Neue Behandlungswege

13. Mai 2019 04:45; Akt: 13.05.2019 04:45 Print

Der Psychiater kommt jetzt ins Kinderzimmer

Die Zahlen von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen explodieren. Berner forschen nun an einem neuen Ansatz: Patienten sollen Zuhause behandelt werden.

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Essstörung, Depression oder Selbstverletzung: Die psychischen Erkrankungen von Kinder und Jugendlichen sind in den letzten Jahren explodiert, Behandlungsplätze rar. Um die Situation zu entschärfen, testen die Universitären Psychiatrische Dienste UPD Bern ein neues Modell: «Wir wollen Akut-Kranke Zuhause behandeln», sagt Michael Kaess (39), Professor und Projekt-Leiter von At Home.

Der Vorteil: Junge Menschen müssten für die Behandlung ihrer psychischen Erkrankungen nicht aus dem Familiären oder schulischen Umfeld genommen werden. «So verhindern wir, dass beim Patienten weitere Probleme hinzukommen, weil wir ihn aus seiner Umgebung reissen.» Dies sei bisher teilweise der Fall gewesen, wenn die jungen Patienten stationäre oder
tagesklinisch behandelt wurden, so Kaess.

Visite am eigenen Bett

Während zwei Jahren wird die UPD den Pilotversuch durchführen. Dabei wurde eigens ein zehn-köpfiges Team auf die Beine gestellt. Pädagogen, Psychologen, Pflegefachkräfte, der Oberarzt zur Visite: «Das zur Verfügung stehende Personal ist analog einer Station – nur, dass alles in den eigenen vier Wänden der Patienten erfolgt.»

Bis zu 30 Minuten Fahrzeit nehmen die Fachpersonen für ihre Patienten auf sich. Trotz des höheren Aufwandes durch den Weg sei die Behandlung Zuhause günstiger: «Wir sparen in anderen Punkten, wie etwa bei der Infrastruktur, die wegfällt oder der 24-Stunden-Aufsicht.» Letztere erfolgt beim At-Home-Modell etwa durch Familienmitglieder oder Lehrer.

Familie als Pflegekraft

Die Grundvoraussetzung dafür, dass die jungen Patienten Zuhause behandelt werden können, ist eine hohe Motivation und Bereitschaft aller Beteiligten, meint Kaess. Anders als auf der Station werden bei diesem Modell die Eltern oder andere Bezugspersonen stark miteinbezogen. «Dafür werden die Angehörigen auch speziell von uns geschult. Nichtsdestotrotz versucht das Team möglichst oft vor Ort zu sein.»

Zehn Behandlungsplätze sind für den Pilotversuch geschaffen worden. Die UPD führt diesen im Auftrag der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kanton Berns aus. Die Plätze sind dringend notwendig. Kaess: «Die Zahl ambulanter Patienten im Kindes- und Jugendalter haben sich in den letzten Zehn Jahren verdreifacht. Die Zahl der stationären und tagesklinischen Fälle verdoppelt.»

Was belastet Kinder heute stärker?

Ein Teil dieser Erhöhung sei jedoch darauf zurückzuführen, dass Menschen heute weniger Angst davor hätten, bei psychischen Problemen Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Es gibt aber auch Studien, die darauf hindeuten, dass die psychische Belastung für Kinder und Jugendliche in unseren Breitengraden ansteigen.» Kaess schätzt, dass beide Faktoren für die steigenden Zahlen verantwortlich sind.

Es gebe jedoch keine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage: «Was belastet Kinder und Jugendliche heute stärker?» Es gebe bisher Theorien und Hypothesen, so Kaess: «Leistungsdruck, Schulstress, zerrüttete Familien, Internet und Social Media – da ist alles dabei.» Aber die Fachwelt würde im Dunkeln tappen. Seine persönliche Einschätzung: «Das Familiengefüge und soziale Umfelde der Kinder wird immer komplexer und in Teilen auch zerrütteter.» Dadurch würde in vielen Fällen das soziale Netz fehlen, das eine Person auffängt, die eine Krise oder psychische Probleme hat.

Hier versucht Kaess mit At Home anzusetzen: «Wir versuchen die nötigen Ressourcen in der Familie zu aktivieren und bieten eine Aufgabenteilung zwischen Fachpersonen und Familienmitgliedern.»

(cho)