Todesdrama in Courfaivre JU

30. Oktober 2019 09:25; Akt: 30.10.2019 11:33 Print

«Hätten geholfen, einen sicheren Ort zu finden»

Eine Frau zeigt ihren Mann wegen Vergewaltigung an. Die Polizei beginnt zu ermitteln, setzt den Täter aber auf freien Fuss. Kurze Zeit später ist das Ehepaar tot.

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Mit unzähligen Kerzen und weissen Rosen wird der toten M. K. (39) aus Courfaivre gedacht. Sie wurde am 21. Oktober tot in ihrer Wohnung neben dem verletzten Ehemann aufgefunden. An einem Gedenkmarsch trauerten Verwandte und Freunde, Bekannte und Nachbarn um die Verstorbene am letzten Freitag. Und es wird die Frage gestellt: Hätte man den Tod nicht verhindern können? Wäre das Ganze zu verhindern gewesen? Für Brigitte Gschwend der Berner Opferhilfe ist klar: «Mit einem schnelleren Eingreifen wäre diese Situation anders ausgegangen.» Denn das tödliche Zusammentreffen des getrennt lebenden Ehepaars war das brutale Finale einer mehrtägigen Vorgeschichte. 10 Tage zuvor: Der seit Sommer getrennt lebende Ehemann C. K.* dringt ins Haus seiner Familie ein. Dort bedroht er seine Ehefrau M. K.* mit einer Waffe – und vergewaltigt sie. 9 Tage zuvor: M. K. erstattet Anzeige gegen ihren Ehemann. Zwei Stunden nach der Aussage der Frau befragt die Polizei den Täter. Er gesteht die Tat vom Vortag zum grössten Teil. Jetzt müssen die Behörden erstmals handeln: Seine Waffen werden beschlagnahmt, die Hausschlüssel der gemeinsamen Wohnung muss er abgeben. Zudem werden ihm ein Kontakt- und Rayonverbot auferlegt; er darf sich dem Wohnhaus und der Familie nicht mehr nähern. Doch in U-Haft kommt der Mann, der eben zugab, seine Ehefrau mit einer Waffe bedroht und vergewaltigt zu haben, nicht. Die Gründe: C. K. hat sich bis zum 12. Oktober nichts zuschulden kommen lassen, sein Vorstrafenregister ist leer. Auch zeigt er sich gegenüber der Behörde einsichtig. 4 Tage vor der Tat: Bei den Angehörigen des Ehepaars ist man beunruhigt – man zweifelt, dass die Mutter und ihre Kinder vor C. K. sicher sind. Familienmitglieder wenden sich an die Behörde und äussern ihre Bedenken. 3 Tage zuvor: Die Polizei führt mit M .K. nochmals ein Gespräch. Die Ehefrau nennt dabei jedoch keine konkreten Beispiele, die die Behörden stutzig machen. Alles bleibt beim Status quo. 21. Oktober: Ein Kind des Ehepaars findet seine Eltern tot in der Wohnung. Die Leiche der Ehefrau ist mit Stichwunden übersät – auch an den Händen weist die 39-Jährige Schnitte und Schürfungen auf. Laut der Rechtsmedizin entstanden diese, als sie sich vor dem Ehemann schützen wollte. Zudem deutet auch das Chaos am Tatort auf einen heftigen Kampf hin. Die Rechtsmedizin wird schnell feststellen: M. K. sowie der Ehemann C. K. starben beide an einer Nackenverletzung durch einen scharfen Gegenstand.

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Rund um das Todesdrama vom 21. Oktober in Courfaivre JU gibt es noch viele ungeklärte Fragen. Eine davon rüttelt besonders auf: Hätte die Tat verhindert werden können? Brigitte Gschwend von der Berner Opferhilfe vermutet: «Wenn sich die Betroffene rechtzeitig in einen geschützten Rahmen begeben hätte, hätte die Tat allenfalls vermieden werden können.»

Denn das tödliche Zusammentreffen des getrennt lebenden Ehepaars war nur das brutale Finale einer mehrtägigen Vorgeschichte. Bereits zehn Tage vor dem Todesdrama drang Ehemann C. K.* bei seiner Ehefrau M. K.* in die Wohnung ein, bedrohte die 39-Jährige mit einer Waffe und vergewaltigte sie.

Seit die Frau am Folgetag Anzeige erstattete, ermittelte die Polizei gegen den Mann. In U-Haft kam der weitgehend geständige Täter aber nicht. C. K. zeigte sich laut der Staatsanwaltschaft einsichtig, zudem habe er sich bis zu jener Vergewaltigung vom 12. Oktober nichts zuschulden kommen lassen. Auch die Sicherheitsbedenken, die Familienangehörige gegenüber der Behörden äusserten, änderten nichts an der Massnahme: C. K. blieb weiterhin auf freiem Fuss. (Details in Box*)

«In der Schweiz braucht es viel für U-Haft»

Opferhilfe-Expertin Brigitte Gschwend ist nicht wirklich erstaunt: «Bei Fällen häuslicher Gewalt – auch wenn es um eine Vergewaltigung geht – braucht es in der Schweiz sehr viel, bis die Tatperson in Haft kommt.» Oft spreche die Behörde als Massnahme ein Kontaktverbot aus. «Ein Rayonverbot kann manchmal hilfreich sein, birgt aber weiterhin ein grosses Risiko», so die Expertin.

So liess sich auch C. K. nicht vom ausgesprochenen Rayonverbot abschrecken und drang am 21. Oktober erneut in das Haus seiner Familie ein, wo die Situation schliesslich eskalierte. Auch dass die Polizei dem Mann nach der ersten Befragung die Schusswaffen abgenommen hatte, verhinderte die Bluttat nicht: Neben den Toten wurde zwei Stichwaffen mit scharfen Klingen sichergestellt.

Bauchgefühl ignoriert?

Hat die Justiz hier in Courfaivre also versagt? «Die Behörde hat aus ihrer Sicht wohl richtig gehandelt – sämtliche juristischen Mittel für diese Situation wurden ausgeschöpft», sagt Gschwend. Wer sich an Artikel und Paragraphen halte, ignoriere jedoch anderes: die menschliche Intuition. «Wenn wir auf der Fachstelle die Tätergefahr einschätzen, fällt das Bauchgefühl der Opfer oder Angehörigen stark ins Gewicht», sagt Gschwend.

Im Fall Courfaivre hatten Familienmitglieder Bedenken geäussert. «Als juristische Behörde kann man darauf aber kaum reagieren», sagt Gschwend. So sei es in solchen Fällen sehr wichtig, dass die Behörden auf die Opferhilfe aufmerksam machten. Dort kümmere man sich um die Sicherheit der Gefährdeten.

Sicherer Ort für Mutter und Kinder

Was hätte man konkret für M. K. tun können? «Wir hätten ihr zum Beispiel helfen können, einen sicheren Ort für sie und ihre Kinder zu finden», sagt Gschwend. Doch dafür sei die Zustimmung des Opfers nötig – «um sich effektiv zu schützen, muss die betroffene Person sich oftmals selber Hilfe holen.» In der schwierigen Zeit, in der sich die Opfer jeweils befänden, sei dieser zusätzliche Aufwand nicht immer einfach für sie.

Sache wird nochmals beleuchtet

Wie die jurassische Staatsanwaltschaft am Mittwochmorgen mitteilte, sei M. K. über das Angebot der Opferhilfe informiert worden – die Mutter habe eingewilligt, von der Fachstelle kontaktiert zu werden. Ob Gespräche zwischen dem Opfer und der Stelle stattgefunden haben, kann die zuständige Staatsanwältin nicht sagen: «Ich habe diese Informationen nicht.»

Auf die Frage, ob man im Voraus die Lage falsch eingeschätzt habe, meint die Staatsanwältin: «Ich habe den ersten Vergewaltigungsfall nicht behandelt. Da ich bei den Anhörungen nicht anwesend war und den Vergewaltigungsfall nicht verfolgt habe, steht es mir nicht zu, irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass der Verstorbene zuerst von der Polizei und dann mehr als vier Stunden lang vor einem Richter angehört wurde.» Das Ganze werde nun aber beleuchtet – auch, welche Bedenken Familienangehörige vor dem Todesdrama gegenüber den Behörden genau geäussert hätten.

(miw)