Übertritt ans Gymnasium

28. Januar 2020 04:44; Akt: 28.01.2020 08:18 Print

Lehrer übergehen Kinder aus der Unterschicht

Im Kanton Bern haben rund 80 Prozent aller «Gymeler» dank einer Empfehlung ihres Lehrers den Übertritt an die höhere Schule geschafft. Viele intelligente Kinder wurden übergangen.

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Für Sekundarschüler aus dem Kanton Bern geht es nun um die Wurst: Ende Januar entscheiden Berner Lehrer darüber, welche ihrer Schüler den Übertritt ans Gymnasium schaffen und welche nicht. Im Kanton Bern kommen rund 80 Prozent der Gymnasiasten mit einer Empfehlung an die weiterführende Schule. Die anderen zwanzig Prozent absolvieren die Aufnahmeprüfung. In anderen Kantonen, in Zürich etwa, muss jeder Schüler an die Prüfung.

Doch ist das Berner Übertrittsverfahren überhaupt fair? Eine Studie der Pädagogischen Hochschule FHNW ergab nämlich, dass Kinder aus tieferen sozialen Schichten oder mit Migrationshintergrund benachteiligt werden und trotz gleich guter Leistungen tiefere Chancen haben, ins Gymnasium zu kommen.

Oftmals hätten die Lehrpersonen gegenüber diesen Schülern eine tiefere Erwartungshaltung – unabhängig von deren Können. «Wenn eine Lehrperson von einem Kind tiefere Leistungen erwartet, nehmen die Leistungen des Kindes auch weniger zu», erklärt Markus Neuenschwander, Projektleiter der Studie mit dem Namen SCALA.

Diese verzerrten Erwartungshaltungen können weitreichende Folgen haben: Die Studie zeigt, dass Lehrpersonen die Leistungen, das Sozialverhalten, die Motivation und auch die Übertrittschancen der Kinder beeinflussen.

Arbeiterkinder haben es schwieriger

Studienleiter Neuenschwander ist es dennoch wichtig, die einzelnen Lehrpersonen nicht an den Pranger zu stellen: «Wir gehen davon aus, dass alle Menschen soziale Stereotypen haben.» Davon seien auch Lehrer nicht ausgeschlossen. Die verzerrten Erwartungen an einige Kinder würden nicht vorsätzlich entstehen: «Vom Stereotyp ‹Arbeiterkind› werden beispielsweise eher tiefere Leistungen erwartet. Weiss eine Lehrperson, dass ein Kind aus einer Arbeiterfamilie stammt, nimmt diese die Leistungen des Kindes unabsichtlich tiefer wahr, als sie tatsächlich sind.»

Markus Neuenschwander findet das Berner Übertrittsverfahren fürs Gymnasium nicht optimal. «Schüler in leistungsstarken Klassen müssen in diesem System besser sein, um es ins Gymnasium zu schaffen.» Schüler in leistungsschwachen Klassen hätten es hingegen einfacher. Der Forscher würde sich für das gymnasiale Übertrittsverfahren eine Mischform zwischen Beobachtungen durch die Lehrperson und einer Prüfung wünschen.

Lehrer sollen sensibilisiert werden

Die Forscher vom Projekt SCALA haben nun eine Weiterbildung konzipiert, um das Wahrnehmungsproblem zu reduzieren. «Die Ergebnisse zeigten, dass die Lehrpersonen nach dieser Weiterbildung eine weniger verzerrte Erwartungshaltung hatten. Die Weiterbildung trägt zu Chancengleichheit bei», sagt Neuenschwander dazu.

Kanton Bern hält am bisherigen System fest

Seitens der Bildungsbehörde will man am bisherigen System festhalten: «Insgesamt erachten wir die Qualität des Empfehlungsverfahrens als gut», sagt Mario Battaglia, Leiter Abteilung Mittelschulen bei der kantonalen Bildungs- und Kulturdirektion gegenüber der «Berner Zeitung».

Gar sieht man Pluspunkte: Der Vorteil des Berner Systems sei, dass die Schüler über einen längeren Zeitraum beobachtet würden, während die Prüfung nur eine Momentaufnahme sei. Ausserdem könnten die Schüler laut Battaglia den Übertritt über einen zweiten Weg schaffen, wenn sie mit dem Entscheid der Lehrperson nicht einverstanden seien: «Nicht empfohlene Schülerinnen und Schüler können eine Aufnahmeprüfung ablegen und erhalten so eine zweite Chance, doch noch ans Gymnasium zu wechseln.»

(rc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fairplayer am 28.01.2020 06:16 Report Diesen Beitrag melden

    Chancengleichheit sieht anders aus

    Das nennt sich Vetterliwirtschaft, wenn die Lehrpersonen entscheiden dürfen, welche Schüler hürdenfrei nach oben kommen und welchen Steine in den Weg gelegt werden sollen.

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  • Prima R Lehrer am 28.01.2020 06:26 Report Diesen Beitrag melden

    Wie wäre es mit Berufsmatur?

    Gymi ist nicht alles! Meine Teens sind da nicht glücklich, obschon ihre Leistungen ohne grossen Aufwand gut sind. Ignorante, selbstherrliche Lehrpetsonen (selbstverständlich gibt es auch da Ausnahmen) ohne methodisches und didaktisches Gefühl vermiesen den lernfreudigen Schülern massenweise die Freude an der Schule und am Lernen. Als Eltern sind Einzahlungsscheine der einzige Kontakt.... Vielleicht ist das Gymi heutzutage eine veraltete Form. Die Wirtschaft braucht Leute mit Berufserfahrung. Mit der Berufsmatur stehen alle Wege offen!

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  • Küse am 28.01.2020 04:56 Report Diesen Beitrag melden

    echte Chance?

    Super, wie hoch ist den die Quote derjenigen die eine Prüfung ablegen müssen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anna_BE am 28.01.2020 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    ....

    ... unsere Tochter hat sich bewusst gegen das Gymi entschieden und fühlt sich heute immer wieder bestätigt, dass der Entscheid das Brüeste war... Warum? Achja, Fachkräfte mangel heisst das Zauberwort!

  • Gummisusi am 28.01.2020 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Seit eh und je ein bekanntes Phänomen

    Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Für mich der Grund, weshalb ich seit meiner Schulzeit bis Heute einen Hass auf genau diese Pädogoginnen und Pädagogen verspüre. Die wenigen positiven Ausnahmen natürlich ausgeschlossen!

  • Konstrukteur am 28.01.2020 14:32 Report Diesen Beitrag melden

    Matur + Lehre

    Einige denken hier immer noch, dass Gymnasiasten nur Studieren gehen und empfehlen Lehre, BMS etc aber nicht alle. Habe die Matur und eine Lehre zum Konstrukteur gemacht. Die Lehre ging dank Matur nur 2 Jahre...Der Vorteil an der Matur ist, man bekommt jede Lehre also man hat wirklich freie Wahl.

  • SI2 am 28.01.2020 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrer sicher nicht das Problem

    Als Lehrerin, die im Kt. Bern soeben diese Empfehlungen machen musste, wäre ich sehr für eine allgemeine Prüfung. Das System hakt an sovielen Enden und ist so stark verkettet, dass es definitiv nicht fair ist, die Lehrpersonen an den Pranger zu stellen. Wir haben insgesamt wenig Einfluss und sind mehr oder weniger nur die Ausführenden, die Kreuzchen setzen und dann den Kopf hinhalten müssen. Wir sind konstantem Druck von allen Seiten ausgesetzt und sind diesem Chancengleichheits-Wahn ausgeliefert. Dadurch ist die Chancengleichheit nämlich faktisch inexistent geworden, siehe Clin d'Oeil.

  • Maus am 28.01.2020 14:10 Report Diesen Beitrag melden

    Xxx

    Das war schon vor 55 Jahren so! Hat sich nicht viel geändert, leider.