Raubkunst

15. Dezember 2016 10:19; Akt: 15.12.2016 13:38 Print

Gurlitt-Sammlung kann nach Bern

Die Cousine des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt unterliegt im Erbstreit vor dem Oberlandsgericht in München.

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Die Gurlitt-Bilder sollen nach Bern kommen. Gurlitt hatte kurz vor seinem Tod die wertvolle Kunstsammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht. Doch auch Gurlitts Cousine Uta Werner machte Ansprüche auf das Erbe geltend. Das Berner Kunstmuseum, im Bild Direktor Matthias Frehner, kann das Erbe antreten. 2014 gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass die Beschlagnahmung der Bilder aufgehoben wird. Cornelius Gurlitt wurde im November 2013 von «Paris Match»-Journalisten beim Einkaufen in München fotografiert. Ein ganzes Leben hatte er damit verbracht, möglichst kein Aufsehen zu erregen. (18.11.2013). Der angeblich untergetauchte Kunsthändler hatte sich die ganze Zeit in seiner Münchner Wohnung aufgehalten, aber nie auf das Klingeln reagiert. Die Polizei präsentierte den Medien einige der Bilder am 5. November 2013: , Herkunft: Kunst- und Gewerbemuseum in Moritzburg. . In der Münchner Sammlung wurden weitere Zeichnungen und Skizzen Liebermanns gefunden. In der Münchner Wohnung des Kunsthändlers Cornelius Gurlitt stellten Zollfahnder im Frühling 2012 über 1400 während der Nazi-Zeit verschollene Kunstwerke sicher. Weil Gurlitt in Deutschland nicht gemeldet war, dauerte es Monate, bis die Behörden seine Wohnung fanden (im Bild: Die Eingangstür zum Haus in München). Bei den Bildern handelte sich unter anderem um Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Emil Nolde, Franz Marc, Max Beckmann, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Max Liebermann und Albrecht Dürer. Die Sammlung soll einen Wert von rund einer Milliarde Euro haben. So hat auch die Berner Galerie Kornfeld (im Bild der Besitzer Eberhard Kornfeld) Bilder von Gurlitt verkauft. Nach dem Verkauf des «Löwenbändigers» vermuteten die Ermittler, dass Gurlitt noch weitere Verstecke mit Kunstwerken hatte. Später kamen sie von dieser Theorie ab. Die deutschen Behörden fragten in den Sechzigerjahren bei der Witwe nach den Bildern. Doch Helene Gurlitt behauptete, alle Gemälde und Unterlagen seien bei einem Bombardement in Dresden verbrannt.

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Das Oberlandesgericht in München hat das Testament des 2014 verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt für gültig erklärt. Damit gilt das Kunstmuseum Bern als rechtmässiger Alleinerbe einer ebenso illustren wie umstrittenen Kunstsammlung.

Damit ist der Weg frei für eine Überstellung der rund 1500 Werke nach Bern. Gurlitt hatte das Kunstmuseum in seinem Testament überraschend als Alleinerbe eingesetzt. Ein Teil der mutmasslich millionenschweren Sammlung ist mit Raubkunstverdacht belegt.

Gurlitts Cousine Uta Werner hat das Testament angezweifelt und Klage eingereicht. In erster und nun in letzter Instanz ist sie damit vor Gericht abgeblitzt, wie aus einem Entscheid des Oberlandesgerichts München vom Donnerstag hervorgeht.

Museum zeigt sich erleichtert

«Wir nehmen den Entscheid des Oberlandesgerichts mit Freude und auch Erleichterung zur Kenntnis»: Mit diesen Worten hat Marcel Brülhart vom Kunstmuseum Bern auf den Münchner Entscheid reagiert.

Brülhart ist Vizepräsident der Dachstiftung von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee. Er ist mit dem Gurlitt-Dossier befasst. Durch das Vermächtnis seien dem Museum bislang Kosten von rund 1,5 Millionen Franken entstanden, erklärte Brülhart auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Entscheid ist rechtskräftig

Das Münchner Oberlandesgericht ist nicht davon überzeugt, dass der Erblasser bei der Errichtung des Testaments an einem Wahn oder einer Demenz litt, die die Testierfähigkeit aufgehoben hätte, wie das Gericht in einer Mitteilung schreibt.

Schliesslich hat das Münchner Gericht auch den Weg an den Deutschen Bundesgerichtshof nicht geöffnet. Damit ist der Entscheid rechtskräftig.

Allerdings heisst das noch nicht, dass damit die Erbangelegenheit zwingend beendet ist, wie das Oberlandesgericht München ausführte. Das Ergebnis eines Erbscheinverfahrens, wie es von der Gurlitt-Cousine angestrebt wurde, hat laut Münchner Oberlandesgericht keine Bindungswirkung in einem möglichen strittigen Zivilprozess.

Gurlitt-Cousine bedauert Entscheid

Uta Werner, die Cousine des verstorbenen Kunsthändlerssohns Cornelius Gurlitt bedauert den Entscheid des Münchner Oberlandesgerichts. Das Gericht habe «das wahre Ausmass der Verwirrung» ihres Cousins nicht erkannt.

Cornelius Gurlitt sei in der Vorstellung gefangen gewesen, er müsse seine Bilder vor den Nazis retten, schreibt die Cousine in einer Mitteilung, die am Donnerstag von ihrem Sprecher verbreitet wurde. «Dass er den einzigen Weg dazu in der Schweiz sah, ist unzweifelhaft Ausdruck dieser traurigen Verwirrung», schreibt die Cousine weiter.

Dazu komme, dass ein Grossteil der Bildersammlung einen Teil deutscher Geschichte repräsentiere, «der uns an schreckliche Zeiten erinnert. Dort, wo damals Unrecht begangen wurde, sollte heute Aufklärung und Wiedergutmachung stattfinden. Deshalb hätten wir die Bilder im ureigensten Interesse unseres Landes sehr gerne in Händen von Museen und Wissenschaft in Deutschland gesehen».

Gerechtigkeit und Würde für Cornelius Gurlitt wieder herzustellen, sei und bleibe für sie ein wichtiges Anliegen, betonte Uta Werner.

Die Juristen werden nun den Entscheid des Oberlandesgerichts München in Ruhe prüfen und dann mit der Familie besprechen, ob und wenn ja welche weiteren juristischen Schritte denkbar und angebracht sein könnten. Erst dann werde die Familie ihre Entscheidung zum weiteren vorgehen treffen, hielt Werners Sprecher fest.

Weg frei für Ausstellung in Bonn

Die Deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) begrüsste das Urteil. Nun sei «der Weg frei für die gemeinsamen Ausstellungsplanungen des Kunstmuseums Bern und der Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes in Bonn für das kommende Jahr», erklärte sie. Die beiden Häuser wollen in den Ausstellungen unter anderem die Nazi-Kunstpolitik beleuchten und den Begriff der sogenannten entarteten Kunst erklären.

Bei der verfolgungsbedingt entzogenen Raubkunst, meist von jüdischen Sammlern und Kunsthändlern, geht es laut Grütters zuerst um die Anerkennung der Opferbiografien. «Dieser Schritt ist essentiell für einen verantwortungsvollen und transparenten Umgang mit den Werken und ihrer Geschichte, vor allem aber sind wir auch diese Aufbereitung den Opfern in aller Welt schuldig», erklärte sie.

Erleichterung in Bern

Mit Freude und Erleichterung hat das Kunstmuseum Bern auf das Münchner Gurlitt-Urteil reagiert. Das Haus kann nun die nächsten Schritte planen, darunter die von Grütters angesprochenene parallelen Ausstellungen in Bonn und Bern.

«Für uns ist es wichtig, dass wir die Ausstellungen nun machen können und die Werke der Öffentlichkeit gezeigt werden», machte Marcel Brülhart vom Kunstmuseum Bern auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda deutlich. Der Rechtsanwalt leitete bereits die Verhandlungen mit den deutschen Stellen über den Umgang mit der Sammlung Gurlitt.

Ausserdem dürfte die eigene Forschungsstelle in Bern bald ihre Arbeit aufnehmen. Auch nach dem Entscheid vom Donnerstag bleiben offene Fragen. So gibt es im Konvolut Bilder, deren Herkunft bislang nicht genau geklärt werden konnte. Darunter befinden sich laut Brülhart «einzelne Gemälde von herausragender kunsthistorischer Bedeutung», beispielsweise ein Werk von Paul Cézanne.

«Ausforschung» braucht Zeit

«Von zentraler Wichtigkeit ist für uns, dass sämtliche Werke 'ausgeforscht' werden», betonte Brülhart. «Das kann noch bis zu zwei Jahre dauern.» Die sogenannten «abgeklärten Werke» werden schrittweise nach Bern kommen oder restituiert werden.

Es gibt laut Brülhart auch Werke, bei denen zwar kein Hinweis auf Raubkunst besteht, die Herkunft aber nicht abschliessend geklärt werden kann. In diesen Fällen hat das Kunstmuseum ein Wahlrecht.

Brülhart: «Wenn wir solche Werke übernehmen würden und sich anschliessend ein Raubkunstverdacht ergäbe, würden wir die Werke nach der deutschen Auslegung der Washingtoner Erklärung restituieren.» So habe man es ja mit der BRD und Bayern vereinbart.

Ein grosser Teil der Werke sei indessen frei von Raubkunstverdacht, betonte Brülhart.

(ij/sda)