Amok-Rentner

18. Februar 2011 09:33; Akt: 18.02.2011 13:30 Print

Fall Peter K.: Es lief einiges schief

Die Behörden, die sich mit dem Fall des renitenten Rentners befassten, haben das Recht nicht verletzt. Der Informationsfluss zwischen Regierung und Polizei war aber nicht optimal.

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Neun Tage lang hielt der Amokrentner Peter Hans Kneubühl im September 2010 Biel in Atem. Er wurde dem Amok-Rentner zum Verhängnis: Diensthund Faro steht im Sold der Kapo Basel-Land und stellte Peter K. im Morgengrauen des 17. September 2010. Dem Gemüsebeet im unteren Bildrand entlang ging Peter, als die Polizei eintraf. Die Polizisten verfolgten ihn. Dann liess der Hundeführer Faro los. Als der Hund Peter K. stellte, liess er sich widerstandslos festnehmen. Er wurde durch den Hundebiss leicht verletzt, war aber ansonsten in guter gesundheitlicher Verfassung. Die Fähnchen zeigen den Weg von Peter K. Wollte er sich im Gemüsefeld gerade sein Frühstück holen? Die Stelle befindet sich am Waldrand, nur 15 Minuten von der Taubenlochschlucht entfernt am Rand der Stadt Biel. Seither sitzt der berühmteste Rentner von Biel im Regionalgefängnis in Untersuchungshaft. Noch am Vortag war die Polizei einem Hinweis aus Pieterlen BE nachgegangen. Mit Hunden jagten sie über ein Feld in Richtung Schrebergärten. Ausgangspunkt war offenbar das Altersheim in Pieterlen. Am Nachmittag des 16. September, kurz vor drei Uhr, waren dort Kastenwagen vorgefahren. Im Altersheim soll eine Tante des Amok-Rentners wohnen, erzählten Anwohner. Die Kapo Bern veröffentlichte am 13. September ein neues Foto, das dem bisherigen nicht gerade ähnlich sieht. Ein zweites, neu veröffentlichtes Bild zeigt den 67-Jährigen als Heimwerker. Bisher stellte sich die Kapo Bern Peter K. so vor. Sie hatte ein Bild aus den 80er-Jahren künstlich altern lassen. Doch das Bild zeigte den Vater von Peter K. «Peter, bitte melde dich»: Mit diesen Flugblättern versuchte die Kapo Bern, Kontakt mit Peter K. herzustellen. Die Polizei warf diese am Montag in der Region Biel aus Kleinflugzeugen. Peter K. fand auch Anhänger: Am Montag, 13. September demonstrierten rund 20 Personen für Peter K. und forderten einen «Notausgang» für den Rentner. Während Peter K.s Flucht bewachten ununterbrochen Polizisten das Lindenquartier in Biel. Die Schule blieb geschlossen. Denn laut Gerüchten von Anwohnern soll er in der Nacht auf Sonntag, 12. September zum zweiten Mal bei seinem Haus aufgetaucht sein. Vermutungen wurden auch laut, Peter K. habe ein unterirdisches Gangsystem gebaut. Mit Spezialgeräten suchte die Polizei darum nach Hohlräumen. In der Nacht auf Donnerstag, 8. September 2010 war Peter K. aus dem Haus am Mon-Désirweg in Biel geflohen, nachdem er sich dort über 20 Stunden verschanzt hatte. Das Haus war in einem ungepflegten Zustand: Der Garten war verwildert, ... ... das Garagentor beschädigt. Peter K. soll das Haus seit einem Jahr kaum verlassen haben. Es soll aber im Mittelpunkt des Dramas stehen: Nach Informationen der Behörden sollte das Haus im Bieler Lindenquartier zwangsversteigert werden. In der Folge hatte sich der 67-Jährige am Mittwoch vor dem ersten Besichtigungstermin darin mit seinem Gewehr verschanzt. Die Polizei hatte versucht, mit Peter K. zu sprechen. Mehrere Polizeifahrzeuge, eine Ambulanz und Feuerwehrleute waren aufgefahren. Doch Peter K. war nicht bereit zum Gespräch: Er verbarrikadierte sich im Haus ... ... die Polizei rückte deshalb mit einem Grossaufgebot an. Die Beamten umstellten das Wohnhaus. 40 Personen mussten aus dem Quartier evakuiert werden oder konnten nicht nach Hause gehen. In der Nacht auf Mittwoch eskalierte die Situation: Peter K. schoss mehrmals auf Polizisten und verletzte einen Beamten schwer - obwohl dieser eine schusssichere Weste trug. Derweil entwich der Rentner - unbemerkt. Die Polizei bemerkte anscheinend erst gegen Mittag, dass der Senior geflohen war. Die Polizei weitete in der Folge das Suchgebiet aus. (Bild der Berner Kantonspolizei zur Verfügung gestellt) Ein Armeehelikopter kreiste über Biel mit Wärmebildkamera. Der naheliegende Wald wurde genauso zum Zielgebiet wie Büren an der Aare. Dutzende Mitglieder von Spezialeinheiten aus der ganzen Schweiz standen im Einsatz. Doch Peter K. ist weiterhin flüchtig und «mit einem Gewehr bewaffnet und gefährlich», meinte François Gaudy, Polizeichef der Region Berner Jura/Seeland, an einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag. Die Bevölkerung müsse zwar nicht beunruhigt sein, Gaudy mahnte allerdings zur Vorsicht. Im Verlauf des Donnerstags suchte die Polizei an Bushaltestellen, ... ... in Parks, ... ... in Gärten, ... ... an Quartierstrassen und am Bahnhof in Biel nach dem Rentner. Das gesamte Lindequartier wurde am Donnerstagmorgen 9. September abgeriegelt und die Schule geschlossen. Eine landesweite Fahndung wurde ausgelöst: Dennoch konnte Peter K. in der Nacht auf Samstag, 11. September nochmals zurückkehren, erneut auf Beamte schiessen und wieder abtauchen.

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Im Fall des Bieler Amok Rentners Peter K. haben die Behörden am Freitag Details einer Untersuchung veröffentlicht. Das Recht sei nicht verletzt worden, der Informationsfluss aber nicht optimal gewesen. Das ist das Fazit eines vom Kanton Bern nach den Vorfällen vom vergangenen September in Auftrag gegebenen Expertenberichts des Berner Anwalts Ueli Friederich. Der Rentner sei zahlreichen Behörden bekannt gewesen, heisst es darin.

Ausgehend von einem Erbschaftsstreit seien gegen den Rentner diverse Verfahren angestrengt worden, heisst es in dem Bericht. So auch ein Entmündigungsverfahren wegen Geistesschwäche. Peter K. habe sich aber den nötigen Abklärungen entzogen. Friederich kommt zum Schluss, dass aus dem Verhalten des Rentners kein Gefährdungspotenzial für Dritte habe abgeleitet werden können.

Peter K. war immer unkooperativ

Hingegen sei klar gewesen, dass der Mann persönliche Fürsorge brauchte. Dass ihm diese nicht zuteil wurde, liege nicht am mangelnden behördlichen Austausch, sondern vielmehr daran, dass der Amok-Rentner sich stets unkooperativ gezeigt habe.

Friederich zeichnet das Bild eines Mannes, der sich zunehmend einem feindlichen Staatsapparat gegenübersah, der es auf seine «Hinrichtung» abgesehen habe.

Als die Geschehnisse am 8. September, dem Tag der angedrohten Zwangsversteigerung der Liegenschaft des Rentners, eskalierten, war die Polizei darüber informiert, dass der Mann als unkooperativer Einzelgänger galt.

Statthalter informierte nicht

Indessen wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Statthalter die Polizei über den Inhalt von Briefen informiert hätte, worin der Rentner den 8. September wiederholt als Datum seiner Hinrichtung bezeichnete. Der Regierungsstatthalter habe indessen der Polizei von möglichen Suizidabsichten des Mannes berichtet.

Der Bericht von Ueli Friederich konzentriert sich auf den Informationsaustausch unter den Behörden. Ein Bericht zu der oft kritisierten Polizeiaktion im Zusammenhang mit dem renitenten Rentner ist noch in Arbeit.

Peter K. bestritt, in Biel zu wohnen

Ebenfalls am Freitag hat die Stadt Biel ihre Sicht der Dinge dargelegt. Sie sagt, Peter K. habe stets bestritten, seinen Wohnsitz in Biel zu haben. Dennoch habe sich die Bieler Stadtverwaltung um ihn gekümmert.

Im Interesse der Öffentlichkeit und im Interesse des Amok-Rentners selber sei die mit den vormundschaftlichen Abklärungen betroffene Abteilung von ihrer Zuständigkeit ausgegangen. Dies, obwohl es «unzählige erfolglose Versuche» gegeben habe, Peter K. an seinem Wohnort am Bieler Mon-Désir-Weg anzutreffen. Das schreibt die Stadt Biel in einer Mitteilung.

Dort heisst es weiter, der Mann sei nicht offiziell in Biel gemeldet gewesen. Im Bericht zum Informationsaustausch der Verwaltungsstellen und Justizbehörden attestierten die beiden Experten der Stadt Biel, alle zumutbaren Anstrengungen unternommen zu haben, um den Wohn- und Aufenthaltsort von Peter K. abzuklären.

Künftig Gemeindeführungsorgan einsetzen

Eine «grosse Herausforderung» sei nach den Ereignissen vom 8. September - als Peter K. auf einen Polizisten schoss - die Medienarbeit gewesen, heisst es weiter. Die Stadt Biel kommt nach einer Lageanalyse zum Schluss, dass es gut gewesen wäre, in dieser Situation ein an die Situation angepasstes Gemeindeführungsorgan (GFO) einzusetzen.

Dies «zumindest für die Koordination der Kommunikation sowohl stadtintern wie auch gegen aussen».

Der Gemeinderat hat die Sicherheitsdirektion beauftragt, für künftige Fälle dieser Art einen Vorschlag für Form und Zusammensetzung des GFO auszuarbeiten.

(sda)