Gerichtsfall

19. Februar 2019 16:24; Akt: 19.02.2019 16:53 Print

Berner verurteilt, weil er Krähennester entfernte

Ein 59-jähriger Berner wurde verurteilt, weil er widerrechtlich Saatkrähennester aus einem Baum entfernte. Für den Verurteilten ist klar: Er wird das Urteil anfechten.

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Diese Krähennester dürften die Justiz noch einige Zeit beschäftigen: Das erstinstanzliche Regionalgericht Bern-Mittelland hat am Dienstag einen 59-jährigen Mann aus Bern verurteilt, weil er im März 2018 widerrechtlich Saatkrähennester aus einem Baum entfernte. Wie der Verurteilte nach der Verhandlung bekanntgab, werde er das Urteil ans Obergericht weiterziehen: «Das ist zu hundert Prozent sicher.»

Zuvor hatte Einzelrichterin Andrea Gysi den Mann zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 100 Franken verurteilt. Sie war zum Schluss gekommen, dass er die Saatkrähennester während der Schonzeit und ohne zuvor die Wildhut oder die zuständige städtische Stelle zu kontaktieren entfernt hatte.

Sowohl der Beschuldigte wie auch ein Zeuge besagten, dass sich an jenem Tag im März 2018 keine Krähen oder Eier in den Nestern befunden hätten. Der Beschuldigte betonte zudem, dass er nur Nester aus dem Vorjahr vom Baum geholt habe. Neue Nester, die noch im Bau waren, habe er auf dem Baum belassen. Es könne also keine Rede davon sein, dass er Krähen beim Brutgeschäft gestört habe. Denn: «Krähen legen keine Eier in noch nicht fertig gebaute Nester.»

Der Beschuldigte verwies unter anderem auf ein Merkblatt der Stadt Bern. Daraus gehe hervor, dass die Stadt bei Bäumen auf öffentlichem Grund Vergrämungsmassnahmen zulasse. Weiter führte der Mann ins Feld, dass die Schonzeit für die Saatkrähen lediglich für die Jagd gelte, nicht aber für Vergrämungsmassnahmen.

Schonzeit gilt nicht nur für die Jagd

Die Richterin ihrerseits verwies ebenfalls auf das Merkblatt. Darin stehe nämlich ebenso klar, dass Vergrämungsaktionen bei Bäumen auf öffentlichem Grund der Wildhut oder der zuständigen Stelle vorgängig gemeldet werden müssten. Das habe der Mann aber nicht getan.

Weiter stellte sich Gysi auf den Standpunkt, dass die Schonzeit für die Saatkrähen nicht nur für die Jagd gelte. Der Sinn und Zweck der Schonzeit sei es, den Vögeln das ungestörte Brüten zu ermöglichen.

Daher seien auch Vergrämungsmassnahmen während dieser Zeit eine Störung des Brutgeschäfts. Des Weiteren stehe in einem vom Beschuldigten ebenfalls zitierten Merkblatt der Vogelwarte Sempach auch, dass «allfällige Eingriffe in Kolonien vor der Schonzeit abgeschlossen sein müssen».

Gemäss der Richterin fanden sich am Tag nach der Vergrämungsaktion Eierschalen unter dem Baum. Das bedeute, dass es Eier gegeben haben müsse und die Krähen, auch wenn sie an jenem Tag nicht sichtbar waren, am Brüten gewesen seien.

Bestand kann nicht beeinflusst werden

Über die Hälfte der Saatkrähen in der Schweiz brüten in Städten. In Bern wurden die ersten Bruten 1988 festgestellt, von da an stieg die Population kontinuierlich. «Wir waren letztes Jahr bei rund 1100 Brutpaaren», sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Es handle sich um eine «natürliche Populationsentwicklung im Rahmen der veränderten Standortbedingungen und auch der Landnutzung, die das Nahrungsangebot sicherstellt».

Irgendwann werde sich ein stabiler Bestand einpendeln, sagt Tschäppeler: «Wir wissen jedoch nicht, bei wie vielen Brutpaaren das sein wird.» Denn trotz zahlreicher Massnahmen – vom mehrfachen Nestentfernen über die Vergrämung mit Scheinwerfern und Lasern bis hin zum Einsatz von Falken – ist Bern seiner Krähen nie Herr geworden. Tschäppeler muss denn auch eingestehen: «Innerhalb der gesetzlichen Vorgaben gibt es keine Möglichkeit, die Bestandesentwicklung zu beeinflussen.»

Immerhin eine Massnahme sei erfolgreich: Uhu-Attrappen. Seit fünf Jahren stehen in Bern etwa neun Uhus im Einsatz. Tschäppeler: «Wo sie konsequent bedient werden, funktionieren sie.»

(sul/sda)