Berner Mythos

10. Februar 2011 16:14; Akt: 10.02.2011 16:42 Print

Chemiker «entzaubern» Glasbrunnen

von Bigna Silberschmidt - Das Berner Kantonslabor zerschmettert den Mythos um den sagenumwobenen Glasbrunnen: Sein Wasser habe keine heilende Kraft.

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Lebenselixier: Pilgerstätte Glasbrunnen im Berner Bremgartenwald. (Bild: 20 Minuten/meo)

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«Täglich» pilgern Dutzende von Bernern in den Bremgartenwald, um vom geheimnisvollen Glasbrunnen Wasser zu zapfen oder ihre Kehlen direkt mit dem kräftespendenden Quellwasser zu füllen. Das Berner Kantonslabor ging dem Mythos auf die Spur und vernichtet ihn nun regelrecht: «Dem Wasser kann keine heilende Wirkung nachgewiesen werden», sagt Kantonschemiker Otmar Deflorin.

Kein Unterschied zu Leitungswasser

Mittels Dreiecksverfahren degustierten 67 Testpersonen Wasser - in zwei Gläser wurde Glasbrunnenwasser gefüllt, in eines normales Länggass-Leitungswasser. Fazit: «Die Probanden konnten zwischen dem Brunnenwasser und dem Hahnenburger keinen Unterschied feststellen», so Deflorin. Doch der Entzauberung nicht genug. Der Chemiker räumt gleich noch mit einer Falschmeinung auf: «Das Glasbrunnenwasser stammt nicht aus dem Jungfrau-Massiv, wie viele glauben, sondern aus der näheren Umgebung des Waldes.» Zudem bleibe der mystische Tropfen auch von weltlichen Einflüssen nicht verschont. Deflorin: «Nach strengen Wintern mit viel Streusalz steigt der Chloridgehalt des Wassers deutlich an.»

Berner glauben an Kraft des Wassers

Diese ernüchternden Botschaften können die Gemüter der Berner und ihre Liebe zum magischen Brunnen dennoch nicht trüben: «Ich komme weiterhin meine Flaschen hier abfüllen», sagt eine Spaziergängerin, «mir gibt das Wasser viel Energie.» Für den peruanischen Heiler und Schamanen Timoteo Teodor hat der Glasbrunnen ohne Zweifel magische Kräfte: Er führt regelmässig Rituale durch, bei der er und seine Anhänger aus der ganzen Welt in der Waldlichtung übernachten: «Wir waschen uns dann jeweils mit dem Brunnenwasser und trinken davon», so der Schamane.Sogar Chemiker Deflorin schwärmt: «Der Ort ist wirklich unglaublich schön und immer einen Spaziergang wert.» Er ermuntert Spaziergänger, Jogger und Pilger, weiterhin viel vom Glasbrunnenwasser zu trinken. «Erfrischend ist es auf jeden Fall.»

Die Sage lebt weiter

Einer Sage nach soll der Geist einer wunderschönen Frau, die über hundert Kinder hinterlassen hatte, von Zeit zu Zeit beim Glasbrunnen erscheinen. Eine andere Sage erzählt, dass die Seelen aller verstorbenen, lebenden und zukünftigen Bernerinnen und Berner im Wasser tief unter dem Brunnen eingeschlossen seien.