Ehrenmord

26. Januar 2011 18:39; Akt: 26.01.2011 18:56 Print

42 Monate für Schwiegermutter

Eine 66-jährige Türkin muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis, weil sie die männlichen Angehörigen ihrer Schwiegertochter aufgefordert hat, die Familienehre zu reinigen.

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Strafmildernd fiel am Mittwoch vor dem Regionalgericht Bern ins Gewicht, dass die Angeklagte das Ziel des Ehrenmords nicht um jeden Preis verfolgte. Sie habe jedoch den Vater und die Brüder der Schwiegertochter unter grossen Druck gesetzt, indem sie brieflich und telefonisch aus der Schweiz auch an den Bürgermeister ihres Dorfes in Anatolien gelangte.

Letztlich aber passierte nichts: Die heute 32-jährige Frau, die 2007 gegen ihre Schwiegermutter Anzeige erhob, konnte ihre Familie überzeugen, dass der ihr vorgeworfene liederliche Lebenswandel bis hin zur Prostitution nicht stimmte.

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war von Anfang an schlecht. Das jungverheiratete Paar lebte in Bern in unmittelbarer Nachbarschaft der Eltern des Mannes.

Die junge Frau sagte vor Gericht, die Schwiegermutter habe sich in alles eingemischt. Ihr Mann sei ein guter Mensch gewesen, aber schwach. Er konsumierte Drogen, litt an Schizophrenie und starb vor zweieinhalb Jahren.

Ermordung in Kauf genommen

Für den Gerichtspräsidenten ist erwiesen, dass die Angeklagte, die zur Urteilsverkündung nicht erschien, wusste, was sie mit ihren Interventionen auslösen konnte. Damit habe sie die Ermordung der ungeliebten Schwiegertochter zumindest in Kauf genommen.

Er erkannte aber im Gegensatz zum Staatsanwalt nur versuchte vorsätzliche Tötung, weil das Mordmerkmal der besonderen Skrupellosigkeit nicht erfüllt sei.

Den Strafrahmen für vorsätzliche Tötung, der auch beim Versuch gegeben ist, unterschritt er, weil die Frau das Ziel nicht mit letzter Konsequenz verfolgt habe und auch, weil es nicht zur Ausführung kam.

Der Staatsanwalt, der eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren gefordert hatte und die Verteidigung, die für Freispruch plädiert hatte, haben noch nicht über einen allfälligen Weiterzug entschieden.

(sda)