Hondrich BE

09. April 2018 19:07; Akt: 10.04.2018 08:16 Print

Ein Dorf kämpft gegen Ausschaffung von Syrerin

Einer jungen Syrerin und ihren Kindern droht die Rückschaffung zu ihrem gewalttätigen Ex-Mann. Dagegen gehen die Bürger von Hondrich auf die Barrikaden.

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Der Ex-Mann von R.O.* weiss nicht, wo sie sich zurzeit mit den Kindern aufhält. Damit das so bleibt, lässt sie sich nur von hinten und im Gegenlicht fotografieren. (Bild: Thuner Tagblatt/Jürg Spielmann)

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R.O.* musste in ihrem Leben bereits zweimal die Flucht ergreifen: Die erste führte sie im Juli 2015 aus dem kriegsgebeutelten Syrien nach Nordeuropa. Von dort aus floh die Mittdreissigerin im Sommer 2016 mit ihren beiden jüngeren Kindern (9 und 12 Jahre alt) in die Schweiz. Es war die Flucht vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann, dem sie im Rahmen des Familiennachzugs gefolgt war. Seit Oktober 2016 lebt O. mit ihren Kindern im Durchgangszentrum in Hondrich (Gemeinde Spiez). Dort besuchen die Kinder auch die Schule.

Nun aber droht O. die Rückschaffung in das nordeuropäische Land – und damit zum rabiaten Ex-Gatten, der ihr nach eigener Aussage schon mit dem Tod gedroht hat. Gemäss einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Februar kann der kleinen Familie in der Schweiz nicht länger Asyl gewährt werden, wie das «Thuner Tagblatt» und der «Berner Oberländer» berichten. Das Gericht wies eine Beschwerde der Asylsuchenden gegen den Entscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) ab. Dieses hatte im September beschlossen, nicht auf die Asylgesuche einzutreten und O. und ihre Kinder wegzuweisen.

Juristisch korrekt, menschlich problematisch

Der Wegweisungsentscheid hat in der 890-Seelen-Gemeinde Hondrich eine Welle der Solidarität ausgelöst. Mehrere Familien haben ein Dossier mit allen Daten und Papieren zum Fall zusammengestellt und es an Justizministerin Simonetta Sommaruga geschickt. Dazu wurden 89 Unterschriften gegen die geplante Ausweisung gesammelt. Für Dienstagabend ist zudem eine Mahnwache auf dem Berner Waisenhausplatz angesetzt.

«Wir wollen, dass die Behörden den Fall noch einmal genau untersuchen», sagt eine Elternvertreterin, die nicht namentlich genannt werden will, zu 20 Minuten. An der juristischen Korrektheit des Gerichtsurteils zweifle man zwar nicht – «aus menschlicher Sicht können wir den Entscheid aber überhaupt nicht nachvollziehen».

«Wir glauben an das Wunder»

Das Engagement für O. sei eine Herzensangelegenheit, sagt eine weitere Mutter, deren Sprösslinge ebenfalls Schulkameraden von O.s Kindern sind. «O. hat sich sehr gut integriert und hilft im Durchgangszentrum tatkräftig mit.» Durch ihre offene und herzliche Art hätten sie auch andere Kinder ins Herz geschlossen. Umso schmerzhafter sei es, O. in der aktuellen Verfassung zu erleben. «Für sie und die Kinder ist das eine sehr belastende Situation, sie haben riesengrosse Angst», sagt die Hondricherin. Umso mehr, als dass der Vollzug der Wegweisung unangekündigt erfolgt und schon in diesen Frühlingsferien möglich ist.

Ob die Bestrebungen der Bevölkerung fruchten werden, ist gemäss den beiden Frauen schwer einzuschätzen. «Wir glauben aber an das Wunder.»

Kinder vor Angst nicht mehr lernfähig

Auch die Schule Hondrich hat sich mit einem Einschreiben an das SEM für den Verbleib der syrischen Familie in der Schweiz starkgemacht. «Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Schweiz diese Menschen nicht schützen kann und durch die geplante Wegweisung in grosse Gefahr bringt», sagt Schulleiter Kurt Mühle­thaler gegenüber dem «Thuner Tagblatt».

Im Brief an das SEM schreiben die Lehrpersonen ausserdem, dass bei den Kindern seit dem negativen Asylentscheid «äusserst beunruhigende Symptome zu beobachten» seien. Die Angst vor der Rückkehr zu ihrem gewalttätigen Vater würde sie so weit lähmen, «dass sie nicht mehr in der Lage sind, zu lernen». Das zwölfjährige Mädchen habe gegenüber einer vertrauten Lehrperson gar Suizidabsichten geäussert.

* Name der Redaktion bekannt


(sul)