Archäologie-Influencer

24. Juli 2019 04:52; Akt: 24.07.2019 09:48 Print

Dieser Berner ist so mutig wie Indiana Jones

Archäologe Gino Caspari (32) leitet in Sibirien die Forschungsarbeiten am ältesten Königsgrab der frühen Eisenzeit. Im Interview erzählt der Berner vom Leben in der Wildnis.

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Gino Caspari (32) aus Steffisburg BE, mit seinen langen wilden Haaren, ist der Inbegriff eines Abenteurers. Der Berner Oberländer leitet momentan die Forschungsarbeiten am ältesten bekannten Königsgrab der frühen Eiszeit in Russland, genauer gesagt in Südsibirien. Caspari leitet dort ein Team von über hundert Arbeitern und Volontären, um dem einzigartigen Grabhügel seine Geheimnisse zu entlocken. Die Bedingungen vor Ort sind hart: Tagsüber wird es teils über 40 Grad Celsius heiss. Nachts sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Die Crew ist der Natur Sibiriens völlig ausgeliefert. Um zur Ausgrabungsstätte zu gelangen, läuft Caspari jeden Morgen 30 Minuten zu Fuss durch knietiefen Matsch oder watet durch dortige Flüsse. Der Berner lebt teils auch einen Bubentraum. Denn es kommt vor, dass er auch mit einem grossen Raupenfahrzeug durch die Wildnis zur Arbeit fährt. «Ich arbeite seit 2017 hier und die Bedingungen darf man ohne Übertreibung hart nennen», sagt der Forscher. Auch sei die Archäologie ein vielfältiges und komplexes Feld. Doch der Aufwand sei es wert: Die Forschungsarbeiten am ältesten Königsgrab der frühen Eiszeit sind für Caspari besonders spannend. Als Archäologe gräbt Caspari nicht nach Schätzen, sondern nach Informationen. Auf seiner Abenteuerreise hat er auch mal mit Grabräubern zu tun. Wie gefährlich ist die Arbeit? «Es kommt in erster Linie darauf an, sich richtig vorzubereiten.» Der Berner lässt an seinem Leben in der Wildnis teilhaben: «Wenn es kritisch wird, dann immer dann, wenn mehrere schwer zu kalkulierende Faktoren aufeinandertreffen.» Er reitet, fährt Kanu und Panzer, klettert und watet durch reissende Flüsse: «Ich beherrsche keine dieser Fertigkeiten richtig gut, aber ich versuche stetig, dazuzulernen», sagt er dazu. Der 32-jährige Nachwuchsforscher hat bisher schon in Italien, Frankreich, der Türkei, Russland, China, Palau, Oman und Syrien gegraben. Er sieht sich selbst als Nachwuchsforscher und bedauert, dass wissenschaftliche Berichte für die meisten Leute keine angenehme Bettlektüre mehr sind. Auf Instagram folgen dem Abenteurer über 10'000 Menschen. Für ihn ist die Plattform ein Medium, um ein Publikum jenseits der akademischen Welt zu erreichen. Gino Caspari ist in Steffisburg (BE) aufgewachsen. Er studierte und arbeitete an verschiedenen Universitäten und Orten, darunter Bern, Hamburg, New York, Taiwan und Sidney. Seine Forschung wird unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt. Wer mehr über Casparis Abenteuer erfahren will, kann sich auf seiner Instagram-Seite (@ginocaspari) auf dem Laufenden halten.

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Ich leite die Forschungsarbeiten am ältesten bekannten Königsgrab der frühen Eisenzeit in Südsibirien. Meine russischen Kollegen und ich leiten ein Team von über hundert Arbeitern und Volontären, um diesem einzigartigen, monumentalen Grabhügel seine Geheimnisse abzutrotzen.

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Ihre Bilder lassen vermuten, dass Sie hier auf einer richtigen Abenteuerreise sind. Wie sieht der Alltag in Sibirien aus?
Ich arbeite seit 2017 hier, und die Bedingungen darf man ohne Übertreibung «hart» nennen. Wir wohnen über drei bis vier Monate in Zelten im Bereich des Flusses Uyuk. Der Grabhügel selbst liegt komplett im Sumpf. Ende Mai haben wir noch Schneestürme. Im Juni normalerweise Hochwasser, sodass wir die Zelte auf die wenigen erhöhten Sandbänke verschieben müssen. Im Juli kommen dann die Hitzetage. Da können die Temperaturen auf bis zu 40 Grad steigen und nachts trotzdem bis unter den Gefrierpunkt absinken. Jeder Monat ist auf seine Art lieblich – man gewöhnt sich daran. Aber für die meisten, die das erste Mal hier sind, ist es schon abenteuerlich.

Und wie sieht ein Arbeitstag aus?
Um 6 Uhr aufstehen, Feuer machen, aufwärmen, Tee kochen. Dann gibt es Quark und Sauerrahm mit Haferbrei zum Zmorge. Milchprodukte bekommen wir direkt von den Nomaden geliefert.
Um 7.30 Uhr geht es auf zur Ausgrabungsstelle. Manchmal mit einem grossen Raupenfahrzeug. Ansonsten laufen wir 30 Minuten zu Fuss durch knietiefen Matsch. Danach graben und dokumentieren wir Bestattungen und prähistorische Architektur bis in den frühen Nachmittag. Wenn es zu heiss wird, machen wir ein Pause und essen ein paar Butterbrote mit Pferdefleisch aus der Dose. Am späteren Nachmittag sind nochmals einige Stunden Arbeit angesagt. Abends kehren wir dann mit Funden ins Lager zurück. Nach dem Abendessen kommt dann die Nachbearbeitung und Sortierung der Daten, das Schreiben von wissenschaftlichen Texten und wenn noch Zeit übrig ist, eine Runde Wodka am Lagerfeuer, bevor man ziemlich erschöpft ins Zelt kriecht. Schlafprobleme hat hier niemand.

Was war bisher Ihr wertvollster Fund?
Als Archäologe grabe ich nach Informationen und nicht nach Schätzen, deshalb freue ich mich vor allem über neue Erkenntnisse. Das Beste war bisher ein gefrorenes, knapp 3000 Jahre altes Stück Holz – nichts Besonderes, würde man meinen. Aber es gab uns den Hinweis auf hervorragende Erhaltungszustände innerhalb des Grabhügels und war der Auslöser für dieses Projekt. Es könnte sein, dass wir hier künftig aufgrund des gefrorenen Bodens noch auch Kleider, Leder, und vielleicht sogar menschliches Gewebe aus der frühen Eisenzeit finden. Das wäre aus wissenschaftlicher Sicht fantastisch.

Sie sind stets auf Abenteuerreisen, hatten es gar mit Grabräubern zu tun. Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?
Gefährlich ist meine Arbeit nur bedingt. Es kommt in erster Linie darauf an, sich richtig vorzubereiten, Situationen einschätzen zu können und auch einmal unbeliebte Entscheidungen zu fällen. Im Oman wurden wir in einer Felswand von einem Gewitter überrascht und mussten auf einer schmalen Kante 200 Meter über dem Wadi-Tal ausharren. Die Dunkelheit brach herein, dennoch mussten wir absteigen, da wir aufgrund des Wasservorrates nicht länger warten konnten. Wenn es kritisch wird, dann immer, wenn mehrere schwer zu kalkulierende Faktoren aufeinandertreffen.

Sie reiten, klettern, fahren Kanu und auch mal einen Panzer. Wie haben Sie sich all diese Indiana-Jones-Skills beigebracht?
Ich habe wenig Berührungsängste. Auf Berndeutsch könnte man sagen: «Gäu, machsch haut mau.» Ich habe keine dieser Fertigkeiten, aber ich versuche, stetig dazuzulernen. Ausserdem ärgert man sich im Nachhinein, wenn die Gelegenheit da war und man dummerweise trotzdem Nein gesagt hat.

Man bekommt jetzt richtig Lust auf solche Abenteuer. Was für Eigenschaft sollte man mitbringen, wenn man Archäologe werden will?
Die Archäologie ist ein vielfältiges und komplexes Feld. Man kann ein Forscherleben komplett in der Bibliothek verbringen, daran ist nichts auszusetzen. Für mich persönlich war es aber immer die Kombination von intellektueller, körperlicher und psychischer Herausforderung, die wirklich den Reiz ausmacht. Eine solide akademische Ausbildung ist jedoch unabdingbar. Deshalb ist es ratsam, ein Doktorat anzustreben.

Sie sind jung, aber dennoch schon an vielen spannenden Ausgrabungen beteiligt gewesen. Wie haben Sie das geschafft?
Ich bin lediglich Nachwuchsforscher und habe viele ältere Kollegen, die in ihrer längeren Karriere Grosses geleistet haben. Leider bleiben viele Erkenntnisse einem breiteren Publikum verschlossen – wissenschaftliche Artikel sind für die meisten Leute nicht wirklich angenehme Bettlektüre. Ich bemühe mich, meine Freude an der Feldforschung und die wissenschaftlichen Erkenntnisse für alle zugänglich zu machen. Archäologie, richtig präsentiert, vermag Menschen zu begeistern.

Auf Instagram sind haben Sie über 10'000 Follower. Sind Sie also ein Archäologie-Influencer?

Instagram ist für mich ein Medium, um ein Publikum jenseits der akademischen Welt zu erreichen und über Dinge zu berichten, die in wissenschaftlichen Artikeln zu kurz kommen. Der Account existiert erst seit letztem September, und ich glaube, mit der Kombination aus Wissenschaft und Abenteuer habe ich einen Nerv getroffen. Wer also mehr erfahren möchte, kann sich auf meinem Instagram-Profil auf dem Laufenden halten.

(rc / miw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • F.M. am 24.07.2019 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Archäologe, kein Influenzer

    Influenzer sind faul und haben nicht wirklich was drauf. Ergo ist Herr Caspari kein Influenzer, sondern ein normaler Nutzer sozialer Medien mit einem (ziemlich coolen) Job.

  • Jürgen Urist am 24.07.2019 08:14 Report Diesen Beitrag melden

    Archeologie-Influencer?!

    Wär ich Archeologe und würde das im Kontext mit dem Unwort des Jahrzehnts (Influencer) in einem Medium lesen - ich würde über eine Klage nachdenken.

  • Peter Impel am 24.07.2019 08:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Früher

    Früher als Influencer noch Arbeitslose hiessen war alles besser! Das wäre jetzt der erste sinnvolle Influencer dem ich folgen würde, sieht echt spannend aus was er da tut und macht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ginos freund am 24.07.2019 12:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    beeindruckend

    Ich kenne Gino persönlich und weiss wie unglaublich viel er auf sich nimmt für seine grosse Leidenschaft. Für alle, die in den Kommentaren was zu motzen haben, geht doch selber mal in einem sibirischen Sumpf wohnen.

  • Avenarius am 24.07.2019 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ey aber au ....

    Also Influenzier, liebe Leute, ist er ganz sicher nicht. Er arbeitet und hat eine Ausbildung. Was für ein Malmot für so einen Naturburschen !

  • Werner am 24.07.2019 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    AUf Kosten anderen nicht nötig

    Und all das wird noch finanziert. Es gibt schon Leute die haben arbeiten nicht erfunden.

  • Das Grosilein am 24.07.2019 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Cool!!!

    Der Typ ist einfach super liebt sein Leben die Menschen und die Welt und das alles bescheiden und leidenschaftlich das ergibt eine schöne Vision einer schönen Welt. Weiter so es gibt noch viel zu entdecken!

  • Claudia1 am 24.07.2019 09:40 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötig

    Ist Influenza nicht eine Grippe? Somit ist auch diese Gattung der Influencer völlig unnötig.