Lawinengefahr im Oberland

06. Februar 2019 17:57; Akt: 07.02.2019 09:15 Print

«Derzeit besteht ein Altschnee-Problem»

Ein 27-jähriger Mann starb am Dienstag am Niesen, nachdem er von einer Lawine verschüttet worden war. Lawinenexperten sprechen von prekären Verhältnissen.

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Am Niesen im Berner Oberland wurde ein Skifahrer von einer Lawine mitgerissen und verschüttet. Trotz Einsatzes der Rega, Teams der Alpinen Rettung Schweiz und der Air Glacier erlag der 27-Jährige im Spital seinen Verletzungen. Dem Mann, der in Begleitung eines Kollegen war, wurde ein Schneebrett zum Verhängnis, das sich gelöst hatte.

Dass ein Schneebrett Schuld am Unglück war, überrascht Nils Hählen von der Abteilung Naturgefahren der bernischen Volkswirtschaftsdirektion nicht: «Derzeit besteht ein sogenanntes ­Altschnee-Problem.» Der neue Schnee liege auf einer alten Schneedecke. Diese stelle einen Schwachpunkt dar. «Touren- und Variantenskifahrer lösen bei diesen Verhältnissen relativ schnell eine Lawine aus», weiss er.

Mehr Bergtouristen, gleich viel Tote

Der Mann, der beim Unglück in Wimmis sein Leben liess, war ebenfalls auf einer Tour gewesen. Laut Hählen ist er das zweite Lawinenopfer in dieser Saison im Kanton Bern und das elfte schweizweit. Jährlich finden in der Schweiz rund 25 Menschen den Tod in einer Lawine. «Die Zahl bleibt plus-minus relativ konstant, obwohl sich heute mehr Menschen in den Bergen aufhalten als früher», so Hählen.

Diese Entwicklung beobachtet auch der Schweizerische Alpen-Club SAC: «Genaue Zahlen gibt es keine, aber ich nehme das subjektiv so wahr. Heute gehen deutlich mehr Menschen in die Berge als früher – auch im Winter», sagt Präsident der Sektion Bern Micael Schweizer.

Lawinenkurse

Sind Berggänger heute besser sensibilisiert für Lawinen? Ja, sind sich Fachleute im Berner Oberland einig, wie eine kurze Umfrage von 20 Minuten zeigt. «Das Interesse an unseren Lawinen-Kursen ist in den letzten Jahren definitiv gestiegen», heisst es etwa bei der Bergsportschule in Interlaken. Im Vergleich zu früher seien Tourengänger heute besser ausgebildet und ausgerüstet.

Mancherorts bestehe jedoch Handlungsbedarf, meint etwa Anita Rossel von der Bergschule Bergfalke: «Schneeschuhwanderer unterschätzen oft die Gefahr von Lawinen, weil sie ihren Sport nicht mit diesen in Verbindung bringen.» Doch erst am Montag kam im freiburgischen Greyerzbezirk ein Mann während einer Schneeschuhwanderung ums Leben.

50/50-Chance

Beim Unglück am Niesen wie auch am Montag im Kanton Freiburg standen Helikopter der Rega im Einsatz: «Lawinenrettungen sind sehr anspruchsvolle Einsätze. Hier zählt jede Minute», so Sprecher Mathias Gehrig. Nur wer innert kürzester Zeit gerettet werde, habe intakte Chancen zum Überleben. Fast die Hälfte der Verschütteten, die vollständig von den Schneemassen bedeckt werden, erliegen sofort ihren Verletzungen oder erleiden den Erstickungstod.

(cho)