Mitholz BE

08. Oktober 2018 19:00; Akt: 09.10.2018 00:27 Print

Munitionslager ist gefährlicher als gedacht

Welche Gefahr geht vom verschütteten Munitionslager in Mitholz aus? Eine Expertengruppe hat eine Risikoanalyse vorgenommen und diese heute vorgestellt.

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Gemeindepräsident Roman Lanz betonte, dass die neue Einschätzung der Gefahr, die von dem verschütteten Munitionsdepot ausgeht, die Bevölkerung schockiert und in Angst versetzt habe. Mathias Peterle hatte die Situation im Munitionslager Mitholz bereits Mitte Jahres analysiert. Er spricht von einem möglichen «Horrorszenario». Gleich mehrere Faktoren seien ungünstig, so der staatliche Bombenentschärfer. Unter anderem, dass die alten Sprengkörper nahe beieinander liegen. Peterle sorgt sich auch um die hochgradig krebserregenden Stoffe, welche mit der Zeit in die Umwelt gelangen könnten. Im Bild: Eine Bombe in Mitholz. Die Materialermüdung sei ebenfalls ein Problem. Möglich sei etwa, dass die Aussenhüllen der Bomben und der Zündysteme wegen der Verwitterung abbrechen, das Innenleben aber funktionsfähig bleibe. Der Eingang zum alten Munitionsdepot in Mitholz im Kandertal. Ein Bericht einer Expertengruppe kommt zum Schluss, dass im ehemaligen Munitionslager Mitholz ein höheres Risiko für eine weitere Explosion von Munitionsrückständen besteht, als bisher angenommen. Im zweiten Weltkrieg wurde in der Gemeinde Kandergrund BE ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut. Im Jahr 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Ein weiterer Teil konnte daraufhin geräumt werden. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus. Über 200 Menschen wurden obdachlos. Mehr als 100 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Die Unglücksursache konnte nie restlos geklärt werden. Aufgrund einer Schätzung befinden sich in den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff, wie der Bundesrat in seinem Communiqué mitteilt. Frühere Beurteilungen in den Jahren 1949 1986 kamen jeweils zum Schluss, dass bei einer weiteren Explosion nur mit kleinen Schäden zu rechnen sei und dass die Anlage weiter genutzt werden könne. Bei Planungsarbeiten für ein neues Rechenzentrum in der Anlage haben nun aber Untersuchungen ergeben, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz eine Explosion verursachen könnten. Das Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sowie Kantons und Behördenvertreter aus der Region informierten über die inzwischen vollständige Riskoanalyse. Der Bund will beim im verschütteten Munitionslager keine Sofortmassnahmen ergreifen. Bundesrat Guy Parmelin meinte Ende Juni noch, es bestehe keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse nach Kandersteg zu sperren.

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In dem 1947 verschütteten Munitionslager der Armee in Mitholz im Berner Oberland könnte es statistisch gesehen alle 300 Jahre zu einer kleineren Explosion kommen. Dies geht aus einer am Montag präsentierten Risikoanalyse hervor. Bereits im vergangenen Juni wurde bekannt, dass von dem verschütteten Munitionslager im Kandertal eine grössere Gefahr ausgeht als bisher angenommen. Dies legte ein erster Zwischenbericht nahe.

Sofortmassnahmen für die Bevölkerung drängen sich laut Analyse nach wie vor nicht auf. Mittel- bis längerfristig muss hingegen das Risiko gesenkt werden. Welche Massnahmen dafür in Frage kommen, ist noch offen. Eine separate Expertengruppe prüft mögliche Schritte. Am Montagabend informierte das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) die örtliche Bevölkerung vorerst über die Ergebnisse der vollständigen Risikoanalyse.

Das Lager und die Munition

Das im Zweiten Weltkrieg erstellte und 1947 bei einer Explosion verschüttete Munitionslager besteht aus sechs Kammern und einem quer dahinter verlaufenden Bahnstollen, der die Kammern verbindet. Das Lager war seinerzeit mit rund 7000 Tonnen Munition bestückt. Bei der Explosion 1947 flog ein Teil davon in die Luft und verschüttete die Anlage. Warum das Munitionslager 1947 in die Luft flog, ist nie ganz geklärt worden. Als wahrscheinlichste Ursache gilt die Bildung von Kupferazid in Granatenzündern.

Heute werden noch rund 3500 Tonnen im Berginnern vermutet, darunter Fliegerbomben, Minen, Artilleriemunition, Handgranaten und Treibladungspulver.
Die einzelnen Munitionsarten waren ursprünglich relativ gleichmässig auf die Kammern verteilt. Durch die Wucht der Explosion wurde ein Teil der Munition in den Bahnstollen verfrachtet. Experten gehen davon aus , dass sich dort noch grössere Mengen grosskalibriger Munition befinden, bei denen es zu einer Massenreaktion kommen könnte.

Kleinere oder grössere Explosion möglich

Das VBS gab bereits im Juni bekannt, dass grössere Ereignisse im Stollen auch heute nicht ausgeschlossen werden können. Fachleute halten zwei Szenarien für möglich. Eine kleinere Explosion, entsprechend rund einer Tonne Sprengstoff, und ein grösseres Ereignis, entsprechend rund 10 Tonnen Sprengstoff.

Ein kleineres Ereignis kann laut der Risikoanalyse alle 300 Jahre auftreten, ein grösseres alle 3000 Jahre. Als Auslöser einer Explosion kommen unter anderem Felsstürze im zerklüfteten Berginnern, Erschütterungen durch Erdbeben oder Sprengarbeiten, Kupferazidbildung an Zündern oder Selbstentzündung von Brandgranaten mit weissem Phosphor in Frage. Für heutige Munitionslager mit rund 10 Tonnen Sprengstoff rechnet die Armee für ein Unfallereignis mit einer Wahrscheinlichkeit von 100'000 Jahren.

Im Munitionslager und den militärischen Anlagen in unmittelbarer Nähe wären vor allem herumfliegende Trümmer, aber auch toxische Explosionsgase oder der Feuerball eine grossen Gefahr. Herausgeschleuderte Trümmer können mehrere hundert Meter weit fliegen und Schäden anrichten. Auch bei einem kleineren Ereignis befänden sich einige bewohnte Gebäude in der bedrohten Zone. Bei einem grösseren Ereignis dementsprechend mehr Gebäude bedroht.

Die Vorgeschichte

In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 flog ein Teil des Munitionslagers Mitholz in die Luft. Die Explosion hatte eine verheerende Wirkung. Neun Personen kamen ums Leben und das Dorf Mitholz wurde schwer verwüstet. Mehr als 200 Menschen wurden von einer Minute auf die andere obdachlos. Nach der Explosion wurde so viel Munition wie möglich aus den Trümmern geborgen, der Rest blieb zugeschüttet im Berg – sicher verwahrt, wie man annahm. Berichte aus den Jahren 1949 und 1986 stützten diese Annahme.

Erst als die Armee Planungen für ein neues Rechenzentrum auf dem Gelände vornahm, wurde klar, dass vom «Pulverfass» im Berg eine grössere Gefahr ausging als bisher angenommen. Auf dem Gelände befanden sich auch eine Truppenunterkunft und ein Lager der Armeeapotheke. Beide sind geräumt worden. Die vollständige Risikoanalyse geht nun an das Bundesamt für Umwelt für eine unabhängige Prüfung. Das Ergebnis dieser Prüfung soll im Frühjahr 2019 vorliegen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Master Chief am 08.10.2018 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1. august nachholen

    was will man den tun? ausgraben ist wahrscheinlich zu gefährlich und so lassen wie es ist ist ja auch keine gute option. ich denke die armee geht die goldene mitte und das restlich zeug wird gesprengt. sprengstoff ist das problem und die lösung zugleich.. feuer muss man mit feuer bekämpfen

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  • Markus am 08.10.2018 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Rechenzentrum beim Munitionsdepot?

    Der Witz ist echt gut - und auch ohne Vorgeschichte schon eine Herausforderung für einen Normalbürger.

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  • P.Azifist am 08.10.2018 19:13 Report Diesen Beitrag melden

    Als nächstes dann bitte auch gleich

    den Seegrund des Thuner Sees auf- u. abräumen. Die dort tonnenweise versenkte Munition ist ebenso gefährlich und ggf. Krebserregend. Die ewigen Beteuerungen des VBS dass davon keine Gefahr ausgehe kann und will ich nicht mehr hören weil sie schlicht unglaubwürdig und nur selbstverherrlichend sind. Die dazu sinnvolle Robotik schafft obendrein interessante und zukunftsweisende Arbeitsplätze die allemal mehr dem Volkswohl dienen als Flugi´s, Bodluv´s, Duro´s und der ganze Kinderkram zusammen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A.Erger am 09.10.2018 18:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Thema...

    ...wäre vielleicht auch noch der Steingletscher am Sustenpass ?

  • Luftpolizist am 09.10.2018 08:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    F-18 mal wieder

    Wann es Rumst wieder werden wir nur an der Jungs in Meiringen denken

  • A.S Mitholz am 09.10.2018 08:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Militär weg, Anwohner bleiben....?

    Die Armee musste sofort alles räumen, jedoch wir als Anwohner können bleiben... hab da nicht sehr vertrauen zum VBS... Wir schauen selber das wir aus diesen Dorf wegkommen. Haus billig zu verkaufen...

  • Marco v.A. am 09.10.2018 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Aussagekraft

    Diesel Statistik ist so glaubhaft wie jene über Unfälle in Atomanlagen. Aus 1000 Jahren wurde nur ein paar Jahrzehnte. 300 heisst nichts anderes als dass es im besten Fall solange dauern kann aber auch schon morgen.

  • Daniele C am 09.10.2018 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffe nur....

    ...das keine Plastikröhrchen eingelagert sind, oder Wattestäbchen?

    • Evianrezept am 09.10.2018 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Daniele C

      Kein stress, ist nur Messing, Blei, kupferoxide, trinitrotoluene, und phosphor, mit ein wenig durchfliessenden dihydromonoxide...

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