Alte Munition in Mitholz

08. August 2018 16:56; Akt: 08.08.2018 16:56 Print

Bombenexperte spricht von «Horrorszenario»

Die alten Sprengsätze in Mitholz werden mit der Zeit gefährlicher, warnt ein Bombenexperte aus Deutschland. Gefährlich seien auch extrem krebserregende Stoffe.

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Mathias Peterle hat die Situation im Munitionslager Mitholz analysiert. Er spricht von einem «Horrorszenario». Gleich mehrere Faktoren seien ungünstig, so der staatliche Bombenentschärfer. Unter anderem, dass die alten Sprengkörper nahe beieinander liegen. Peterle sorgt sich auch um die hochgradig krebserregenden Stoffe, welche mit der Zeit in die Umwelt gelangen könnten. Im Bild: Eine Bombe in Mitholz. Die Materialermüdung sei ebenfalls ein Problem. Möglich sei etwa, dass die Aussenhüllen der Bomben und der Zündysteme wegen der Verwitterung abbrechen, das Innenleben aber funktionsfähig bleibe. Der Eingang zum alten Munitionsdepot in Mitholz im Kandertal. Ein Zwischenbericht einer Expertengruppe kommt zum Schluss, dass im ehemaligen Munitionslager Mitholz ein höheres Risiko für eine weitere Explosion von Munitionsrückständen besteht, als bisher angenommen. Im zweiten Weltkrieg wurde in der Gemeinde Kandergrund BE ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut. Im Jahr 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Ein weiterer Teil konnte daraufhin geräumt werden. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus. Über 200 Menschen wurden obdachlos. Mehr als 100 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Die Unglücksursache konnte nie restlos geklärt werden. Aufgrund einer Schätzung befinden sich in den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff, wie der Bundesrat in seinem Communiqué mitteilt. Frühere Beurteilungen in den Jahren 1949 1986 kamen jeweils zum Schluss, dass bei einer weiteren Explosion nur mit kleinen Schäden zu rechnen sei und dass die Anlage weiter genutzt werden könne. Bei Planungsarbeiten für ein neues Rechenzentrum in der Anlage haben nun aber Untersuchungen ergeben, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz eine Explosion verursachen könnten. Wie Bundesrat Guy Parmelin Ende Juni in Mitholz vor den Medien sagte, besteht keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse nach Kandersteg zu sperren.

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Mathias Peterle ist deutscher Bombenentschärfer und hat die Situation des Munitionsdepots der Armee im Berner Oberland analysiert. Er warnt davor, dass die Munition umso gefährlicher wird, je länger sie unten liegen bleibt.

Grund für die zunehmende Gefahr sei, dass die im Zweiten Weltkrieg verwendeten Sprengstoffe einerseits hochgradig krebserregend seien und aufgrund von Korrosion aus den Bomben geschwemmt werden könnten, sagt Peterle in einem Interview vom Mittwoch gegenüber der «Berner Zeitung».

Mehrere hundert Tonnen Sprengstoff

Andererseits sei die Materialermüdung allgemein problematisch. Möglich sei etwa, dass die Aussenhüllen der Bomben und der Zündysteme wegen der Verwitterung abbrechen, das Innenleben aber immer noch funktionsfähig sei. Das mache das Entschärfen gefährlicher, so der staatliche Bombenentschärfer.

Ende Juni wurde bekannt, dass von dem 1947 teilweise in die Luft geflogenen Depot Mitholz ein höheres Explosionsrisiko ausgeht als bisher angenommen. Nach Angaben des Bundes liegen in eingestürzten Teilen der ehemaligen Anlage und im Schuttkegel davor noch 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff.

«Horrorszenario» für Bombenentschärfer

Laut Peterle muss nun zuerst abgeklärt werden, ob eine Entschärfung überhaupt möglich ist – und zwar für jede Bombe einzeln. Denn es müsse davon ausgegangen werden, dass die Bomben und die Zündsysteme aufgrund der Explosion im Jahr 1947 beschädigt seien.

Abgeklärt werden müsse auch, ob in den engen Stollen Fernentschärfungsgeräte einsetzbar seien. Dass die Fliegerbomben zudem eher nahe aneinander liegen sei eine weitere Schwierigkeit: «Geschieht bei den anstehenden Arbeiten etwas, droht eine Massenreaktion», so Peterle.

Aus diesem Grund könne höchstwahrscheinlich auch keine Sprengung vorgenommen werden. Die Situation in Mitholz bezeichnet er für einen Bombenentschärfer als «Horrorszenario». Die Schweiz sei um diese Hinterlassenschaft nicht zu beneiden.

«Situation relativ sicher»

Dass der Bund das Dorf in der Gemeinde Kandergrund BE nach Kenntnis der Lage nicht evakuiert hat, schätzt Peterle als richtig ein. «Unnötig Panik zu machen bringt nichts», sagte er. Solange an der Munition nicht direkt gearbeitet werde oder es zu Erschütterungen komme, sei die Situation relativ sicher.

Mathias Peterle ist seit 2015 stellvertretender Einsatzleiter des Kampfmittelbeseitigungsdiensts in Baden-Württemberg und kennt die Resultate des Zwischenberichts der Expertengruppe für Mitholz.

Gelassener Bundesrat

Der Bundesrat hatte Ende Juni beschlossen, für weitere Abklärungen zur Risikobeurteilung rund um das ehemalige Munitionslager der Schweizer Armee in Mitholz eine Arbeitsgruppe einzusetzen. Zuvor war klar geworden, dass vom Munitionsdepot eine grössere Gefahr ausgeht als bisher angenommen.

Am 28. Juni gab die Landesregierung in Mitholz bekannt, eine Evakuation des Dorfs in der Gemeinde Kandergrund sei nicht nötig. Sofortmassnahmen seien auch nicht angezeigt.

(cho/sda)