Häusliche Gewalt in der Region Bern

11. November 2018 16:52; Akt: 11.11.2018 16:52 Print

Auch Frauen und Kinder schlagen zuhause zu

Die Stadt Bern startet eine Kampagne, die sich an männliche Opfer von häuslicher Gewalt richtet. Gleichzeitig präsentiert eine aktuelle Studie des Notfallzentrums erschreckende Zahlen.

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Die Stadt Bern startet kommende Woche eine Kampagne, die sich an männliche Opfer von häuslicher Gewalt richtet. Laut der Stadt Bern ist nämlich jedes fünfte Opfer von häuslicher Gewalt ein Mann. Wie Ester Meier, Leiterin von Berns Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz, am Freitag in Bern vor den Medien bekannt gab, werden in den kommenden fünf Wochen in Stadtberner Trams und Bussen Plakate aufgehängt. Auf ihnen wird das Piktogramm eines Mannes zu sehen sein, das zahlreiche Wunden aufweist. Darunter steht die Botschaft: «Fachstelle Häusliche Gewalt: Ein Angebot auch für Männer» und dazu die Telefonnummer und die Internetadresse der Fachstelle. Ziel der Kampagne ist es einerseits, Männer auf die Existenz der Fachstelle aufmerksam zu machen. Andererseits soll das Thema enttabuisiert werden, wie die Stadtberner Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie in einer Mitteilung schreibt. (Symbolbild) Auch das Universitäre Notfallzentrum Bern hat in den vergangenen Jahren bezüglich häuslicher Gewalt Daten erfasst. Die 455 registrierten Fälle wurden in einer Studie ausgewertet. Täter war, ob männlich oder weiblich, in 50 Prozent der Fälle der Partner. Eltern sowie andere Familienangehörige – etwa Tanten und Onkel– wurden von den Patienten in je 3Prozent der Fälle als Täter genannt. Selbst die eigenen Kinder schlagen bisweilen zu: In 4 Prozent der gemeldeten Fälle war es der Nachwuchs, der zuhause derart ausrastete, dass sein Opfer im Spital behandelt werden musste. Die am häufigsten verletzte Körperregion war der Kopf, gefolgt von den Armen – und zwar durch Schläge mit der offenen Hand oder der Faust.

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Von Frauen verprügelte Männer sind keine Seltenheit: Von den den 257 Opfern, um die sich die Berner Fachstelle 2017 kümmerte, waren 14 Männer. Rechnet man die Fälle dazu, in denen Partner gegenseitig Gewalt ausübten, ist sogar jedes fünfte Opfer männlich. Nun startet die Stadt ab Montag eine Kampagne, die sich an männliche Opfer häuslicher Gewalt richtet – dies etwa mit Plakaten in Trams und Bussen. Damit wollen die Behörden die Problematik bekannt machen, das Thema enttabuisieren und der hohen Dunkelziffer entgegenwirken.

Auch Zahlen des Universitären Notfallzentrums Bern zeigen das Ausmass der häuslichen Gewalt. Acht Ärzte und Forscher in der Region Bern haben während 10 Jahren sämtliche Fälle von häuslicher Gewalt akribisch erfasst. Erst kürzlich wurde die Studie Häusliche Gewalt am Universitären Notfallzentrum Bern veröffentlicht, in der die Daten der 379'900 Patientenakten zusammengefasst sind. Mit der Studie kommen erschreckende Details ans Licht.

Die Opfer
In den Jahren 2006 bis 2016 wurden 455 Verletzte unter dem Stichwort HG erfasst, also häusliche Gewalt.

Auch wurden im Notfallzentrum immer wieder verletzte Männer mit dem Vermerk HG behandelt. Doch mehrheitlich wird im häuslichen Umfeld noch immer auf die Frau eingeschlagen: 94 Prozent der Opfer waren weiblich, davon rund die Hälfte mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Bei der Hälfte der Fälle waren auch die anwesenden Kinder von den Übergriffen betroffen.

Doch auch rund 30 Männer mussten in diesem Zeitraum wegen Schlägen und Tritten, Kratzer und Beulen behandelt werden, die ihnen etwa ihre Partnerinnen zugefügt hatten.

Die Täter
Täter waren, ob männlich oder weiblich, in 50 Prozent der Fälle der Ehe- oder Ex-Ehepartner, in 37 Prozent der Lebens- oder Ex-Lebenspartner. Eltern sowie andere Familienangehörige – etwa Tanten und Onkel– wurden von den Patienten in je 3 Prozent der Fälle als Täter genannt.

Selbst die eigenen Kinder schlagen bisweilen zu: In 4 Prozent der gemeldeten Fälle war es der Nachwuchs, der zuhause derart ausrastete, dass sein Opfer im Spital behandelt werden musste.

Die Verletzungen
Die am häufigsten verletzte Körperregion war der Kopf, gefolgt von den Armen – und zwar durch Schläge mit der offenen Hand oder der Faust. Die Verletzungen an den Armen lassen sich einerseits durch Festhalten, aber auch durch Abwehrmechanismen erklären.

«Beängstigend hoch ist die Zahl der Strangulationen mit 55 Fällen», schreiben die acht Experten, die die Studie gemeinsam durchgeführt haben. Würgen am Hals wurde insgesamt bei 16 Prozent der Patienten dokumentiert. Diese Übergriffe können schwerwiegende Folgen haben. In einem Fall meldete sich etwa ein Opfer drei Jahre nach dem Würgeereignis wegen Nackenschmerzen und sechs Jahre später mit Stauungsblutungen in überlebenswichtigen Venen.

Auch werden andere mögliche, schwerwiegende Folgen des Würgens genannt: Gedächtnisstörungen, Schlaganfälle und tödliche Verläufe. So zählt die sogenannte nicht-tödliche Strangulation zu einer der grössten Risikofaktoren für Tötungsdelikte.

Zeitpunkt der Eskalation
Abende und Wochenende scheinen für Partnerschaften und Ehen besonders schwierig zu sein: Am meisten mussten Opfer häuslicher Gewalt deshalb an Sonntagen verarztet werden; beinahe die Hälfte der Vorfälle ereigneten sich an den Wochenenden. Auch nachts eskaliert es immer wieder: Während der Nachtschicht wurden die meisten HG-Fälle verzeichnet.

Hintergründe
Die bekannten Risikofaktoren für häusliche Gewalt hätten sich auch in der Berner Studie erhärten lassen: Dazu gehören Alkohol, Drogen, Trennungssituationen oder psychische Vorbelastung der Angreifer.

Die gesamte Studie finden Sie unter https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003044

(miw)