll beschäftigt.

Nahe an den Menschen

Es komme ihm im Moment vor, als ob die Bevölkerung glaube, er sei insgesamt nur 100 Tage im Amt und nicht erst 100 Tage im Amt, sagt Alexander Tschäppät (SP) zu seinen ersten Erfahrungen als Stadtpräsident. Er sei überrascht von der Flut von Anfragen und Einladungen. Er sollte überall gleichzeitig Reden halten oder Grussbotschaften überbringen.

Die Erwartungshaltung der Bevölkerung sei gross, und er versuche, sorgsam damit umzugehen. Er will da Prioritäten setzen, wo seine persönliche Anwesenheit im Interesse der Stadt liegen könnte.

Mit seiner Wahl zum Stadtpräsidenten ist Tschäppät nicht am Ziel seiner Wünsche angelangt. Er sei vielmehr am Anfang seiner Ziele. Er wolle etwas bewegen in der Stadt - in kleineren wie grösseren Dingen. «Ich möchte beispielsweise, dass die Leute wieder mehr merken, dass sie in Bern in einer tollen Stadt leben.»

Für ihn mache die Faszination des Stadtpräsidentenamts die örtliche und kommunikative Nähe zu den Menschen aus. Tschäppät ist es so wohl in seiner Stadtpräsidentenhaut, dass er Treue zur Stadt Bern gelobt: «Einen Bundesrat Tschäppät wird es nie geben.»

(sda)