Knochenfund in Stadt Bern

29. April 2019 04:51; Akt: 29.04.2019 08:56 Print

Darum ist die Stadt Bern ein einziger Leichenacker

Der Fund eines Menschenknochens auf einem Berner Trottoir sorgte für Aufregung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die ganze Stadt ist voller Toter.

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«Menschlicher Oberschenkelknochen in Bern-Monbijou gesichtet», rapportiert eine Leser-Reporterin. Der Anblick machte sie skeptisch. Beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern hat man einen Verdacht: Bauarbeiter könnten bei Grabungsarbeiten auf den Knochen gestossen sein. Im 19 Jahrhundert befand sich im Monbijou nämlich ein grosser Friedhof – unzählige Berner seien dort bis 1897 beerdigt worden. (Symbolbild) Die ganze Stadt ist übersät von ehemaligen Friedhöfen – rund 18 Leichenacker sind in den letzten Jahrhunderten unter Gassenbelag und Parkanlagen verschwunden. Durch Ausgrabungen und Untersuchungen von Skeletten konnten bereits diverse Erkenntnisse über die Geschichte Berns gewonnen werden. So wurde dieses Skelett in der Nähe des Paul-Klee-Zentrums gefunden. Dabei handelt es sich um die Überreste eines Hingerichteten. Auch dem Berner Schönberg sowie dem Areal des Inselspitals wurden einst Hingerichtete verscharrt. An beiden Orten waren im Mittelalter Galgen aufgestellt. Unweit der Berner Reitschule, in der Berner Engehalde, wurden früher tote Tiere begraben. Wo später ein Tierspital gebaut wurde und heute ein Institut der Uni Bern steht, vergruben die Berner im Mittelalter erkrankte Tiere. Jedoch nur das Fleisch, denn Fell und Knochen der toten Tiere wurden verwertet. Dass hier, beim Rangierbahnhof der SBB, einst Tote ihre letzte Ruhe fanden, würde heute niemand mehr denken. Doch an der Laupenstrasse wurden zwischen 1730 bis 1824 die Armen und Fremden der Stadt Bern begraben. Die Reichen der Stadt wurden gleichzeitig auf dem heutigen Areal des Bundeshauses sowie der kleinen Schanze beerdigt. Dies an schönster Lage, sicher aufgehoben zwischen den damaligen Stadtmauern. Aber auch unter dem Asphalt des Bahnhofsplatzes, dem Rasen im Kocherpark, den Beeten im Rosengarten oder den Pflastersteinen der Postgasse liegen noch heute Skelette und Knochen vergraben. «In der ganzen Stadt wimmelt es nur so von ehemaligen Friedhöfen», sagt der Berner Archäologe Armand Baeriswyl.

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Wer durch Bern spaziert, geht im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen. Die ganze Stadt ist übersät von ehemaligen Friedhöfen – rund 18 Gottsäcker sind in den vergangenen Jahrhunderten unter Gassenbelag und Parkanlagen verschwunden.

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Wo heute die SBB ihre Züge rangiert, fanden im 18. Jahrhundert die Armen und Fremden der Stadt ihre letzte Ruhe. Beim Bundeshaus wurden zeitgleich die Wohlhabenden begraben. Auf dem Areal des Inselareals oder in der Nähe des Paul-Klee-Zentrums, wo im Mittelalter Galgen standen, wurden Hingerichtete – Erhängte, Geräderte und Geköpfte – im Boden verscharrt.

Aber auch unter dem Asphalt um die Heiliggeistkirche herum, den Kieswegen der Münsterplattform, den Beeten im Rosengarten oder den Pflastersteinen der Zeughausgasse liegen noch heute Skelette und Knochen vergraben. «In der ganzen Stadt wimmelt es nur so von ehemaligen Friedhöfen, vor allem um die mittelalterlichen Kirchen herum», sagt der Berner Archäologe Armand Baeriswyl.

Bauarbeiter graben sich durch Knochenberge

Immer wieder stossen Bauarbeiter bei Grabungsarbeiten in Bern deswegen auf menschliche Überreste. So geschehen erst vergangene Woche bei Sanierungsarbeiten im Berner Monbijou-Quartier, wo sich im 19. Jahrhundert ebenfalls ein grosser Friedhof befand.

Eine Medizinaltechnikerin fand dort frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit den Oberschenkelknochen eines Menschen auf dem Trottoir liegen. Die Finder hatten die Überreste wohl am Strassenrand abgelegt.

Zähne verraten Herkunft, Becken das Geschlecht

Dass der historische Fund dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern nicht gemeldet wurde, ärgert Fachmann Baeriswyl noch immer – «doch ein historischer Schatz ist uns hier wohl nicht entgangen». Ein einzelner Oberschenkelknochen verrate nicht besonders viel über dessen Eigentümer.

Spannender zu untersuchen seien etwa Schädel oder Zähne. Denn die Beschaffenheit des Hauptes verrät viel über die Gesundheit und Ernährung des Verstorbenen. Vorhandener Zahnschmelz lässt zudem Rückschlüsse zur Herkunft des Toten zu. Anhand eines Beckenknochens könne das Geschlecht definiert werden.

(miw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. Meier am 29.04.2019 09:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles was Anfang hat, hat auch ein Ende

    Da ist nichts Sonderbares oder Ekliges dabei. Schließlich gibt es Millionen mal mehr gestorbene Leute als lebendige. Und diese müssen ja irgendwo liegen.

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  • Rhone Strand am 30.04.2019 06:39 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts zu ändern

    Auch im Bundeshaus in Bern habe es sehr viele Leichen das hört man immer wieder aber diese haben noch richtig viel Fleisch an den Knochen.

  • Dave McWide am 29.04.2019 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Stellt euch vor...

    Ihr sterbt und nach ein paar Jahren werdet ihr von einem Bauarbeiter ausgegraben und an den Strassenrand gestellt. (jedenfalls euer Oberschenkelknochen)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jakob am 07.05.2019 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    "Millionen mal mehr"

    Da hast du dich leider arg verschätzt: Es liegen nur ca.16 mal mehr Menschen unter der Erde als aktuell auf der Erde. In dieser Zahl erklärt sich einiges der aktuellen Probleme AUF der Erde.

  • Jakob am 07.05.2019 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    "Millionen mal mehr"

    Da hast du dich aber arg verschätzt:unter der Erde liegen nur ca. 16 mal mehr Menschen als aktuell auf der Erde leben. Das ist ein Teil dessen, was viele aktuelle Probleme erklärt.

  • Tamara am 02.05.2019 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    Mal was Intressantes dies schreibt Geschichte von der Vergangenheit!

  • Berner Bär am 01.05.2019 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Bern

    Nicht nur die Stadt Bern hat dieses "Problem". Fast alle Städte, die im Mittelalter (ca. 800 - 1500 n. Chr.) gegründet wurden, sind davon betroffen. Die Faustregel lautet: "Pro Kirche ein Friedhof".

  • Gero F am 30.04.2019 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Dank der Rot Grünen Linken Regierung

    Ist dies nur in der Stadt Bern so? Wenn ja dann erst seit die Stadt Rot Links regiert wird und ein rechtsfreier Raum herrscht? Oder könnte dies sein, dass jharhunderte lng die Toten beerdigt wurden da wo dies möglich war? Evtl. sind da noch Überreste von der BH Verbrenung vorhanden....