Rassismus im Emmental

12. März 2019 17:59; Akt: 12.03.2019 19:13 Print

«Flyer richtet sich auch gegen Schweizer Muslime»

Unbekannte haben in Langnau im Emmental ausländerfeindliche Flugblätter in Briefkästen geworfen. Ein Moslem ist bestürzt, der Gemeindepräsident bedauert den Vorfall.

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«Unser Land, unsere Kultur» steht in fetten Lettern auf der einen Seite des Flyers, dazu das Bild eines Volksfestes mit Alphornbläsern. «Stopp dem Migrationswahn!» heisst es auf der anderen Seite: Auf dieser prangt ein Bild von hunderten betender Muslime auf dem Berner Bundesplatz.

Das ausländerfeindliche Flugblatt wurde gestern an zahlreiche Haushalte der Gemeinde Langnau im Emmental verteilt. Auch ein Leser muslimischer Herkunft, der nicht namentlich genannt werden will, fand in seinem Briefkasten einen vor. «Ich fühle mich diskriminiert», sagt er. «Das ist Rassismus pur.» Auch seine Brüder und Nachbarn hätten Flyer bekommen. Als Absender auf dem Flyer wird der «Eidgenössische Widerstand» angegeben.

Rassismusproblem in Langnau?

Erst Ende Februar wurde in Zollbrück ein afrikanischstämmiger Mann in einer Autowaschanlage von einem Mann aus der Region Langnau aufs Übelste rassistisch beschimpft. Ein entsprechendes Video schlug medial hohe Wellen. Für den muslimischen Empfänger des Flyers ist klar: «Langnau ist an sich ein friedliches Dorf. Aber als Ausländer hat man es hier nicht einfach.»

Langnaus Gemeindepräsident Walter Sutter (SVP) erfuhr durch 20 Minuten von den Flugblättern. «Ich bedaure den Vorfall, so etwas macht man einfach nicht», sagt er auf Anfrage. Sutter wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, in Langnau herrsche eine ausländerfeindliche Stimmung: «Wir gehen mit Ausländern anständig und zuvorkommend um. Offenbar will aber jemand mit den Flyern ein anderes Bild verbreiten.»

«Ausdruck einer rassistischen Grundhaltung»

Hans Stutz, Journalist und Beobachter der rechtsextremen Szene, hält den Flyer für «dilettantisch», sowohl in Bezug auf die Gestaltung als auch auf den rudimentären Inhalt. Zudem sei er klar muslimfeindlich – «und damit auch gegen muslimische Schweizerinnen und Schweizer gerichtet.»

Beim «Eidgenössichen Widerstand», dem Absender, handelt es sich Stutz zufolge in erster Linie um eine Sammelbezeichnung für extrem rechte Positionen, die eine abgeschottete Schweiz wollen, in der kaum noch Ausländer eingebürgert würden und die sich von internationalen Organisationen wie der UNO oder der EU fernhalte.

Stutz bezeichnet das Emmental zwar nicht als per se ausländerfeindlich. Aber: «In Gebieten, in denen evangelikale Christen stärker vertreten sind, herrscht auch vermehrt Muslimfeindlichkeit.»

Er geht bei der Flyer-Aktion von einer Einzelperson aus. «Solche Aktionen mit kleiner Reichweite gibt es gelegentlich, meist werden sie jedoch nicht öffentlich wahrgenommen», sagt er. Sie seien «Ausdruck einer rassistischen Grundhaltung», da sie sich gegen einzelne Ausländergruppen oder gegen Muslime oder Juden richteten.

(sul)