33-Jähriger vor Gericht

27. November 2019 14:02; Akt: 27.11.2019 14:03 Print

Hat Thuner Töffli-Fahrer Jagd auf Frauen gemacht?

Ein 33-Jähriger steht in Thun vor Gericht. Er soll diverse Frauen beklaut und eine Prostituierte beraubt haben. Seine Nachbarin wirft ihm zudem eine versuchte Vergewaltigung vor.

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Im Zeitraum vom August 2015 bis November 2016 registrierte die Polizei in Thun eine auffallende Häufung an aussergewöhnlichen Entreissdiebstählen. Nicht nur die Anzahl der 21 Meldungen machte die Polizei stutzig: Auch schilderten die Opfer – allesamt Frauen – immer eine ähnliche Vorgehensweise des Diebes. Dieser sei nachts, als sie mit dem Velo heimfuhren, mit einem Töffli angefahren gekommen und hätte ihnen im Vorbeifahren die Wertsachen weggerissen. Mehrere bestohlene Frauen hatten zudem das Gefühl, der Unbekannte hätte ihnen bereits abgepasst; sie beinahe verfolgt.

Heute, fast genau zwei Jahre später, sitzt ein unscheinbarer junger Mann mit Brille, Jeans und grauem Kapuzenpullover vor dem Regionalgericht Berner Oberland. Ist dieser 33-jährige Thuner der kriminelle Töffli-Fahrer?

Laut der Anklageschrift jedenfalls scheint es sich hier um den Gesuchten zu handeln. Und nicht nur das: Dem Mann werden inzwischen auch eine versuchte Vergewaltigung, Nötigung und ein Raub vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert so eine Freiheitsstrafe von drei Jahren – 18 Monate davon soll der Mann hinter Gitter verbringen müssen.

So kam die Polizei auf den Angeklagten

Doch wie ist es überhaupt soweit gekommen? Als 2015 und 2016 sich die Meldungen von Entreissdiebstähle oder Versuche häuften, vermutete man bei der Polizei schnell einen Serientäter – das Muster war zu einzigartig. Schliesslich – nach dem 21. Fall – meldete sich die Polizei beim heute Angeklagten. Er passte ins Schema: Sämtliche Taten wurde in seiner Umgebung begangen, auch ist der Mann stets mit dem Töffli unterwegs. Und: Bereits 14 Jahre früher beging der Thuner genau solche Entreissdiebstähle.

Gegen den Mann wurden Ermittlungen eingeleitet. Bei den Untersuchungen stiess die Polizei auf einen weiteren Fall aus Thun, der vom Muster zwar abweicht, bei dem der Täter jedoch ebenfalls mit dem Töffli beim Tatort auftauchte. Damals, im August 2015, wurde in Thun eine Prostituierte von einem Unbekannten mit dem Vorwand, Sex haben zu wollen, in eine Seitengasse gelockt. Dort jedoch wurde die Frau vom vermeintlichen Freier zu Boden gestossen und beraubt. Für den Staatsanwalt am Dienstagnachmittag bei der Gerichtsverhandlung war klar: Auch hier hatte der Angeklagte zugeschlagen – «und auch hier ging es ihm in erster Linie nicht um die Wertsachen, sondern um den Kick», führt der Staatsanwalt bei der Verhandlung weiter aus.

Versuchte er gar noch, eine Frau zu vergewaltigen?

Während die Polizei nun also wegen Diebstahl und Raub weiter ermittelte, ging im Sommer 2018 plötzlich eine Anzeige gegen den Thuner ein. Hier soll der Mann nun noch viel schlimmer zugeschlagen haben: Eine junge Frau beschuldigte den Töffli-Fahrer der versuchten Vergewaltigung. Sie hätte den Mann – ihr bis zu diesem Zeitpunkt sympathisch wirkende Nachbar – am Abend des 21. Juni in einer Bar in Thun getroffen. Danach hätte er ihr angeboten, sie auf den Gepäckträger seines Töfflis nach Hause zu fahren. Doch auf dem Weg soll die Situation eskaliert sein. Von einem vermeintlichen Pinkelstopp soll er laut der Anklageschrift mit «offener Hose, heruntergelassener Unterhose und heraushängendem Glied» zur Nachbarin zurückgekehrt sein. Dann soll er von der Frau verlangt haben, ihn oral zu befriedigen. Als sie sich jedoch weigerte, soll der Mann handgreiflich geworden sein und versucht haben, der jungen Frau die Hosen zu öffnen. Dies sei dem mutmasslichen Täter nicht gelungen. «Ich habe so fest gekämpft, wie ich nur konnte», wird das Opfer während der Gerichtsverhandlung aus den Akten zitiert.

«Im Zweifel für den Angeklagten»

Während der Staatsanwalt den Angeklagten für schuldig hält, fordert die Verteidigerin des Mannes in allen Punkten einen Freispruch. «In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten», sagt die Verteidigerin gegenüber den Richtern. Weder sei ihm die versuchte Vergewaltigung nachzuweisen, noch gäbe es stichhaltige Beweise, dass ihr Mandat mit den Entreissdiebstählen und dem Raub etwas zu tun habe. Lediglich in einem Fall sei ihr Mandant schuldig. Der 33-Jährige gibt nämlich zu, am 8. November 2016 beim Töfflifahren einer Frau die Tasche vom Gepäckträger gestohlen zu haben. Dieser Fall sei aufgrund der geringen Deliktssumme von 200 Franken jedoch bereits verjährt, hält die Anwältin fest.

Wie sich das Gericht in diesem Fall entscheidet, wird sich am Mittwoch zeigen: Das Urteil wird am Nachmittag eröffnet.

(miw)