Explosives Munitionslager

09. Oktober 2018 17:11; Akt: 09.10.2018 17:54 Print

«Wenig verlockend, auf dem Pulverfass zu sitzen»

Der Bund bleibt dabei: Er will beim verschütteten Munitionslager in Mitholz BE keine Sofortmassnahmen ergreifen. Die Bewohner leiden aber unter der Angst vor dem grossen Knall.

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Gemeindepräsident Roman Lanz hatte bei einer öffentlichen Infoveranstaltung im Oktober betont, dass die neue Einschätzung der Gefahr, die von dem verschütteten Munitionsdepot ausgeht, die Bevölkerung schockiert und in Angst versetzt habe. Mathias Peterle hatte die Situation im Munitionslager Mitholz bereits Mitte Jahres analysiert. Er spricht von einem möglichen «Horrorszenario». Gleich mehrere Faktoren seien ungünstig, so der staatliche Bombenentschärfer. Unter anderem, dass die alten Sprengkörper nahe beieinander liegen. Peterle sorgt sich auch um die hochgradig krebserregenden Stoffe, welche mit der Zeit in die Umwelt gelangen könnten. Im Bild: Eine Bombe in Mitholz. Die Materialermüdung sei ebenfalls ein Problem. Möglich sei etwa, dass die Aussenhüllen der Bomben und der Zündysteme wegen der Verwitterung abbrechen, das Innenleben aber funktionsfähig bleibe. Der Eingang zum alten Munitionsdepot in Mitholz im Kandertal. Ein Bericht einer Expertengruppe kommt zum Schluss, dass im ehemaligen Munitionslager Mitholz ein höheres Risiko für eine weitere Explosion von Munitionsrückständen besteht, als bisher angenommen. Im zweiten Weltkrieg wurde in der Gemeinde Kandergrund BE ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut. Im Jahr 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Ein weiterer Teil konnte daraufhin geräumt werden. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus. Über 200 Menschen wurden obdachlos. Mehr als 100 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Die Unglücksursache konnte nie restlos geklärt werden. Aufgrund einer Schätzung befinden sich in den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff, wie der Bundesrat in seinem Communiqué mitteilt. Frühere Beurteilungen in den Jahren 1949 1986 kamen jeweils zum Schluss, dass bei einer weiteren Explosion nur mit kleinen Schäden zu rechnen sei und dass die Anlage weiter genutzt werden könne. Bei Planungsarbeiten für ein neues Rechenzentrum in der Anlage haben nun aber Untersuchungen ergeben, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz eine Explosion verursachen könnten. Das Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sowie Kantons und Behördenvertreter aus der Region informierten über die inzwischen vollständige Riskoanalyse. Der Bund will beim im verschütteten Munitionslager keine Sofortmassnahmen ergreifen. Bundesrat Guy Parmelin meinte Ende Juni noch, es bestehe keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse nach Kandersteg zu sperren.

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Die Bevölkerung in Mitholz (Gemeinde Kandergrund) erwartet vom Bund die vollständige Räumung des 1947 bei einer Explosion verschütteten Munitionslagers der Armee: Das wurde am Montagabend an einer öffentlichen Infoveranstaltung des Bundes klar.

Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sowie Kantons- und Behördenvertreter aus der Region informierten über die inzwischen vollständige Riskoanalyse, deren Zwischenergebnisse im Juni bekannt wurden. Daraus geht unter anderem hervor, dass es im Munitionslager statistisch gesehen alle 300 Jahre zu einer kleineren und alle 3000 Jahre zu einer grösseren Explosion kommen könnte. Zwar drängten sich für die Bevölkerung keine Sofortmassnahmen auf, mittel- bis längerfristig müsse aber das Risiko gesenkt werden.

Befürchtungen in der Bevölkerung

Dies stösst der Bevölkerung sauer auf. Gemeindepräsident Roman Lanz betonte, dass die neue Einschätzung der Gefahr die Bevölkerung in Angst versetzt habe. Dazu mische sich Unverständnis: «Einerseits wird den Leuten das erhöhte Risiko aufgezeigt, andererseits präsentiert man ihnen aber keine sofortigen Lösungen», sagt Lanz zu 20 Minuten. «Die Bürger haben den Eindruck, der Bund unternehme nicht alles, um die Gefahr endgültig zu bannen.»

Viele Mitholzer drückten denn auch in ihren Voten klar die Befürchtng aus, dass das VBS möglichst wenig machen will. «Mich stört das Wort Risikominimierung», sagte ein Dorfbewohner in der vollbesetzten Turnhalle. Der Bund müsse alle noch im Berg verschüttete Munition bergen.

Leuten eine Perspektive bieten

Auch Lanz gibt sich mit der Risikominderung und dem versprochenen Frühwarnsystem nicht zufrieden. Einige junge Paare im Dorf seien kürzlich Eltern geworden. «Wir wollen unseren Einwohnern eine langfristige Perspektive bieten», sagt er. Für die angesiedelten Unternehmen und die Ferienregion Kandertal sei es ebenfalls wenig verlockend, auf einem Pulverfass zu sitzen. «Der Schweizer Tourismus kann es sich nicht erlauben, dass Bilder wie nach der Explosion 1947 um die Welt gehen», warnt Lanz.

«Wir wollen nicht einfach das Risiko auf einen akzeptablen Grenzwert senken und es damit bewenden lassen, sagte dazu Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS. Es müsse vertieft geklärt werden, welche Möglichkeiten mit welchen Konsequenzen verbunden wären. Klar sei aber, dass eine Räumung nicht in ein, zwei Jahren abgeschlossen sein würde.

«Lüge der Makkaroni»

Bis Mitte 2020 sollen Fachleute genügend Erkenntnisse zum Zustand der Munitionsreste gesammelt haben. «Dieser Zeithorizont ist inakzeptabel und für die Bürger eine Zumutung», sagt Lanz. Viele Votanten beklagten an der Informationsveranstaltung denn auch, dass alles so lange dauere. «Die Gemeinde fordert vom VBS, dass es bis Ende November ein Zeitplan über die weiteren Schritte erstellt», sagt Lanz.

Um einen seriösen Entscheid zu treffen, brauche es jedoch gesicherte Grundlagen, betonten Vertreter des VBS. Ein Experte der Armasuisse gab Einblick in die Untersuchungen, die an der verschütteten Munition durchgeführt werden. Diese sei nach wie vor detonationsfähig.

«Wie sollen wir mit der Angst und Unsicherheit leben?», fragte eine ältere Frau aus dem nahen Kandergrund. Als der Stollen im zweiten Weltkrieg gebaut wurde, habe man die Bevölkerung angelogen und erzählt es würden Makkaroni drin gelagert. 1947 flog das Munitionslager in die Luft und verwüstete das Dorf.

Seither weiss man, dass im Berg noch Munition verschüttet ist. Wie viel, habe man der Bevölkerung nie gesagt, kritisierten einige Votanten. Studien nach der Explosionskatastrophe von 1947 und später 1986 gingen davon aus, dass von der verschütteten Munition keine Gefahr ausgeht.

Sensoren gegen die Gefahr

Als das VBS plante, in Mitholz ein Rechenzentrum zu bauen, wurde eine neue Sicherheitsüberprüfung an die Hand genommen. Diese kam zum Schluss, dass vom «Pulverfass» im Berg eine grössere Gefahr ausgeht als all die Jahrzehnte zuvor angenommen.

Das 1947 verschüttete Munitionslager wird nun überwacht, damit etwaige Veränderungen frühzeitig wahrgenommen werden können. So werden zum Beispiel Sensoren für Erschütterungen, Rauch und Gas eingebaut. Ebenso werden kleinste Felsbewegungen registriert.

(cho/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Einhornjäger am 09.10.2018 17:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weitgehend Folgen

    VBS eibmal damit beginnt das ganze Lager zu räumen werden so manche Anwohner geschockt sein was das für Sie bedeutet und Sie werden sich wünschen das VBS hätte nichts gemacht.

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  • Brunner Theo am 09.10.2018 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    Kandertal

    Und wenn das Mitholzlager geräumt wird, dann bitte nicht noch einmal in den Thunersee kippen.

  • Glossa Müller am 10.10.2018 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Abschalten

    Das Max-Planck-Institut rechnet alle 20 bis 30 Jahre mit einem Atom Gau. Wenn bei einer alle 3000 Jahre wahrscheinlichen grösseren Explosion, sofort geräumt werden muss. Müssen alle Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden-

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel am 11.10.2018 18:34 Report Diesen Beitrag melden

    Da gibt es nur eine Lösung...

    das Pulverfass unverzüglich verlassen.

  • Stefan am 11.10.2018 11:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Bedauerliche Zukunftaussichten

    Das Risiko bleibt bestehen man Sitz auf dem Pulverfass. Wer will den in der Stollen freiwillig gehen um zu auf Räumen. Das müsste Leute sein die verrückt genug sind. Es bedauert mir sehr für die Anwohner und müssen mit Ihrem Risiko leider leben. Das VBS wirds sehr schwer haben mit dessen Altlasten in 2. Weltkrieg zu abbauen!

  • Berner Bär am 10.10.2018 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant, ...

    ... 70 Jahre störte es niemanden und nun kommen ein paar Stänkerer und ab geht die Post! Immer dasselbe Spielchen.

    • T. Jobs am 10.10.2018 21:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Berner Bär

      Man wurde auch 70 Jahre beruhigend belogen! Erst jetzt kennt man die Wahrheit!

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  • Glossa Müller am 10.10.2018 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Abschalten

    Das Max-Planck-Institut rechnet alle 20 bis 30 Jahre mit einem Atom Gau. Wenn bei einer alle 3000 Jahre wahrscheinlichen grösseren Explosion, sofort geräumt werden muss. Müssen alle Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden-

  • Peter am 09.10.2018 21:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pech

    Die Bewohner wissen das sie auf einem Pulverfass sitzen und wollen nicht freiwillig weg von dort? Tja pechgehabt...

    • Stefan am 13.10.2018 12:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter

      Stell dir mal vor wenn es dich Bereichen würde! Wenn dein Eigentum nichts mehr wert ist nur wegen dem Altlasten-Stollen in 2. Weltkrieg. Also ich würde auch meine Heimat nicht aufgeben und das einfach so für wie gar nix.

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