«Heil Hydra» statt «Heil Hitler»

30. Januar 2020 04:51; Akt: 30.01.2020 04:51 Print

Das sind die absurdesten Ausreden vor Gericht

Ein Berner Töff-Raser redete sich vor Gericht um Kopf und Kragen. Um hanebüchene Ausreden sind Verkehrssünder und andere Gesetzesbrecher oft nicht verlegen.

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Ein Töfffahrer war in Meikirch BE viel zu schnell unterwegs. Vor Gericht behauptete er, der Verkehrssünder sei ein anderer gewesen. Das glaubte ihm aber niemand – auch nicht das Bundesgericht. Der Töfffahrer ist nicht der erste, der vor Gericht zu einer abenteuerlichen Ausrede greift. In Köln (D) leisteten sich zwei Verkehrsteilnehmer ein illegales Autorennen. Einer der Akteure behauptete vor Gericht, dass die Beifahrerin, seine Freundin, Angst vor den Insassen des anderen Autos gehabt habe. Deshalb habe er die Flucht ergriffen. Ein 55-jähriger Gastwirt war im August 2013 vor dem Landgericht Coburg (D) angeklagt, seine Frau mit einer Schrotflinte erschossen zu haben. Der Beschuldigte beharrte darauf, dass es sich um einen Unfall handelte: Er habe im Keller des Alten Schützenhauses Ratten jagen wollen, als er über seinen Yorkshireterrier gestolpert sei und sich der tödliche Schuss gelöst habe. (Symbolbild) Eine alleinerziehende Mutter (36) brachte ihren Sohn zur Schule. Die noch schlafende Tochter (4) liess sie mit ihrem 23-jährigen Freund zurück. Als die Frau zurückkehrte, klagte die Tochter über Schmerzen. Vor Gericht behauptete der Beschuldigte, das Mädchen sei aus seinem Bettchen gefallen. Zur Wiederbelebung habe er es an den Ohren gepackt und geschüttelt.Für das Rottweiler Landgericht war hingegen klar, dass der Angeklagte das Mädchen misshandelt hatte. Ein Hamburger Gebäudereiniger wurde er wegen unterlassener Hilfestellung angeklagt. Warum er nicht die Polizei gerufen habe, wollte der Richter beim Prozess im Juli 2011 wissen. «Ich kannte die Nummer der Polizei nicht», gab der Beschuldigte zur Antwort.

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Über 200 km/h zeigte der Tacho eines Töfffahrers an, als er im September 2016 vor der Polizei flüchtete. Dies nicht etwa auf der Autobahn, sondern innerorts im bernischen Meikirch.

Abenteuerlich waren auch die Ausreden, die der Mann später dem Gericht auftischte: Nicht er sei der Verkehrssünder, sondern ein Mitglied einer Motorradgang, das er aus Angst vor Racheakten decke, behauptete er unter anderem. Dabei war die Beweislast geradezu erdrückend: In zahlreichen Sprachnachrichten prahlte der Beschuldigte mit der halsbrecherischen Fahrt vor seinen Kollegen.

Das Bundesgericht verurteilte ihn kürzlich zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren, davon ein Jahr unbedingt, und bestätigte damit das Urteil des Obergerichts, wie die «Berner Zeitung» berichtete.

Um Ausreden sind Verkehrssünder und andere Gesetzesbrecher vor Gericht häufig nicht verlegen. Beispiele gefällig?

Schuld war der Autopilot

Ein Autofahrer krachte im März 2016 mit seinem Tesla auf der Autobahn in ein stehendes Fahrzeug. Er hatte dem Autopiloten vertraut und während der Fahrt eine Whatsapp-Nachricht verschickt. Den Strafbefehl, der ihn zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse verurteilte, akzeptierte der Beschuldigte nicht. Schuld am Unfall sei schliesslich der Autopilot. Der Richter sah das anders: Er bestätigte den Schuldspruch mit der Begründung, dass der Fahrer eines Tesla trotz der technischen Hilfsmittel immer noch Herrscher über das Fahrzeug sein müsse.

Angst vor dem Mercedes

Auf der Anklagebank im Kölner Landgericht sass Mitte Januar dieses Jahres ein 28-jähriger Immobilienkaufmann. Der hatte sich mit seinem Seat Leon Cupra ein spontanes Rennen mit einem weissen Mercedes geliefert. Während die Insassen des Mercedes davonkamen, ging der Cupra-Fahrer der Polizei ins Netz. Vor Ort gab er zu, sich zu einem Rennen verleitet zu haben. Vor Gericht änderte er seine Meinung: Die Beifahrerin, seine Freundin, habe Angst vor den Insassen des Mercedes gehabt. Um sich der Gefahr zu entziehen, habe er aufs Gaspedal gedrückt. Die Richterin schenkte dieser Version keinen Glauben und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 4500 Euro. Den Führerschein ist er ebenfalls los.

«Heil Hydra» statt «Heil Hitler»

«Heil Hitler» und «Man müsste die KZs wieder aufbauen» soll ein Obdachloser Ende 2018 am Leipziger Hauptbahnhof gerufen haben. Weiter soll er eine Frau mit üblen Beleidigungen eingedeckt, Polizeibeamte und Sicherheitsleute der Deutschen Bahn massiv bedroht und den Bahnhof trotz Hausverbot betreten haben. Im August 2019 musste er sich deshalb vor Gericht verantworten. Dort zeigte er sich in allen Punkten geständig – nur nicht in punkto Heil-Hitler-Ruf: «Ich habe nicht Heil Hitler, sondern Heil Hydra gerufen», sagte der Angeklagte dem Amtsrichter. «Hat Hydra was mit Konzentrationslagern zu tun?», fragte dieser irritiert. Darauf wusste der Beschuldigte keine Antwort. Wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung, Beleidigung, Hausfriedensbruchs und Bedrohung wurde der 34-Jährige zu einem Jahr Haft verurteilt.

Raser wollte nur Auto trocknen

In der Nähe von Kitzbühel hat die österreichische Polizei im April 2019 einen 27-jährigen Autofahrer gestoppt: Er war bei erlaubten 60 km/h mit 118 km/h unterwegs. Für die fast doppelte Geschwindigkeit hatte er eine kuriose Ausrede bereit: Den Polizisten sagte er, er habe gerade sein Auto gewaschen und sei daher zum Trocknen so schnell gefahren. Am gleichen Tag wurde ein weiterer Raser in unserem Nachbarland erwischt. Er fuhr 121 km/h, obwohl dort im Ortsgebiet nur 50 km/h erlaubt waren. Der 18-Jährige war sich jedoch keiner Schuld bewusst. Er warf den Polizisten vor, die Geschwindigkeit nicht korrekt gemessen zu haben. Ihm wurde der Probe-Führerschein abgenommen.

Frau bei Rattenjagd erschossen

Ein 55-jähriger Gastwirt war im August 2013 vor dem Landgericht Coburg angeklagt, seine Frau mit einer Schrotflinte erschossen zu haben. Der Beschuldigte beharrte darauf, dass es sich um einen Unfall handelte: Er habe im Keller des Alten Schützenhauses Ratten jagen wollen, als er über seinen Yorkshireterrier gestolpert sei und sich der tödliche Schuss gelöst habe. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass er seine Ehefrau aus Eifersucht umgebracht hatte. Das Gericht verurteilte den Mann wegen Totschlags zu 12 Jahren Gefängnis.

Kind aus Bettchen gefallen

Eine alleinerziehende zweifache Mutter (36) brachte ihren Sohn an einem Februarmorgen 2011 zur Schule. Die noch schlafende Tochter (4) liess sie mit ihrem 23-jährigen Freund zurück, von dem sie sich zuvor bereits dreimal getrennt hatte. Als die Frau zurückkehrte, klagte die Tochter über Schmerzen. In der Kinderklinik wurden unter anderem diverse Hämatome an Kopf und Körper eine Stauchung der Brustwirbelsäule und massive innere Verletzungen festgestellt. Gegenüber der Polizei gab das Kind an, der Freund der Mutter sei «ein böser Mann», der ihm «weh getan» habe. Vor Gericht behauptete der Beschuldigte steif und fest, das Mädchen sei aus seinem Bettchen gefallen. Zur Wiederbelebung habe er es an den Ohren gepackt und geschüttelt. Für das Rottweiler Landgericht war hingegen klar, dass der Angeklagte das Mädchen misshandelt hatte. Es verurteilte ihn wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Nummer der Polizei nicht gekannt

Im Untergeschoss eines Hamburger Hotels verprügelte ein Gebäudereiniger seinen Kollegen. Als dieser bereits am Boden lag, trat er ihm noch über 50-mal ins Gesicht, wie Autor und Richter Patrick Burow in seinem Buch «Ich habe nicht geschossen, nur ein bisschen. Absurde Ausreden vor Gericht» schreibt. Das Opfer erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Ein weiterer Gebäudereiniger ging während der Auseinandersetzung zweimal am schwer Verletzten vorbei, ohne Hilfe zu holen. Wegen unterlassener Hilfestellung wurde er angeklagt. Warum er nicht die Polizei gerufen habe, wollte der Richter beim Prozess im Juli 2011 wissen. «Ich kannte die Nummer der Polizei nicht», gab der Beschuldigte zur Antwort. Die Ausrede nahm ihm der Richter nicht ab, lebte doch der Mann seit 20 Jahren in Hamburg. Er wurde zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt.

(sul)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 8004 am 30.01.2020 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön zu sehen

    dass die Richter in Deutschland den Mumm dazu haben, unbedingte Freiheitsstrafen auszusprechen. Wann wird das endlich auch in der Schweiz der Fall sein?

  • Linus am 30.01.2020 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hätten mit Geld gewonnen

    währen es Topmanager, Politiker oder sonstige Leute mit Geld, hätten die vor Gericht gewonnen mit diesen Ausreden. Der Anwalt biegt das recht schon zurecht...

  • Leser am 30.01.2020 06:18 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich lese?

    Viel zu milde Urteile.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Amoglu am 30.01.2020 08:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ehrenmann

    Also um ehrlich zu sein... ich fahre manchmal auch schnell, um mein Auto zu trocknen. Das war keine kuriose Ausrede! Der Mann war einfach ehrlich.

  • Chupachup am 30.01.2020 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lügen muss bestraft werden

    Für solche Ausreden sollte es immer noch ein Jahr mehr geben und wenn der Verteidiger auch noch komische absurde Äusserungen macht, dann nochmals ein Jahr zusätzlich.

  • 8004 am 30.01.2020 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön zu sehen

    dass die Richter in Deutschland den Mumm dazu haben, unbedingte Freiheitsstrafen auszusprechen. Wann wird das endlich auch in der Schweiz der Fall sein?

  • terapiest am 30.01.2020 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    weiter so

    alle falle kommen aus westlich siden..gesellschaft am Grund...

  • Maus am 30.01.2020 07:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Wir sind alle verlohren,ernsthaft.